Felicitas Kirchheim ist mit der nass magnet GmbH aufgewachsen. „Wenn wir abends als Familie zum Essen zusammenkamen, saß die Firma immer mit am Tisch, fast wie ein drittes Kind“, erinnert sie sich. Ihr Vater Klaus Kirchheim widerspricht: „Meine Kinder waren mir immer wichtiger als die Firma!“ Ein Beispiel: In zwölf Jahren habe er nur einen Leichtathletik-Wettkampf seiner Tochter Felicitas verpasst.

Dennoch spielt nass magnet in beider Leben heute eine große Rolle: Seit über 25 Jahren ist Klaus Kirchheim Teil der Geschäftsführung. Anfang 2024 stieg Felicitas beim hannoverschen Magnetventil-Hersteller ein – zunächst im Bereich Unternehmenskommunikation und Unternehmenskultur. Ein erster Schritt mit dem Ziel, das Familienunternehmen einmal in fünfter Generation zu führen.

Zwei Firmen – und eine Rettung in letzter Minute

Die Geschichte von nass magnet beginnt vor 100 Jahren an zwei verschiedenen Orten. 1925 gründet Wilhelm Nass in Hannover einen Feinmechanikbetrieb, der sich bald auf Präzisionsteile spezialisiert. Zeitgleich wird in Stuttgart August Hofmann geschäftsführender Gesellschafter der Concordia Maschinen & Elektrizitätsgesellschaft. Die Firma wird schnell bekannt, weil sie Deutschlands erste Hochleistungssicherung entwickelt.

Beide Unternehmen wachsen – trotz der Rückschläge im Zweiten Weltkrieg. Und sie entwickeln Innovationen, die vor allem in der aufstrebenden Automobil-Industrie gefragt sind: Gleichstrom- und Wechselstrom-Magnete in Hannover, Automatisierungstechnik in Stuttgart.

Doch Mitte der 1970er Jahre gerät die Wilhelm Nass KG ins Schlingern. Umfangreiche Investitionen in Automatisierung werden nötig, aber die Transformation ist für das Unternehmen allein nicht zu stemmen. Also steigt der bisherige Kunde aus Stuttgart – die ehemalige Concordia Maschinen & Elektrizitätsgesellschaft, die mittlerweile als Kirchheim KG firmiert – ins Unternehmen ein. Erst als Konsortialpartner, später einigt man sich auf eine komplette Übernahme. Die Concordia geht später in die Insolvenz, die Wilhelm Nass KG bleibt bestehen und benennt sich um in nass Magnet GmbH.

20 Jahre später bemerkt Klaus Kirchheim – Urenkel von Hofmann und einer der Gesellschafter – bei einem Werkbesuch, dass bei dem Unternehmen nicht alles so gut läuft, wie es nach außen hin den Anschein hat. „Auf den als besonders wertvoll bilanzierten Produkten lag eine dicke Staubschicht“, erinnert er sich. „Und am K15, dem Bauteil, das eigentlich Umsatz bringen sollte, forschte die Entwicklungsabteilung schon seit Jahrzehnten ohne nennenswerte Erfolge.“

Kirchheim entscheidet, selbst als Geschäftsführer einzusteigen. „Zuzusehen, wie das Unternehmen meines Großvaters pleitegeht, kam für mich nicht infrage“, sagt er.

Unternehmenskultur: Durch alle Ebenen hindurch ist der Ton wertschätzend

Sein neuer Ko-Geschäftsführer ist wenig begeistert davon, künftig mit einem erfahrenen Manager aus der Gründerfamilie zusammenzuarbeiten. Kirchheims erste Jahre im Betrieb sind von Machtkämpfen geprägt. Doch er bleibt hartnäckig. Schließlich ist es vorherige Geschäftsführer, der geht. „Im ersten Moment dachte ich: Jetzt räumst du hier auf und wirfst die ganzen Günstlinge raus“, gibt Kirchheim zu. „Zum Glück kam direkt der zweite Gedanke: Wenn du das tust, bist du nicht anders als dein Vorgänger.“

„Die familiäre Unternehmenskultur ist eine Stärke im Fachkräftemangel

Felicitas Kirchheim

Also geht Kirchheim den entgegengesetzten Weg: Er verkündet den damals rund 200 Beschäftigten, dass niemand um seinen Arbeitsplatz fürchten müsse, sofern er sich für den Erfolg des Unternehmens einsetze. „Ich habe niemanden gekündigt, aber viele sind aus freien Stücken gegangen, weil sie mit der neuen partizipativen Führungskultur nicht einverstanden waren“, sagt er.

Heute ist von autoritärem und hierarchischem Denken nichts mehr zu spüren. Bei nass magnet steht nicht nur Familie drauf, es steckt auch Familie drin. Durch alle Ebenen hindurch ist der Ton locker und wertschätzend. „Wir haben über die Jahre eine authentische, familiäre Unternehmenskultur entwickelt, die sich in Zeiten des Fachkräftemangels als unsere größte Stärke erweist“, sagt Felicitas Kirchheim.

Das Familienunternehmen spielte in ihrer Jugend nicht nur am Abendbrottisch eine Rolle. In den Schulferien verdiente sie sich ihr Taschengeld bei nass magnet. Als Studentin der Business Administration arbeitete sie nebenbei in der Personalabteilung.

Neue Impulse aus der nächsten Generation

Ihre Bachelorarbeit schrieb sie über das Werk in Ungarn. Thema: Was erwarten junge Generationen von einem Arbeitgeber? „Früher waren Geld und Status enorm wichtig“, sagt die 31-Jährige. „Ob man Spaß bei der Arbeit hatte oder sich wertgeschätzt fühlte, war zweitrangig.“ Das habe sich fundamental gewandelt: „Junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wollen eine Balance zwischen Arbeit und Leben.“ Und sie verlangen Sinnstiftung: „Arbeit solle nicht nur Freude machen. Sie soll auch Möglichkeiten bieten, etwas zu bewegen.“

Mit diesen Erkenntnissen stieß Felicitas Kirchheim, selbst Teil der Generation Y, neue Prozesse an. „Den Bereich Unternehmenskommunikation und Kultur gab es vorher nicht, aber er wurde nicht geschaffen, nur damit ich einen Job habe“, erklärt sie. „Geschäftsführung und Mitarbeitende sind gleichermaßen überzeugt, dass diese Arbeit wichtig für die Entwicklung der Firma ist.“

Und während Klaus Kirchheim auf das Ende seiner Zeit als Geschäftsführer zusteuert, bereitet sich seine Tochter nun darauf vor, Teil der Geschäftsführung zu werden. Kirchheim ist stolz darauf, die Familientradition fortführen zu können.

Bei der Jubiläumsfeier übernahm Felicitas Kirchheim schon mal die Moderation. Beim Blick auf die überlebensgroßen Gründerporträts auf der Leinwand habe sie Gänsehaut bekommen, erinnert sie sich: „Ich dachte: Wenn die jetzt sehen könnten, dass ihr Lebenswerk 100 Jahre später noch existiert – sie wären sicher stolz auf uns.“