München. Bayerns Wirtschaft stehen schwierige Zeiten bevor. Und insbesondere die Metall- und Elektroindustrie des Freistaats sieht sich großen Herausforderungen gegenüber. Die Konjunktur kühlt sich deutlich ab. Große Umbrüche wie die Digitalisierung und der Strukturwandel in der Automobilindustrie finden bereits statt.

Zugleich verschärft sich der internationale Wettbewerb um Marktanteile, Wertschöpfung und Jobs. Und hinzu kommen gefährliche politische Risiken in Form von Protektionismus und Handelskriegen. 

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In diesem Umfeld muss nicht nur die Politik alles tun, um den Industriestandort Bayern zu stärken. Diese Aufgabe liegt auch in der Verantwortung von Unternehmen und Beschäftigten. Es wird in Zukunft darauf ankommen, dass die beiden Tarifparteien gemeinsam mit einer zukunftsgerichteten Tarifpolitik den schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit stoppen.

Die Digitalisierung ist für uns eine Chance – und keine Bedrohung

Dazu müssen wir nicht zuletzt runter von den hohen Kosten am Industriestandort Deutschland und Bayern. Schließlich können Tarifpartner mit ihrer Lohnpolitik nur das verteilen, was vorher erwirtschaftet wurde. Künftige Tariflohnsteigerungen müssen sich daher allein am Produktivitätsfortschritt orientieren.

Zudem müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine gemeinsame Basis finden, um die großen strukturellen Umbrüche in der Industrie zu meistern. Die Digitalisierung kann uns dabei helfen – und unserem Standort langfristig Wertschöpfung und Beschäftigung sichern. Dafür freilich muss jeder Einzelne Digitalisierung und technische Veränderungen als große Chance begreifen. Dazu gehört etwa für alle Beteiligten ein klares Bekenntnis zur Weiterbildung.

Insgesamt wird die Bedeutung von Flexibilität deutlich zunehmen – und zwar in vielen Bereichen. Flexibilität spielt etwa eine Rolle, wenn Mitarbeiter und Unternehmen ihren Betriebsalltag miteinander organisieren wollen. Zwangsläufig wird es da zu Veränderungen kommen – und mehr Beweglichkeit bei den Arbeitszeiten ist gefordert.

Auch auf tariflicher Ebene steigt die Bedeutung von Flexibilität. Denn die M+E-Industrie mit ihren unterschiedlichen Branchen und Betriebsgrößen ist heterogener denn je.

Mindeststandards setzen statt immer komplexere Regeln aufstellen

Grund dafür ist der Strukturwandel, der durch Digitalisierung und Elektrifizierung immer schneller voranschreitet. Darüber hinaus sind die betrieblichen Anforderungen höchst unterschiedlich – auch angesichts verschiedener Abhängigkeiten vom Konjunkturzyklus. Das bedeutet, dass sich Betriebe sehr genau überlegen müssen, ob sie sich in der derzeitigen Lage den Flächentarif noch leisten können.

Grundsätzlich zeigt ein Blick auf die Tarifbindung, dass fast 80 Prozent der bayerischen Beschäftigten in Betrieben arbeiten, die entweder direkt dem Tarifvertrag unterliegen – oder sich zumindest in weiten Teilen daran orientieren. Das Interesse am Tarif auch auf Arbeitgeberseite ist demnach nach wie vor groß – nur mit den vielen komplexen Einzelregelungen des Vertrags haben die Unternehmen Schwierigkeiten. Gerade der Mittelstand hat oft nicht die Kapazitäten, sich intensiv mit der immer höheren Regelungsdichte und Regelungstiefe auseinanderzusetzen.

Daher sollte ein Flächentarifvertrag nur einheitliche Mindestbedingungen festlegen. Je betriebsnäher und flexibler die Anwendungsmöglichkeiten sind, desto leichter fällt es Unternehmen, die Regeln auch in der betrieblichen Praxis umzusetzen. Andernfalls werden sie sich zunehmend aus der Tarifbindung verabschieden. Und das ist weder im Interesse der Arbeitgeberseite noch der Gewerkschaft.

Die Tarifverträge brauchen Öffnungsklauseln

Moderne Tarifpolitik sollte zudem darauf abzielen, die Unternehmen bei den aktuellen Herausforderungen zu unterstützen, um weiterhin wirtschaftlich erfolgreich und wettbewerbsfähig zu bleiben. Nur dann lassen sich am Standort Bayern attraktive Arbeitsplätze erhalten.

Aus diesem Grund sollten die Tarifverträge der Zukunft den Betrieben ausreichend Luft zum Atmen lassen – und ihnen ermöglichen, entsprechend ihrer individuellen Situation flexibel auf Herausforderungen zu reagieren. Die Regelungen müssen allen Betrieben eine Heimat bieten – und nicht nur solchen, denen es gut geht.

Möglich wird eine solche Flexibilität durch sogenannte Öffnungsklauseln. Sie erlauben etwa in wirtschaftlich schwierigen Lagen vorab vereinbarte Abweichungsmöglichkeiten vom Tarifvertrag – und gewährleisten so, dass Betriebe ökonomisch nachhaltig wirtschaften können. Auch in Zukunft!

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