Das Wichtigste auf einen Blick:
- Lösungen des Antriebstechnik-Spezialisten Lenze stecken in vielen Maschinen, zum Beispiel in Flughafenförderbändern.
- Lange war in dem Familienunternehmen niemand aus der Familie mehr operativ tätig, nun sind seit Herbst 2025 die Urenkel des Gründers an Bord.
- Ihre Aufgabe ist, die Transformation voranzutreiben.
Familienunternehmen sind so etwas wie das Rückgrat der deutschen Wirtschaft: Unglaubliche neun von zehn Betriebe im Land gehören in diese Kategorie. Insgesamt beschäftigen Familienunternehmen 18,3 Millionen Menschen. „Somit prägen sie ganz wesentlich unseren Wirtschaftsstandort“, heißt es in einer Studie des ZEW Leibniz-Zentrums für Wirtschaftsforschung, aus der diese Zahlen stammen.
Man könnte sagen: Was Familienbetriebe umtreibt, ist für Millionen von Menschen relevant. Wie etwa die Fragen: Welche Rolle spielt die Familie im Unternehmen? Und wie macht man einen Traditionsbetrieb fit für die Zukunft?
Transformation im Familienunternehmen: Zurück, um zu gestalten
Bei der Lenze-Gruppe in Aerzen fallen gerade beide Themen zusammen. Bei dem Spezialisten für Antriebs- und Automatisierungstechnik sind gerade – nach fast zwei Jahrzehnten – erstmals wieder zwei Mitglieder der Eigentümerfamilie ins operative Geschäft zurückgekehrt. Allerdings nicht als Geschäftsführer, sondern als Impulsgeber für die Transformation.
Beim aktiv-Besuch im März sind die Geschwister Lena Günther (28) und Dr. Moritz Belling (34) bereits seit einem halben Jahr im Amt. Für beide war es eine emotionale Rückkehr in das Unternehmen, das einst ihr Urgroßvater gegründet hat. „Wir sind unglaublich herzlich empfangen worden“, sagt Belling. Seine Schwester betont: „Wir bereuen die Entscheidung auf keinen Fall.“ Dabei hatten beide den Einstieg keineswegs langfristig geplant. Belling promovierte in Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Unternehmensberater. Günthers Weg führte zunächst in die Kreativbranche, später entschied sie sich für eine betriebswissenschaftliche Karriere. Auch sie zog es zunächst in eine Unternehmensberatung.
„Wir beide hatten den Wunsch, etwas zu bewegen“
Lena Günther, Lenze-Gruppe
Ganz weg vom Familienunternehmen waren die Geschwister nie: Bis vor Kurzem waren beide Mitglied des Familiengremiums, das dem geschäftsführenden Vorstand beratend zur Seite steht. Die Transformation, die Lenze durchlebt, war ihnen also nicht neu.
„Wir beide hatten den Wunsch, etwas zu bewegen“, erklärt Lena Günther die Beweggründe, auch operativ in die Firma zurückzukehren: „In großen Organisationen dauert es oft lange, bis Veränderungen sichtbar werden. Bei Lenze können wir Dinge anstoßen, die unmittelbar Wirkung zeigen.“
Die ehemalige Unternehmensberaterin verantwortet seit Herbst 2025 den Bereich Business Development im Finanzressort der Lenze-Gruppe. Ihr Bruder Moritz bekleidet die Rolle des Director Transformation. Entwicklung und Veränderung also – aber Stillstand gab es bei Lenze ohnehin nie.
Die Ursprünge der Firma reichen zurück ins Jahr 1947. Damals übernahm Hans Lenze – besagter Urgroßvater – die Stahlkontor GmbH in Hameln. 1950 brachte der Ingenieur mit dem Alquist-Wickler einen innovativen Drehstrommotor auf den Markt und verschaffte seinem Unternehmen so den Einstieg in die Wickeltechnik. Der Standort im Weserbergland war dafür ideal: Nach dem Krieg hatten sich hier viele Tuchwebereien angesiedelt. 1957 gründete sich die Maschinenfabrik Hans Lenze KG in Extertal.
Nicht nur der Name, auch das Produktportfolio änderte sich über die Jahre. „Heute stecken unsere Antriebe und Automatisierungslösungen in den verschiedensten Maschinen. Etwa in Flughafenförderbändern, großen Logistikzentren oder Verpackungsmaschinen – dort, wo Effizienz, Dynamik und Präzision benötigt werden“, sagt Belling. Sogar in Anlagen, die Croissants für den Verkauf als Tiefkühlbackware formen.
Das Unternehmen
- Die Lenze-Gruppe ist ein weltweit führender Anbieter für Antriebs- und Automatisierungstechnik und entwickelt Antriebslösungen für den Maschinenbau.
- Von leistungsstarker Hardware über modulare Software hin zu Engineering Tools bietet Lenze ganzheitliche Maschinenlösungen.
- Weltweit beschäftigt das Unternehmen rund 3.600 Mitarbeiter. Hauptsitz ist Aerzen im Landkreis Hameln.
Es geht um das konkrete „Wie“ in der Transformation
Und der Veränderungsdruck bleibt hoch. Aktuell setzen geopolitische Unsicherheiten und zunehmender internationaler Wettbewerb das Unternehmen unter Zugzwang. Und auch intern gibt es Herausforderungen. Wie bei anderen Mittelständlern auch macht sich bei Lenze die Demografie bemerkbar. Die Belegschaft wird älter und viele Wissensträger gehen demnächst in den Ruhestand. Lenze begegnet dieser Entwicklung aktiv, nutzt etwa künstliche Intelligenz zur Wissenssicherung.
„Die Bereitschaft zur Veränderung ist da, sowohl in der Führung als auch in der Belegschaft“, konstatiert Günther. „Was uns manchmal noch fehlt, ist das konkrete ‚Wie‘. Und genau da setzen wir an.“ Aktuell gehe es darum, innovativer zu werden und sich noch stärker auf Kunden auszurichten. Ziel sei es, Produkte und Systeme so zu entwickeln, dass sie sich nahtlos in Kundenlösungen und Partnernetzwerke integrieren lassen.
Das Vertrauen, dass die Wende gelingt, bringen die Geschwister mit. „Wir sind seit fast 80 Jahren Innovationsführer. Darauf bauen wir auf“, sagt Belling. Oder, wie Günther sagt: „Wir bewahren das, was wir in der Vergangenheit besonders gut gemacht haben, und entwickeln es weiter. Aber so, dass es uns in die Zukunft trägt.“
Familienunternehmen sind auf dem Vormarsch
Schon heute gibt es fast 4.100 Familienunternehmen in Europa. Bis 2030 könnte ihre Zahl auf knapp 4.600 wachsen – so eine Prognose des Beratungsunternehmens Deloitte. In ihrem „Family Business Report 2025“ sagen sie ein weltweites Wachstum im Bereich der Familienbetriebe voraus. Zentral für die Stabilität in familiengeführten Unternehmen ist allerdings der Generationenwechsel: Bis 2030 stehen laut einer Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung deutschlandweit etwa 186.000 Unternehmen zur Übergabe an.

Isabel Link liebt es, die Geschichten hinter den Nachrichten zu erzählen. Sie hat Politikwissenschaften studiert und später unter anderem bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) als Redakteurin gearbeitet, bevor sie zum Arbeitgeberverband NiedersachsenMetall gewechselt ist. Seitdem zeigt sie in Reportagen und Interviews, wie vielfältig und lebensnah die niedersächsische Metall- und Elektro-Industrie ist. In ihrer Freizeit trifft man sie selten ohne einen Roman in der Tasche.
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