KI im Mittelstand

Fernau Präzisionstechnik senkt Kosten dank Digitalisierung drastisch

Ein Verfahrensmechaniker entwickelt ein KI-System, das seinen Betrieb auf den Kopf stellt – und wird zum gefragten Experten in ganz Europa. Der ungwöhnliche Weg von Fernau Präzisionstechnik in Darmstadt.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Bei Fernau Präzisionstechnik in Darmstadt haben KI-Agenten die Arbeitsvorbereitung übernommen.
  • Die Kosten sinken und die Mitarbeiter haben Zeit für andere Aufgaben.
  • Viele Kundenanfragen aus dem Ausland.

Zwölf Minuten. So lange brauchte eine Fachkraft der Fernau Präzisionstechnik in Darmstadt früher für die Anlage eines Auftrags. Denn Daten suchen, eintippen, prüfen, korrigieren und Doppeleingaben abgleichen: Das kostet Zeit. Bei 1.200 Aufträgen im Jahr genau 75 Arbeitstage. „Ich habe das nicht geschätzt, sondern gemessen – und dann geändert“, sagt Lars Zimmermann, der den Betrieb gemeinsam mit Clara und Theodor Fernau leitet. Der Lohnfertiger ist spezialisiert auf das CNC-Drehen und -Fräsen von Einzelteilen und Kleinserien.

Um Abläufe im Betrieb zu optimieren, entwickelte Zimmermann ein KI-unterstütztes ERP-System. „Herzstück ist ein Netzwerk aus 17 sogenannten KI-Agenten, die Aufgaben in der Arbeitsvorbereitung autonom übernehmen“, erläutert der Geschäftsführer. 

Eingehende Kundenaufträge per E-Mail werden seither automatisch erkannt, klassifiziert und ins System eingelesen. Die Agenten gleichen Stammdaten ab, generieren Fertigungsaufträge, prüfen Kapazitäten. „Diese Schritte erledigt die KI nun in 26 Sekunden. Damit sinken unsere Kosten je Auftrag von 5,14 Euro auf 6 Cent – allein deshalb hat sich das für uns schon mehr als gelohnt. Und die Mitarbeiter können die Zeit gut für andere Aufgaben nutzen“, sagt Clara Fernau.

Die KI darf vorbereiten, aber die Entscheidungen trifft der Mensch

Möglich wurde all das durch ein KI-Modul, das nicht mit Branchendurchschnittswerten arbeitet, sondern auf eigene Betriebsdaten trainiert ist. Grundlage dafür sind fast 3.000 technische Zeichnungen aus 15 Jahren Fernau-Produktion, verknüpft mit historischen Kalkulationen und Fertigungszeiten je Arbeitsstation. Hochrisiko-Aktionen wie die Buchung von Rechnungen oder das Bestätigen von Aufträgen landen dagegen immer beim Menschen. Zimmermann: „KI darf vorbereiten, Entscheidungen trifft ausschließlich der Mensch.“

Fakten & Hintergründe

Parallel dazu hat der Geschäftsführer auch die Außenwirkung von Grund auf neu aufgestellt. Das Fachportal der-ki-auditor.de und die Internetseite fernau-gmbh.de entwickelte Zimmermann selbst. Die Webseiten sind konsequent auf Suchmaschinen und KI-gestützte Suchwerkzeuge ausgerichtet, die heute Einkaufsentscheidungen zunehmend beeinflussen. Das Ergebnis: vorher null Anfragen über die Website, heute über 30 im Monat, darunter viele aus dem Ausland.

Die Erfahrung, was KI im eigenen Betrieb wirklich leisten kann und wo sie ohne Regeln gefährlich wird, hat den gelernten Verfahrensmechaniker nicht losgelassen. Durch gezielte Weiterbildung ist er inzwischen zertifizierter KI-Auditor und KI-Implementer und auditiert Unternehmen in ganz Europa. Zudem ist er beratend tätig.

Was er dabei immer wieder sieht: Firmen kaufen KI-Lösungen und verlassen sich darauf, dass Compliance und Verantwortung beim Anbieter liegen. „Das ist falsch, denn kein Anbieter kennt ihre Prozesse“, sagt Zimmermann. „Deshalb liegt die Verantwortung bei der Firma und damit beim Unternehmer selbst.“

Rund 40 Prozent der Unternehmen nutzen KI

Mehr als 120 Milliarden Euro Umsatz erzielen deutsche Unternehmen inzwischen mit Produktinnovationen, die KI-Elemente enthalten. Eingesetzt wird sie in Industriebetrieben in bestehenden Produktions-, Entwicklungs- und Wertschöpfungsprozessen. Dort verbindet Industrial AI Maschinen, Sensorik, Echtzeitdaten und lernende Modelle. Das führt zu echten Wettbewerbsvorteilen, so eine Studie der IW Consult. Die Zahl der Unternehmen, die KI anwenden, hat sich laut Studie seit 2024 auf 40 Prozent mehr als verdoppelt.

Maja Becker-Mohr

Autorin

Maja Becker-Mohr ist für aktiv in den Unternehmen der hessischen Metall-, Elektro- und IT-Industrie sowie der papier- und kunststoffverarbeitenden Industrie unterwegs. Die Diplom-Meteorologin entdeckte ihr Herz für Wirtschaftsthemen als Redakteurin bei den VDI-Nachrichten in Düsseldorf, was sich bei ihr als Kommunikationschefin beim Arbeitgeberverband Hessenchemie noch vertiefte. In der Freizeit streift sie am liebsten durch Wald, Feld und Flur.

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