Das Wichtigste auf einen Blick:
- 2025 wurden so viele neue Start-ups in Deutschland gegründet wie nie zuvor – vor allem in Bayern.
- UnternehmerTUM, die Gründerschmiede der TU München, ist die größte Start-up-Factory Europas.
- Um Ideen von Start-ups zum Fliegen zu bringen, setzt UnternehmerTUm vor allem auf Kooperationen mit dem Mittelstand.
Wer innovative Start-ups sucht, wird bei der TU München definitiv fündig. In der an die Hochschule angedockten Gründerschmiede UnternehmerTUM sind schon viele große Unternehmen entstanden: Flixbus zum Beispiel, der Flugzeugbauer Lilium oder die Raketenfirma Isar Aerospace. Professor Helmut Schönenberger leitet die größte Start-up-Factory Europas. aktiv hat ihn zum Gründerboom befragt.
Herr Schönenberger, 2025 wurden so viele Start-ups in Deutschland gegründet wie nie. Liegt das vor allem an der schlechten Wirtschaftslage?
Natürlich sind Krisenzeiten immer Gründerzeiten. Gleichzeitig erleben wir aber auch einen fundamentalen Wandel: Gründer haben heute viel mehr Möglichkeiten, ein Unternehmen aufzubauen. Es gibt mehr Kapital als früher – auch wenn es natürlich längst nicht genug ist. Unsere Universitäten mausern sich langsam zu Start-up-Fabriken. Und die künstliche Intelligenz bietet – wie früher das Internet – die Möglichkeit für ganz neue Geschäftsmodelle.
Welche Rolle spielt das Thema Verteidigungstechnologie – neudeutsch: Defense Tech?
Verteidigung ist eines der Boom-Themen aktuell. Das liegt an der erhöhten Nachfrage – Stichwort Sondervermögen. Aber auch an der Motivation vieler Gründer, die sagen: Das ist eine Mission für mich. Ich will einen Beitrag leisten für ein stabiles und verteidigungsfähiges Europa.
Zahlen zu Start-ups in Deutschland
- 3.568 Start-ups wurden allein 2025 in Deutschland gegründet: Rekordwert – und 29 Prozent mehr als 2024. (Quelle: Startup-Monitor)
- 8,5 Milliarden Euro wurden 2025 in deutsche Start-ups investiert – der dritthöchste je gemessene Wert. (Quelle: EY)
- 16 Beschäftigte hatte ein Start-up in Deutschland 2025 im Durchschnitt. (Quelle: Startup-Monitor)
Ein Ziel von UnternehmerTUM ist es, Start-ups mit etablierten Unternehmen zusammenzubringen. Was bringen solche Kooperationen?
Beide Seiten haben einander viel zu bieten. Mittelständler sind erfahren in ihren Branchen, kennen ihre Kunden und haben enorm viel Know-how. Start-ups wiederum sind Jungbrunnen, die neue Technologien oft schon durchdrungen haben, bevor sie ein etabliertes Unternehmen erst entdeckt.
„Wenn alle Start-up-Factories ihre Produktionsmaschine anwerfen, werden wir zu einer der gründungsstärksten Nationen der Welt!“
Professor Helmut Schönenberger, UnternehmerTUM
Wie sieht so eine Zusammenarbeit aus?
Das kann mit einem Workshop anfangen und sich zu einer Partnerschaft entwickeln. Zum Beispiel, indem der Mittelständler Kunde oder Lieferant des Start-ups wird – oder auch Investor. Mindestens genauso wichtig wie dieser institutionelle ist der persönliche Kontakt. Wir bringen zum Beispiel in unserem Programm FamilienunternehmerTUM gezielt Gründer mit Familienunternehmen zusammen. Damit schaffen wir ein Ökosystem, in dem man sich zwanglos austauschen und gemeinsam an Themen arbeiten kann.

Sie haben viele Start-ups begleitet: Was braucht eine Idee, um fliegen zu lernen?
Es ist ein Dreiklang: Zunächst mal braucht es dafür ein starkes Team, in dem jeder seine Rolle findet – von Technologie bis Vertrieb. Dann, ganz banal: Kunden. Deswegen ist unser süddeutsches Netzwerk für unsere Start-ups so wichtig. Und drittens braucht es Kapital, und zwar viel davon. Mal zum Vergleich: Manche der großen Scale-ups – also der ausgewachsenen Start-ups –, die bei uns entstehen, haben Finanzierungsrunden von 100 Millionen Euro. So viel Kapital braucht es, wenn man auf Weltniveau wachsen will.
Wie unterstützen Sie Gründer bei UnternehmerTUM konkret?
Unser Ansatz ist: Wir bieten Gründerinnen und Gründern ein großes Experimentierfeld, auf dem sie ihre Idee „de-risken“ können. Das heißt: Wir helfen ihnen dabei, die Risiken, die ihnen am Markt drohen, zu entschärfen. Habe ich ein gutes Team? Gibt es Kunden, die sich für meine Idee interessieren? Wie kann ich Geld ranschaffen? Bei all dem bieten wir den Teams mit unserem Netzwerk eine nahezu perfekte Unterstützung. Deshalb ist München wirklich ein Paradies für Gründer. Das zeigt sich in den Zahlen: Bei uns entstehen 140 Start-ups im Jahr – zwei bis drei pro Woche!
Das ist gut – aber im internationalen Vergleich sind die deutschen Gründerzahlen trotzdem nicht top. Wie blicken Sie auf den Gründungsstandort?
Ziemlich optimistisch! Ein echter Gamechanger sind aus meiner Sicht die nationalen Start-up-Factories, von denen es aktuell zehn gibt. Wenn die alle ihre Produktionsmaschine anwerfen, werden wir zu einer der gründungsstärksten Nationen der Welt! Aber dazu brauchen wir noch einiges an Hilfestellung.
Was konkret?
Zum einen deutlich mehr Wachstumskapital: Pro Jahr bräuchten wir rund 20 Milliarden Euro, haben aber derzeit nur 8. Hier muss die Bundesregierung Bedingungen dafür schaffen, damit genug Geld von privater Seite kommt. Zum anderen muss auch der Staat selbst sich trauen, Aufträge bei Start-ups zu platzieren. Und natürlich müssen wir bei den bürokratischen Themen endlich schneller werden. Zum Beispiel dauert die Eintragung einer GmbH bei uns immer noch sechs bis acht Wochen. Unsere Nachbarn schaffen das in ein paar Tagen.

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band.
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