Ludwigshafen/Essen. Es gibt Hoffnung auf neue und bessere Arzneien für die gefürchteten Alterskrankheiten Parkinson und Alzheimer-Demenz. Die beste Nachricht kam jüngst aus den USA: Ein in klinischen Zulassungsstudien befindliches Medikament des US-Konzerns Biogen verbesserte in höheren Dosen die geistige Leistungsfähigkeit von frühen Alzheimer-Patienten. Das zeigte sich in einer großen Studie, die der Konzern im Frühjahr noch mangels Erfolgsaussichten gestoppt hatte. Inzwischen haben die Forscher die Resultate noch einmal völlig neu analysiert. 

US-Konzern will für neuen Alzheimer-Wirkstoff jetzt eine Zulassung beantragen

Jetzt will Biogen bei der US-Arzneimittelbehörde FDA eine Zulassung für den Wirkstoff („Aducanumab“) beantragen. Gibt die FDA grünes Licht, wäre das die erste Neuzulassung bei Alzheimer-Demenz seit fast zwei Jahrzehnten – und die erste Therapie, die an den Ursachen ansetzt.
Sowohl für Alzheimer als auch für Parkinson haben Pharmakonzerne weltweit eine Menge neuer Wirkstoffe im Köcher. Auch einige der ­45  Unternehmen, die dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller hierzulande angehören, tüfteln an neuen Präparaten für die beiden Krankheiten. Insgesamt beschäftigen sie 17.000  Mitarbeiter in der Forschung und stecken jedes Jahr mehr als 6  Milliarden Euro in neue Medikamente. 
Die Krankheiten Alzheimer-Demenz und Parkinson, die oft erst nach dem 60. Lebensjahr auftreten,  erweisen sich für die Forscher der Branche bisher als ungewohnt harte ­Brocken. Märkisch aktiv fragte deshalb bei ­Experten nach: Wo steht die Forschung ­
heute? Und bis wann könnte es neue bessere Therapien geben? 

Im Labor lässt sich Parkinson bereits stoppen

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Eingefärbte Nervenzellen weisen den Weg: Wissenschaftler Janina Ried und Peter Reinhardt suchen im Labor und am Rechner nach neuen Therapiemöglichkeiten. Bild: Sandro
" data-fancybox="gallery">Eingefärbte Nervenzellen weisen den Weg: Wissenschaftler Janina Ried und Peter Reinhardt suchen im Labor und am Rechner nach neuen Therapiemöglichkeiten.
  • Die Diagnose Parkinson ist ein Schock: Zittern, Muskelsteifigkeit, Bewegungsverlangsamung, Demenz sowie der Verlust des Geruchssinns erwarten die Patienten. Bundesweit sind 220.000 Menschen betroffen, im Jahr 2030 wird die Zahl bei 400.000 liegen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Parkinson. Zwar lassen sich die Symptome lindern, die Krankheit ist aber bisher nicht heilbar. Doch ein Durchbruch in der Therapie, an der Hochkaräter wie AbbVie, Roche, Boehringer Ingelheim oder UCB forschen, steht vielleicht kurz bevor: „2025 könnten neue Medikamente auf den Markt kommen, wenn die aktuellen Ansätze erfolgreich sind“, schätzt Peter Reinhardt (37), Experte für Zellbiologie beim Pharma-Unternehmen AbbVie in Ludwigshafen. Hier arbeiten Wissenschaftler der Biologie, Chemie, Informatik und Mathematik Hand in Hand, um Nervenkrankheiten zu stoppen oder sogar zu heilen.
  • Auslöser sind absterbende Nervenzellen des Gehirns, die über viele Kontaktstellen miteinander verbunden sind. Fehlt der für die Nachrichtenübermittlung zwischen den Zellen nötige Botenstoff (Dopamin), kommt es zu den typischen Parkinson- Symptomen. Den Betroffenen fällt es immer schwerer, Reize aus der Umwelt wahrzunehmen, die Bewegungen von Armen und Beinen zu steuern oder schwierige Denkaufgaben zu meistern. „Wir wissen, wie sich die Krankheit im Körper ausbreitet. Aber nicht, weshalb die Nervenzellen absterben“, erklärt Reinhardt. Er experimentiert mit künstlich gezüchteten Nervenzellen im Labor.
  • „Was ist ursächlich für den Ausbruch oder für das Fortschreiten der Erkrankung?“, fragt sich Reinhardt. Er vermutet ein Zusammenspiel von Umwelt- und genetischen Faktoren. Sein Ziel: Den Prozess nicht nur stoppen, sondern kranke Nervenzellen sollen sich wieder erholen. Dazu modelliert er im Team die komplexe und sehr langsam fortschreitende Krankheit in einer Zellkulturschale und schaut, was gesunde von kranken Nervenzellen unterscheidet. Unterstützt wird die Forschung von Mathematikerin Janina Ried (34): „Wir erstellen quasi einen Genaktivitäts-Fingerabdruck“, erläutert sie. „Und wollen wissen: Wie kriegen wir krank wieder gesund? Dazu verwendet man bioinformatische und statistische Methoden.“
  • Die Ergebnisse lassen hoffen: Ein falsch gefaltetes Protein gibt anscheinend die krank machende Information von einer Zelle an die nächste weiter. Schaltet man es mithilfe einer Antikörpertherapie aus, lässt sich die Krankheit vielleicht stoppen. „Im Labor funktioniert es prima“, so die Wissenschaftler. Wenn auch die Studien in der Klinik und die Ergebnisse 2025 erfolgreich sind, wäre die Arznei kurz darauf verfügbar.

Bei einem Drittel der Alzheimer-Gefärdeten kann man heute vorbeugen

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Alzheimer-Diagnose mit Tomografie: Eine Patientin wird in einer Klinik für die Untersuchung in der Riesenröhre vorbereitet. Bild: Getty
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  • Die Alzheimer-Demenz ist gefürchtet: Das Gedächtnis lässt nach, alltägliche Handgriffe fallen schwer, Worte fehlen, und das Zeitgefühl geht verloren. 1,1 Millionen Menschen leiden laut der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft an der Krankheit, jedes Jahr kommen 200.000 hinzu.
  • Medikamente können das Leiden bisher nur lindern, berichtet Richard Dodel (56), Alzheimer-Experte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Der Geriatrie-Professor von der Universität Duisburg-Essen hat aber auch eine gute Nachricht: „Wir können heute bei einem Drittel der Gefährdeten dem Leiden vorbeugen. Denn wir haben in den letzten Jahren sehr viel über Entstehung und Verlauf der Krankheit gelernt.“
  • Diese Vorbeugung macht man mit einer sogenannten multimodalen Therapie. Sie setzt am Lebensstil des Patienten an und soll Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes vermeiden. Das erfordert eine mediterrane Diät (Gemüse, Obst, Fisch, wenig Fleisch), körperliche Aktivität, Gehirntraining sowie Beschäftigungstherapie. Dodel: „Eine finnische Studie mit 1.200 Teilnehmern hat belegt, dass die geistige Leistungsfähigkeit der Patienten dadurch wieder zunimmt.“
  • Auch bei der Diagnose gibt es Neues. Eine App des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim könnte Ärzten in Zukunft helfen, potenzielle Patienten frühzeitig zu erkennen. Mit künstlicher Intelligenz soll sie Sprachmuster identifizieren, die bei der Krankheit auftreten. Derzeit wird die App getestet. Zudem tüfteln Forscher von Unis und Instituten an einem Bluttest. Bisher lässt sich Alzheimer nur durch Untersuchung der Gehirnflüssigkeit oder mit der Computertomografie frühzeitig nachweisen. Das ist wichtig, um möglichst früh eine Therapie zu beginnen.
  • Fieberhaft forschen Wissenschaftler an besseren Medikamenten. Als Ursache der Alzheimer-Demenz gelten Veränderungen im Gehirn der Kranken: Dort bilden sich bestimmte Plaques aus Eiweißbruchstücken sowie faserförmige Ablagerungen. Diese Prozesse führen zum Absterben der Nervenzellen. Mit neuen Wirkstoffen wollen Forscher nun die Bildung dieser Plaques hemmen, ihren Abbau fördern oder die Fasern attackieren. Und der Krankheit möglichst vorbeugen. Die US-Unternehmen Lilly Pharma und Biogen sowie der Schweizer Roche-Konzern prüfen solche Substanzen. 132 Präparate in klinischen Tests zählte eine US-Studie in diesem Jahr.
  • Große Hoffnungen setzen Dodel und Kollegen derzeit auf den Biogen-Wirkstoff „Aducanumab“: „Sollten sich die positiven Resultate erhärten, wäre das ein Durchbruch.“ Spätestens jedoch bis 2025 oder 2030 sollte eine Arznei gefunden sein.

Warum innovative Medizin so teuer ist

  • Bei der Alzheimer-Demenz ist die Misserfolgsrate der Pharmaforscher besonders hoch: 99 Prozent der Klinik-Studien schlugen binnen eines Jahrzehnts fehl. Seit dem Jahr 2002 wurde nur ein neues Medikament zugelassen; die Konzerne investierten Riesensummen vergebens.
  • Das zähe Ringen zeigt exemplarisch, warum die Entwicklung neuer Arzneien so teuer ist: „Die Fehlschläge müssen natürlich mitfinanziert werden“, erklärt Hendrik Jürges, Professor für Gesundheitsökonomie an der Uni Wuppertal. Deshalb investieren Pharmakonzerne laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller 1 bis 1,4 Milliarden Euro in jeden neuen Wirkstoff, der am Ende tatsächlich auf den Markt kommt. „Diese Summen wollen die Unternehmen über den Preis wieder einspielen“, erklärt Jürges.
  • Vor allem die klinischen Tests erfordern hohe Investitionen. In Phase eins ermittelt man bei 60 bis 80 gesunden Menschen Dosis und Verträglichkeit eines Wirkstoffs, in Phase zwei bei einigen Hundert Kranken, ob der gewünschte Effekt eintritt. In Phase drei werden die Ergebnisse bei 10.000 bis 18.000 Patienten erhärtet. Von der Idee bis zur zugelassenen Arznei dauert es über 13 Jahre.