Das Wichtigste auf einen Blick:
- Das Beratungsunternehmen Prognos hat im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zum 14. Mal untersucht, wie Deutschland und Bayern bei der Energiewende vorankommen.
- Das Ergebnis des Monitorings: Deutschland und Bayern verfehlen nach wie vor ihre selbst gesteckten Ziele.
- Der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie der Übertragungsnetze kommt zu schleppend voran. Zugleich entstehen immer höhere Kosten, die für die Industrie einen ernsthafen Standortnachteil bedeuten.
Jawohl, es geht voran. Und ja, inzwischen sieht auch jeder Bürger, dass die Energiewende bei uns im Land angekommen ist. Gerade in Bayern entstehen vielerorts neue Solarfelder, installieren die Menschen Photovoltaik-Anlagen auf ihrem Balkon. Doch trotzdem: Diese Anstrengungen reichen noch nicht aus! Das bestätigt das 14. Monitoring der Energiewende, welches das Beratungsunternehmen Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) erstellt hat.
Jährlich seit 2012 untersucht das Monitoring, ob die Ziele erreicht werden, die sich die Bundesregierung sowie die bayerische Staatsregierung selbst für die Energiewende gesteckt haben. So wollen etwa der Bund bis zum Jahr 2045 und Bayern bis 2040 Treibhausgasneutralität erreichen – also nicht mehr klimaschädliches Gas ausstoßen, als man durch Speicherung oder andere Maßnahmen kompensieren kann. Von diesem Zielpfad sind Bund und Land nach wie vor weit entfernt.
Deutsche Unternehmen zahlen deutlich höhere Preise für Industriestrom als ihre Wettbewerber in anderen europäischen Ländern
Und das zu einem hohen Preis, auch für die Industrie: Die Strompreise liegen weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau – und die Unternehmen zahlen etwa deutlich höhere Preise für Industriestrom als ihre Wettbewerber in anderen europäischen Ländern. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw, sieht das mit Sorge: „Dadurch verlieren deutsche Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit.“ Im schlimmsten Fall bedeutet dies: Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland, die Arbeitsplätze gehen damit in Deutschland und Bayern verloren. Wo genau es bei der Energiewende hakt, zeigt aktiv im Überblick:
Versorgungssicherheit
- Betrachtet werden: Stromausfälle, der Ausbau der Stromnetze sowie Eingriffe der Netzbetreiber, um das Stromnetz stabil zu halten.
- Die Gesamtbewertung ist kritisch. Deutschland und Bayern gehören zwar nach wie vor zu den Ländern, in denen der Strom besonders selten ausfällt. Diese Stabilität wird jedoch zunehmend durch kostenintensive Systemsicherheitsmaßnahmen abgesichert. Denn weil immer mehr Strom aus Wind und Sonne ins Netz fließt, schwankt das Angebot stärker. Damit aber jederzeit ein Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch besteht, müssen Netzbetreiber immer häufiger eingreifen. Durch diese Eingriffe steigen die Kosten, die wiederum die Stromkunden bezahlen müssen.
- Abhilfe schaffen könnte etwa der schnellere Ausbau der großen Stromtrassen, der Windstrom von der Nordsee nach Bayern bringt. Ebenso der Zubau von Gaskraftwerken, die einspringen, wenn es wenig Strom aus Wind und Sonne gibt – aber auch der Ausbau von Stromspeichern.

Kosten
- Betrachtet wird: Die Entwicklung der Strom- und Gaspreise für Industrie und Privathaushalte.
- Ampel leuchtet rot beim Thema Bezahlbarkeit. Insbesondere der Industriestrompreis zählt hierzulande zu den höchsten in Europa, ebenso die Netzentgelte. Ein Lichtblick ist der gesunkene Strompreis für Privathaushalte: Im ersten Halbjahr 2025 bezahlten Kunden im Schnitt 38,4 Cent pro Kilowattstunde, ein Jahr zuvor waren es noch 39,5 Cent. Der Gaspreis stieg 2025 sowohl für Gewerbekunden als auch für Privathaushalte leicht gegenüber dem Vorjahr an. Sowohl der Preis für Gas als auch Strom liegt deutlich über dem des Vorkrisenniveaus von 2019.
Energieeffizienz
- Betrachtet werden: Der Ausbau von Windenergie und Photovoltaik, die Energieproduktivität – also das Verhältnis der eingesetzten Energiemenge zum Bruttoinlandsprodukt –, die Entwicklung des Energieverbrauchs sowie die Erzeugung erneuerbarer Energien.
- Solarenergie boomt in Bayern. Laut Ziel der Staatsregierung müssen jährlich Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 3,6 Gigawatt gebaut werden. Dieses Ziel hat der Freistaat wie auch schon im vergangenen Jahr übertroffen, es kamen Solaranlagen mit einer Leistung von insgesamt 4,5 Gigawatt hinzu. Ganz anders sieht es bei der Windenergie aus: Hier hinkt Bayern deutlich den selbst gesteckten Zielen hinterher. In Gesamtdeutschland verläuft der Ausbau der Windenergie deutlich besser, aber auch hier wird das Jahresziel nicht erreicht. Das Problem: Um bis zum Jahr 2030 noch die Quote an erneuerbaren Energien zu erfüllen, die sich Bund und Land gesteckt haben, müssen in den kommenden Jahren noch viel mehr Anlagen vor allem für Windenergie entstehen, als ursprünglich pro Jahr festgelegt wurde.
- Der Stromverbrauch insgesamt geht leicht zurück, sowohl in Bayern als auch in Deutschland. Dieser Rückgang ist jedoch zum Teil konjunkturell bedingt. Gleichzeitig wird der Strombedarf langfristig deutlich steigen. Denn im Zuge der Dekarbonisierung wird Strom künftig stärker genutzt werden, etwa für elektrische Antriebe oder Wärmepumpen.
Umwelt
- Bewertet wird: Die Entwicklung der Treibhausgasemissionen.
- Bayern verfehlt derzeit deutlich das Ziel, Treibhausgasemissionen zu senken. Für das Klima besonders relevant ist Kohlenstoffdioxid, also CO2, das vor allem bei der Verbrennung fossiler Energieträger entsteht. Deutschlandweit sind die Treibhausgasemissionen zuletzt gesunken. Ein Teil dieses Rückgangs ist jedoch auch auf wirtschaftliche Entwicklungen und Produktionsrückgänge in energieintensiven Branchen zurückzuführen. In Bayern, wo historisch bedingt nur wenige Kohlekraftwerke betrieben wurden, wirkt zudem der bundesweite Kohleausstieg weniger stark auf die Emissionsentwicklung.
- Beim Verkehr oder beim Heizen passiert viel zu wenig. Um die Emissionen in diesen Bereichen zu senken, spielen unter anderem elektrische Antriebe im Verkehr sowie Wärmepumpen im Gebäudebereich eine wichtige Rolle. Bei Neubauten geht dies in die richtige Richtung, doch bei Bestandsgebäuden schrecken viele Eigentümer – auch aufgrund der Kosten – noch vor umfassenden Sanierungen zurück.
Angesichts dieser Monitoring-Ergebnisse zieht vbw-Hauptgeschäftsführer Brossardt eine gemischte Bilanz: „Der Kurs der Energiewende stimmt, aber es fehlt an Tempo.“ Um schneller voranzukommen, sind Akteure aller politischen Ebenen gefordert: sowohl in Brüssel auf EU-Ebene als auch auf Bundesebene, etwa bei der Senkung der Energiekosten für Unternehmen, der Beschleunigung des Netzausbaus und dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren.
Das Energiewende-Monitoring
- Zum 14. Mal entstand im Jahr 2026 das Monitoring des Beratungsunternehmens Prognos im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw).
- Messgröße für den Erfolg der Energiewende sind die Klimaziele, welche sich die Bundesregierung sowie die bayerische Staatsregierung gesetzt haben. Ein Ampelsystem zeigt den Erfolg an.
- Die Ziele: In Deutschland Senkung der Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 65 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 und Treibhausgasneutralität bis 2045. Bayern will diese bis 2040 erreichen.

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.
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