Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Triebwerkshersteller MTU Aero Engines nutzt Geothermie als wichtigen Teil seiner Klimastrategie.
  • Die CO2-freie Energiequelle wurde in mehr als 2.000 Meter Tiefe unter dem Werk in München-Allach erschlossen.
  • Sie dient zum Beheizen der Werkhallen und soll bald auch Galvanikbäder in der Fertigung erhitzen.

Gute Planung von Anfang an: Das ist das A und O. Davon ist Stefan Lange fest überzeugt – und handelt entsprechend. Deshalb ist der Mitarbeiter vom Triebwerkshersteller MTU Aero Engines heute happy. Er hat mit seinem Team ein Riesenprojekt erfolgreich zum Abschluss gebracht: den Bau einer eigenen Geothermie-Anlage auf dem Werkgelände – in Eigenregie! Planung, Bohrung und Bau haben die MTU mehrere Jahre lang beschäftigt.

Rechtzeitig zum Winter ist alles fertig geworden. Ende November wurde die Anlage feierlich eingeweiht. Sie versorgt den Standort mit CO2-freier Wärme, ganz ohne fossile Energien. Statt Gas heizt Wärme aus dem Erdreich rund 80 Prozent der Gebäude und Hallen. Das will was heißen, der MTU-Standort in München-Allach ist fast so groß wie eine Kleinstadt. Rund 6.000 Menschen sind dort in der Entwicklung und Fertigung von Triebwerken tätig.

Bei der Meißelweihe war es klirrend kalt

Stefan Lange, Bauingenieur, Mitte 50, sorgt da nicht nur für warme Arbeitsplätze. Sein Geothermie-Projekt dient gleichzeitig dem Klimaschutz. Nachhaltige Energieversorgung mit Erdwärme ist ein zentraler Baustein in der Klimastrategie des Unternehmens (bis 2035 will es seinen CO2-Fußabdruck um 63 Prozent im Vergleich zu 2024 senken). Die Anlage ist aktuell die effizienteste Geothermiequelle Bayerns, so das Unternehmen. Ihre Leistung entspricht etwa der jährlichen Energieversorgung von 2.000 Ein-Familien-Haushalten.

Ein Blick ins Bautagebuch zeigt, wie aufwendig das Vorhaben war, das sich MTU einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag kosten ließ.

Der 4. Dezember 2023 ist da ein Tag, der Projektleiter Lange im Gedächtnis geblieben ist. Ein großer Moment – und furchtbar kalt. Am Namenstag der heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, war traditionelle „Meißelweihe“. „Mit klammen Fingern standen wir da“, so Lange. Das zwölfköpfige Geothermieteam, Baustellenleitung, Behörden, Betriebsrat, Gäste. „Alles war aufgebaut und wir waren uns bewusst: Jetzt geht’s los.“

„Alles in allem waren locker 200 Leute an dem Projekt beteiligt“

Stefan Lange, Projektleiter Geothermie MTU

Anfang Februar dann war schon fast ein Kilometer tief gebohrt, immer weiter drillte man sich im Nordosten des Werkgeländes schräg in die Tiefe. Das Ziel waren rund 150 Millionen Jahre alte Jura-Schichten mit „Malm-Gestein“ in circa 2.000 Meter Tiefe. Hohlräume darin bilden ein ausgedehntes Thermalwasserreservoir.

Pumpversuche zeigten: Das Wasser ist heiß genug

Bangen, bohren, hoffen, messen, alles war dabei, bis man auf das Vorkommen stieß. Lange, selbst erfahrener Planer, hatte großes Vertrauen in die ausführenden Firmen. Trotzdem blieb es spannend bis zum Schluss. „Die Technik ist super“, so Lange, „dennoch kann man nie ganz sicher sein, ob man im Untergrund das vorfindet, was man erwartet hat.“

Welche Menge? Welcher Druck? Und wie heiß ist das Wasser? Das ist entscheidend bei der Geothermie. Alle waren erleichtert, als der Fündigkeitsnachweis bezeugte: Es reicht aus. Pumpversuche im vergangenen Frühjahr deuteten auf eine Förderrate von mehr als 100 Liter pro Sekunde und eine Temperatur von rund 70 Grad Celsius hin. Allerdings: Bei der Aktion entstanden kurzzeitig Dampfschwaden, die Anwohner hatte man aber vorsorglich informiert. „Uns war wichtig, dass die Öffentlichkeit rund um das Vorhaben stets gut Bescheid weiß“, betont Lange.

Das ist Geothermie

Erdwärme ist Wärme, die unterhalb der Erdoberfläche in den Erd- und Gesteinsschichten vorhanden ist. Sie bildet ein riesiges Reservoir. Je tiefer es in die Erde geht, desto höher ist die Temperatur. Pro 100 Meter Tiefe nimmt sie um etwa drei Grad zu. Im Erdkern herrschen Temperaturen von um die 5.000 Grad Celsius. Es gibt verschiedene Technologien zur Nutzung von Erdwärme, etwa hydrothermale Geothermie, wie bei Triebwerkshersteller MTU Aero Engines in München. Aus rund 2.200 Meter Tiefe wird dort das rund 70 Grad heiße Wasser an die Oberfläche gepumpt. Die Wärme wird über Wärmetauscher in den Heizwasserkreislauf des Werks übertragen. Hierbei sinkt die Wassertemperatur auf etwa 40 Grad. Das abgekühlte Wasser wird durch eine Injektionsbohrung wieder dorthin zurückgeleitet, wo es entnommen wurde. Dort erwärmt es sich erneut . So entsteht ein geschlossener Kreislauf.Bayern ist ein guter Standort für Geothermie: Der rund 150 Millionen Jahre alten Malm-Kalkstein bildet ein großes Tiefengrundwasserreservoir. Damals befand sich in Südbayern ein subtropisches flaches Meer mit Riffen und Lagunen. Das Thermalwasser wird zum Beispiel in der Therme Erding oder in Niederbayern und auch in Oberschwaben direkt genutzt.

An Ostern ging der Schweißdraht aus

Und gab’s auch Pannen? Klar! Aber keine schlimmen. An Ostern ging der Schweißdraht aus, der auf der Baustelle dringend gebraucht wurde. Ausgerechnet über die Feiertage. Doch das Problem ließ sich lösen. Lange rief kurzerhand die Werkfeuerwehr. Sie hatte das Material schnell zur Hand.

Ende gut, alles gut. Der 500 Tonnen schwere Bohrturm ist längst abgebaut, drei Kräne und 41 Lkws waren nötig. Das Wärmeverteilzentrum mit seinen dicken, glänzenden Metallrohren steht. Hier wird die Wärme aus der Erde ins Heizungsnetz der MTU eingespeist.

Valentina und Mathilda: Seine Töchter sind Patinnen des Projekts

Lange bleibt „seiner“ Geothermie auch privat verbunden: Die beiden Bohrungen (erfolgreich!) tragen die Namen seiner Töchter. Valentina und Mathilda, 17 und 20 Jahre, sind Patinnen des Projekts zur CO2-Reduzierung. Das hat bei der MTU Tradition, so Lange. Die Gaskessel etwa hießen „Franz“ und „Sepp“, sie gehen jetzt in Rente.

Übrigens: Die Energie aus der Tiefe dient nicht nur zum Heizen, MTU nutzt sie auch in der Fertigung: Sie hilft beim Erhitzen der Galvanikbäder.

Nachgefragt bei Stefan Lange

  • Dafür steh ich morgens auf: Es geht immer wieder darum, gute Lösungen zu finden und Dinge möglich zu machen. Bei jedem Projekt gibt es da spannende Momente.
  • Das mag ich an unserem Unternehmen: Hier kann man Ideen verwirklichen. Das gibt einem den Ansporn, wirklich etwas zu verändern.
  • Das ist bei uns echt gut: Zusammenhalt und Zusammenarbeit im Team. Ausdauer und nicht zuletzt die Unterstützung vonseiten des Vorstands bei Großprojekten wie der Geothermie.
Friederike Storz
aktiv-Redakteurin

Friederike Storz berichtet für aktiv aus München über Unternehmen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Die ausgebildete Redakteurin hat nach dem Volontariat Wirtschaftsgeografie studiert und kam vom „Berliner Tagesspiegel“ und „Handelsblatt“ zu aktiv. Sie begeistert sich für Natur und Technik, Nachhaltigkeit sowie gesellschaftspolitische Themen. Privat liebt sie Veggie-Küche und Outdoor-Abenteuer in Bergstiefeln, Kletterschuhen oder auf Tourenski.

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