Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Für KMUs aus der Textil- und Bekleidungsbranche wird die Nachwuchssuche seit Jahren immer schwieriger.
  • Um Jugendliche für sich zu gewinnen, müssen die Betriebe wissen, welche Bedürfnisse die junge Generation hat und welche Werte sie vertritt.
  • Bei der Aufgabe, eine eigene Nachwuchs-Kampagne zu starten, helfen Initiativen wie Go Textile!

Das Thema ist ein Dauerbrenner: fehlende Fachkräfte. Seit Jahren erreichen immer weniger Bewerbungen die Betriebe der Textilbranche. Das Fatale daran: Jede unbesetzte Lehrstelle verschärft das Problem und so den Nachwuchsmangel zum Standortproblem!

Was tun? Mehr Azubimessen besuchen und Schulkooperationen eingehen? „Dieses Engagement funktioniert, aber es reicht nicht“, sagt Jennifer Ressel-Moldrickx von der Kommunikationsagentur Sputnikin Münster: „Die größte Herausforderung ist, Jugendliche und Unternehmen so zusammenzubringen, dass es für beide passt.“ Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn oft prallen dabei Werte, Erwartungen und Kommunikationsstile unterschiedlicher Generationen aufeinander.

Helfen kann das Azubi-Recruiting. Ressel-Moldrickx: „Es macht das Unternehmen bei der jungen Zielgruppe sichtbarer und attraktiver.“

Kommunikation an die Zielgruppe anpassen

Um junge Menschen erfolgreich anzusprechen, ist ein klarer Fokus wichtig. Jugendliche wollen unverfälschte Einblicke in den Beruf, keine Produktwerbung. „Zeigen Sie auf Instagram oder TikTok den Betriebsalltag: Maschinen, Teamarbeit oder die ersten Arbeitsschritte von Auszubildenden“, rät Ressel-Moldrickx. Das macht den Betrieb nahbar.

Junge Zielgruppe kennenlernen

Die Arbeit mit Personas hilft, Inhalte und Ansprache direkt auf die Bedürfnisse der Jugendlichen auszurichten. Das sind fiktive, aber realitätsnahe Beschreibungen typischer Bewerberinnen und Bewerber. Beispiel: Jonas, 16, Fußball-Fan, schaut Reels und Youtube Shorts. Mit ihnen lassen sich Inhalt und Stil der Ansprache besser ausrichten. Tipp der Expertin: „Dabei sollten Sie auch das Umfeld der Jugendlichen einbeziehen. Eltern informieren sich eher über Websites, regionale Medien oder Infoabende. Lehrer erreichen Sie über Unterrichtsmaterialien oder Betriebsführungen.“ Übrigens: „Reels“ sind kurze Hochkantvideos auf Instagram. Damit lassen sich Alltagsszenen attraktiv darstellen.

Kernbotschaften schärfen

Sie sollten kurz und klar festhalten, warum eine Ausbildung im Betrieb attraktiv ist. Stichworte können sein: moderne Maschinen, sichere Arbeitsplätze durch Produktion in Deutschland, kleine Teams, Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Auch die Mitarbeit an Hightech-Textilien für Zukunftsbranchen kann ein starkes Argument sein. „Diese Botschaften sollten in allen genutzten Kanälen durchgängig vorkommen. So entsteht ein eindeutiges Bild der Ausbildung“, weiß die Expertin: „Wichtig ist, dass diese Botschaften auch im Ausbildungsalltag erlebbar sind.“

Storytelling aus dem Arbeitsalltag

Jugendliche wollen Menschen sehen. Dafür eignen sich Videos (Reels) oder Posts, die den Betriebsalltag zeigen. Einblicke wie „Ein Tag in der Weberei“ oder Erfolgsgeschichten von ehemaligen Azubis wirken stärker als Fakten. „Jede Geschichte sollte am Ende zur Bewerbung motivieren“, rät Ressel-Moldrickx.

„Jede Geschichte sollte am Ende zur Bewerbung motivieren“

Jennifer Ressel-Moldrickx, Kommunikationsexpertin

Azubis als Markenbotschafter

Azubis und junge Mitarbeitende sind starke Verbündeten beim Azubi-Recruiting. Sie sprechen die Sprache der Zielgruppe und genießen Vertrauen. „Lassen Sie sie die sozialen Kanäle übernehmen oder in Schulen von ihrer Ausbildung berichten“, rät die Expertin. Auch Kooperationen etwa mit Vereinen können die Reichweite der Botschaften steigern.

Vorhandene Initiativen nutzen

Das Portal Go Textile! etwa stellt Branchenmaterialien zur Verfügung. Es bietet außerdem professionelle Inhalte, die sich an den Betrieb anpassen lassen.

Kampagnenplanung im Betrieb

Ganzjährig sichtbar bleiben! Legen Sie fest, wann Fotoshootings gemacht, Inhalte veröffentlicht werden sowie wann Schulbesuche stattfinden und Bewerbungsaufrufe starten.

Erfolgskontrolle und Optimierung

Was funktioniert, wo muss nachjustiert werden? Werden Beiträge wenig gesehen, hilft vielleicht ein dynamischeres Format. Kommen oft Rückfragen von Eltern, sollten deren Informationsbedürfnisse stärker bedient werden. Ressel-Moldrickx: „Schon kleine Anpassungen können große Wirkung zeigen.“

Go Textile! Die Azubi-Kampagne der Textilindustrie

Seit 2009 versucht die Kampagne Go Textile! Jugendliche für einen textilen Beruf zu gewinnen. Die Seite bietet Jugendlichen über Videos von Azubis Einblicke in die Ausbildungsberufe der Branche. Eltern und Lehrer erhalten dort Informationen zu den angebotenen Ausbildungen. Betriebe können die Seite als zentrales Ausbildungsportal und Social-Media-Instrument nutzen. Außerdem zeigen dort ausgesuchte Botschafter und Botschafterinnen aus unterschiedlichen textilen Berufen auf Tiktok, Insta oder Facebook ihren Arbeits- und Ausbildungsalltag. Gleichzeitig beleuchtet der Podcast „Hör mal Zukunft!“ Die Ausbildung und das Studium in der Textil- und Mode-Industrie. Themen sind innovative Ideen, junge Talente und zukunftsfähige Textilberufe. Der Podcast ist auf Spotify verfügbar.

Anja van Marwick-Ebner
aktiv-Redakteurin

Anja van Marwick-Ebner ist die aktiv-Expertin für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie. Sie berichtet vor allem aus deren Betrieben sowie über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach der Ausbildung zur Steuerfachgehilfin studierte sie VWL und volontierte unter anderem bei der „Deutschen Handwerks Zeitung“. Den Weg von ihrem Wohnort Leverkusen zur aktiv-Redaktion in Köln reitet sie am liebsten auf ihrem Steckenpferd: einem E-Bike.

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