Köln. Deutschland macht Ernst mit der Energiewende. Der Fahrplan für den Kohleausstieg ist festgezurrt. Schon bis 2030 werden viele Kohleblöcke und die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet. 31.000 Megawatt Leistung gehen bis dahin vom Netz; das ist gut ein Drittel der herkömmlichen Erzeugungskapazität. Zugleich packen immer mehr Unternehmen die klimaneutrale Produktion an, ihr Bedarf an Grünstrom wird daher massiv wachsen.

Gerade jetzt aber mehren sich die Zweifel, ob Deutschland die Energiewende schafft. Während der Ausbau der Windkraft auf See bisher vorankommt, ist der Zubau von Windanlagen an Land zuletzt massiv eingebrochen. Dabei sollen erneuerbare Energien schon in zehn Jahren 65 Prozent des Stroms liefern. 2019 waren es knapp 43 Prozent.

Der Strombedarf wird um mehr als ein Viertel zulegen

Soll das ambitionierte Ziel erreicht werden, müssten täglich vier Windräder zugebaut werden, aktuell ist es aber nicht mal eines, so Branchenexperten. Dirk Güsewell, Leiter Erzeugung Portfolioentwicklung beim baden-württembergischen Energieversorger EnBW, betont: „Wir liegen beim Ausbau der Windkraft derzeit massiv unter dem, was wir eigentlich bräuchten, und sind damit meilenweit vom Ziel entfernt.“ Im Klartext: Es droht eine Ökostrom-Lücke!

Das befürchtet auch Max Gierkink, Manager beim Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI): „Denn die Nachfrage nach Strom wächst in diesem Jahrzehnt voraussichtlich um etwa ein Viertel.“ Grund ist der zunehmende Verbrauch in einigen Sektoren: Binnen zehn Jahren könnten 7 Millionen Elektro-Autos auf den Straßen rollen, 3,4 Millionen Wärmepumpen Häuser ohne Gas oder Öl heizen und zudem mit Strom große Mengen des Energieträgers Wasserstoff erzeugt werden. „Dann bräuchte das Land mehr als die von der Bundesregierung für 2030 angenommenen rund 590 Milliarden Kilowattstunden Strom, nämlich 748 Milliarden Kilowattstunden im Jahr“, haben Gierkink und Kollege Tobias Sprenger errechnet.

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2030 droht womöglich eine Ökostrom-Lücke von 141 Milliarden Kilowattstunden

Und weil die Bundesregierung die Stromnachfrage im Jahr 2030 zu niedrig ansetzt, wird auch der von ihr kalkulierte enorme Ausbau bei Wind- und Sonnenenergie nicht ausreichen, den zu erwartenden Bedarf zu 65 Prozent mit Grünstrom zu decken. Konkret würden nach den bisherigen Plänen stolze 141 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom zu wenig erzeugt, so die EWI-Forscher. Tatsächlich jedoch dürfte die Ökostrom-Lücke größer ausfallen, weil momentan nicht genug zugebaut wird.

Verschärfend kommt der wachsende Hunger der Industrie nach bezahlbarem Grünstrom hinzu, den die EWI-Fachleute noch gar nicht mit eingerechnet haben. Der Bedarf dürfte rasch zulegen, denn immer mehr Firmen streben eine klimaneutrale Produktion an. Bosch etwa will, wenn auch mithilfe von Ausgleichsmaßnahmen für unvermeidbare CO2-Emissionen, schon in diesem Jahr klimaneutral werden, Siemens und der Chemiekonzern Bayer wollen es im Jahr 2030. Der Kunststoffspezialist Covestro wird ab 2025 Grünstrom aus der Nordsee beziehen. Konzerne wie ThyssenKrupp, Salzgitter und ArcelorMittal wollen Stahl in Zukunft mithilfe von Wasserstoff erzeugen. Allein für die Stahlproduktion wären 12.000 Windräder nötig. Das ist ein Drittel dessen, was sich hierzulande jetzt schon dreht.

Arbeiter montieren eine Windanlage: Im vergangenen Jahr kamen bundesweit nur 325 neue Windräder hinzu.

Für eine klimaneutrale Wirtschaft braucht es also viel mehr Ökostrom. Doch gerade bricht der Zubau bei den Windrädern an Land regelrecht ein. Nur 325 Anlagen mit 1.078 Megawatt Leistung kamen zuletzt hinzu, so wenig wie noch nie seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. 2019 war ein historisch schlechtes Jahr für die Branche. Der Hersteller Senvion meldete Insolvenz an, Enercon kündigte Stellenabbau an, Nordex rutschte in den ersten neun Monaten 2019 tiefer in die roten Zahlen. Die Branche und ihre 120.000 Beschäftigten fürchten um ihre Zukunft.

Plan für 1.000 Meter Mindestabstand gefährdet sämtliche Klimaziele

Erst recht, seitdem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier einen Mindestabstand von 1.000 Metern zwischen Windrädern und benachbarten Wohnsiedlungen vorschreiben will. Der Minister will damit die Akzeptanz für die Anlagen erhöhen, dürfte jedoch den Ausbau weiter abwürgen. Denn das Potenzial möglicher Flächen wird dadurch um 20 bis 50 Prozent verringert, hat das Umweltbundesamt errechnet.

Gegen den Mindestabstand protestierte die Industrie in einem Brandbrief an Altmaier: „Es ist uns unerklärlich, dass an einer Regelung zu bundeseinheitlichen Mindestabständen festgehalten wird, obwohl klar ist, dass damit das Ziel von 65 Prozent erneuerbaren Energien in 2030 nicht gehalten werden kann.“ So kritisieren die Chefs vom Industriedachverband BDI, zwei Energie-, zwei Herstellerverbänden und dem Gewerkschaftsbund. Es stelle die Realisierbarkeit sämtlicher Klimaziele infrage. Noch aber wird über die Ausgestaltung der Regelung gerungen.

Über 1.000 Windanlagen durch Flugsicherung blockiert

Ohnehin ist der stockende Ausbau hausgemacht. Die Bundesländer stellen nicht genug Flächen für den Bau von Anlagen zur Verfügung, und die Genehmigungen dauern zu lange. Aktuell stecken laut dem Bundesverband Windenergie Tausende Anlagen in Genehmigungsverfahren fest. Die dauern an Land mittlerweile drei bis fünf Jahre und kosten mehrere 100.000 Euro.

Mehr als 1.000 Anlagen werden laut einer Studie der Fachagentur Windenergie an Land von Mitte 2019 durch die 60 Drehfunkfeuer der Flugsicherung blockiert. Weitere 900 Anlagen scheitern an Tiefflugkorridoren für Kampfjets oder militärischer Radarüberwachung.

Schlanke Beteiligungs- und Entscheidungsverfahren nötig

Gegen 325 Windturbinen notiert die Studie Klagen von Umweltverbänden und einzelner Bürgerinitiativen. Meist ist der Schutz seltener Vogel- und Fledermausarten das Anliegen. Manchmal sind die Sorgen vor Schall oder Schattenwurf die treibende Kraft. Generell aber befürworten 90 Prozent der Bundesbürger den Ausbau erneuerbarer Energien.

Doch was tun, um die Projekte zu beschleunigen? Experten plädieren für ein frühzeitiges Einbinden der Bürger bei Neubauplänen sowie eine finanzielle Beteiligung der Gemeinden. Beides würde die Akzeptanz verbessern. Nötig wären zudem schlanke und standardisierte Beteiligungs- und Entscheidungsverfahren, um Rechtsunsicherheiten und Verzögerungen zu vermeiden. Das Wirtschaftsministerium hat letzten Herbst einen 18-Punkte-Plan zur „Stärkung des Ausbaus“ vorgelegt. Es wird Zeit, ihn anzupacken.