Das Wichtigste in Kürze:
- Unsere Denkweise entscheidet, wie wir Veränderung erleben – ein Growth Mindset fördert Neugier, während ein Fixed Mindset Lernen erschwert.
- Das Growth Mindset ist uns angeboren, geht aber durch Erziehung und Schule oft verloren.
- Veränderung fällt leichter, wenn wir mentale Gewohnheiten durchbrechen.
Warum fällt Veränderung manchen so schwer, während andere sie positiv angehen? Vaya Wieser-Weber ist Keynote Speakerin, Autorin und Geschäftsführerin der Agentur „Impulspiloten“. Auf dem „Industrie digital“-Kongress von Niedersachsenmetall hat sie über das Thema „Growth Mindset“ gesprochen. Im aktiv-Interview erklärt sie, weshalb unsere Denkweise entscheidet, wie wir Lernen und Wandel erleben – und welche mentalen Hacks dabei helfen, wieder neugieriger zu werden.
Frau Wieser-Weber, was ist ein „Growth Mindset“?
Der Begriff stammt von der Professorin Carol Dweck. Die amerikanische Psychologin hat untersucht, wie Kinder denken und wie sich das auf ihre Motivation und ihr Handeln auswirkt. Dabei stellte sie fest, dass manche Kinder selbst an extrem schwierigen Aufgaben Freude hatten, obwohl sie kaum lösbar waren. Aber diese Kinder liebten einfach das Tüfteln und Ausprobieren. Andere Kinder hingegen waren schnell frustriert und wollten mit Dingen, die sie nicht sofort konnten, nichts zu tun haben. Dweck nannte diese beiden Denkstile Growth Mindset und Fixed Mindset (auf Deutsch: Wachstums-Denken und festgelegtes Denken).
Wie unterscheiden sich diese Denkstile?
Menschen mit einem Growth Mindset denken in Möglichkeiten. Sie konzentrieren sich beim Lernen auf den Prozess statt nur aufs Ergebnis, bleiben neugierig und betrachten Lernen als etwas Natürliches. Menschen mit einem Fixed Mindset hingegen definieren sich vor allem über Talent. Entweder sie können etwas sofort oder gar nicht. Sie erleben Schamgefühle, wenn ihnen etwas nicht direkt gelingt. Sie empfinden auch eher Neid, wenn andere im Umfeld erfolgreich sind.
Wenn das schon im Kindesalter sichtbar wird: Kann man ein Growth Mindset lernen?
Die spannende Frage lautet: Ist unser Mindset wirklich angeboren? Wir kommen als Lernmeisterinnen und Lernmeister zur Welt. Unsere gesamte Entwicklung ist geprägt von unzähligen Versuchen – vom ersten Wort über den ersten Witz bis hin zum Laufen, Lesen oder Rechnen. Eigentlich haben wir alle ein Growth Mindset in uns.
Und warum verlieren es dann einige?
Ganz einfach: Schule passiert. Erziehung passiert. In der Schule liegt der Fokus häufig auf Fehlern und Scham. Auch in der Erziehung wird oft das Talent gelobt, statt der Prozess: „Du bist so gut in Englisch“ statt „Du hast toll gelernt“. Das führt dazu, dass Kinder Lernen zunehmend mit Talent, Bewertung und Scham verbinden, und nicht mehr mit Neugier.
Bei Erwachsenen sind es oft eingefahrene Gewohnheiten, die die Lust aufs Lernen nehmen. Warum ist es so schwer, solche Denkmuster zu durchbrechen?
Durch unseren Kopf rasen täglich Tausende Gedanken. Die Zahlen variieren, aber es sind mindestens 7.000. Und rund 90 Prozent davon denken wir jeden Tag aufs Neue. Das schafft mentale „Autobahnen“, gewohnte Denkmuster, die wir immer wieder durchlaufen. Und wenn diese Muster aus einem Fixed Mindset kommen, fühlt sich Veränderung besonders herausfordernd an.
„Ich kann das noch nicht“ klingt ganz anders als „ich kann das nicht“
Wie findet man die Abfahrt von so einer „Denkautobahn“?
Ein kleines, aber mächtiges Werkzeug, um diese Muster zu durchbrechen, ist das Wörtchen „noch“. „Ich kann das noch nicht“ klingt ganz anders als „ich kann das nicht“ – und hat eine ganz andere Wirkung auf unser Denken. Das „noch“ schafft eine Perspektive auf Entwicklung statt auf Defizit.
Sie machen Workshops für Führungskräfte in Unternehmen, die ein Growth Mindset in ihren Teams etablieren wollen. Wie kann man Mitarbeitende motivieren, Veränderungen mitzugehen?
Grundsätzlich braucht es erst einmal ein Bewusstsein dafür, dass jede Veränderung mit Lernen verbunden ist. Auch Veränderungen, die man sich nicht ausgesucht hat. In Unternehmen passiert das ständig, immer wieder werden Abläufe verändert und Prozesse neu gestaltet. Mitarbeiter müssen sich immer wieder umstellen. Natürlich kann sich das frustrierend und ermüdend anfühlen. Aber wenn man das Konzept des lebenslangen Lernens annimmt, kann man Veränderungen viel besser annehmen.
Lässt sich das trainieren?
Natürlich! Ich habe heute zum Beispiel schon gelernt, dass es Uber-Fahrer gibt, bei denen man sein Gepäck selbst in den Kofferraum legen muss. Dann bin ich zu dieser Konferenz gekommen, habe gelernt, wie das mit dem automatischen Ticketsystem funktioniert. Es mag banal klingen, aber diese Übung hilft, das Gehirn darauf zu trainieren, verstärkt auf Lernmomente zu achten. Wer bemerkt, wie viel er täglich lernt, stärkt sein Gefühl für die eigene Lernfähigkeit und ist offener dafür.
Die Industrie steckt in der Transformation
Veränderung gibt es gerade in der Industrie auf allen Ebenen. Autozulieferer, die bislang Produkte für den Verbrennungsmotor gebaut haben, müssen sich auf die E-Mobilität umstellen. Automatisierung, Robotik und KI verändern ganze Fertigungsprozesse. Weiterbildung und lebenslanges Lernen werden immer wichtiger. Umso kritischer ist deshalb das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung: Demnach plant nur die Hälfte der Beschäftigten 2026 eine Weiterbildung.




