Kleine Kinder lernen es auf dem Spielplatz, Geschwister in der Familie: Die Basis für ein erfolgreiches Miteinander ist Gerechtigkeit. Das gilt auch in Unternehmen. Die Forschung zeigt: Wenn sich Mitarbeiter fair behandelt und wertgeschätzt fühlen, verhalten sie sich gegenüber dem Arbeitgeber loyaler, sind motivierter und zeigen sich leistungsbereiter.

Wie wichtig Gerechtigkeit für den wirtschaftlichen Erfolg ist, macht auch die aktuelle Studie „Gerechtigkeit in Unternehmen“ des Roman Herzog Instituts deutlich. Sie gibt mit dem Gerechtigkeitsradar zugleich Firmen ein praxistaugliches Instrument an die Hand, um die Wahrnehmung von Gerechtigkeit in verschiedenen Dimensionen (siehe unten) und auf verschiedenen betrieblichen Ebenen analysieren und steuern zu können.

Das Thema ist für Firmen hochaktuell

„Wo Mitarbeitende sich fair behandelt fühlen, steigt die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Ideen einzubringen und auch in schwierigen Zeiten engagiert zu bleiben“, erklärt Autor Frank Müller. „Gerechtigkeit stellt eine strategische Ressource dar, die die Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsfähigkeit von Organisationen entscheidend beeinflusst.“

Das Thema Motivation und Vertrauen ist hochaktuell. Das zeigt der jüngste Gallup Engagement Index. 78 Prozent der Beschäftigten hierzulande machen demnach nur noch Dienst nach Vorschrift – ein neuer Spitzenwert. Zugleich vertraut nur noch jeder Fünfte uneingeschränkt seiner Führungskraft.

Der Mittelstand kann besonders punkten

„Insbesondere im Mittelstand, der vielfach durch persönliche Beziehungen, flache Hierarchien und werteorientierte Führungskulturen geprägt ist, entfaltet Gerechtigkeit eine besondere Wirkungskraft“, betont Müller. „In Zeiten des Fachkräftemangels und zunehmenden Wettbewerbs um qualifizierte Arbeitskräfte wird Gerechtigkeit zu einem zentralen Faktor der Arbeitgeberattraktivität und Mitarbeiterbindung.“

Da kleinere Unternehmen häufig nicht mit den Gehältern der großen Konzerne mithalten können, dürften kulturelle Faktoren zunehmend an Bedeutung gewinnen, schätzt der Experte. „Ein als gerecht und respektvoll erlebtes Betriebsklima kann damit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.“

Fünf Dimensionen der Gerechtigkeit

  1. Verteilung: Die distributive Gerechtigkeit stellt sicher, dass Ergebnisse und Belohnungen als fair angesehen werden. Zentraler Grundsatz ist: „Jeder bekommt, was er verdient.“ Wenn es um Lohn, Prämien oder Aufstiegschancen geht, gelten nachvollziehbare Kriterien wie etwa das Leistungsprinzip.
  2. Umgang: Die interaktionale Gerechtigkeit fördert einen respektvollen Umgang und damit positive soziale Bindungen. Ziel ist ein verständnisvolles und empathisches Miteinander. Chefs erklären Entscheidungen. Guter Umgang gilt als zentraler Hebel für Motivation, Bindung und Kooperationsbereitschaft.
  3. Information: Die informale Gerechtigkeit gewährleistet Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Die Basis ist eine aufrichtige Kommunikation, die zeitnah, verlässlich und umfassend ist. Sie soll Unsicherheiten abbauen und Mitarbeitern das Gefühl geben, ernst genommen und einbezogen zu werden.
  4. Verfahren: Die prozedurale Gerechtigkeit schafft Vertrauen in Regeln und Strukturen. Schlüssige und transparente Verfahren sorgen für gerechte Ergebnisse. Anerkannte Abläufe legitimieren Entscheidungen und sind langfristig wertvoll, weil sie ein Grundvertrauen schaffen.
  5. Kultur: Die kulturelle Gerechtigkeit nimmt die Diversität der Belegschaft in den Blick. Unterschiedliche Hintergründe, Bedürfnisse und Perspektiven sollen berücksichtigt werden. In einer globalisierten Arbeitswelt und für Firmen, die Vielfalt und Inklusion fördern wollen, ist sie besonders wichtig.
Michael Stark
aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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