Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Thyssenkrupp Nucera ist einer der Weltmarktführer für Module für die Wasserstoff-Elektrolyseure.
  • Die Dortmunder sind spezialisiert auf Mammut-Projekte und beliefern etwa Saudi-Arabien mit einer Anlage, die 600 Tonnen Wasserstoff am Tag herstellen kann.
  • Die Belegschaft des Unternehmens ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen.

Als Kind spielte Anna Breitbach gern mit Lego. Heute bewegt die Wirtschaftsingenieurin bei Thyssenkrupp Nucera ganz große Bausteine: Elektrolyse-Module. 20 davon würden ein Fußballfeld ausfüllen. Zusammengeschaltet ergeben sie riesige Anlagen zur Herstellung von grünem Wasserstoff aus Ökostrom.

Strom aus erneuerbaren Quellen

„Die Elektrolyse ist eine bewährte Technologie, die wir ständig weiterentwickeln“, sagt Breitbach, die bei Thyssenkrupp Nucera Leiterin Technologie und Portfoliomanagement ist. Bei der Wasserelektrolyse spaltet Strom das Wassermolekül (H2O) in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff. Für die Wirtschaft ist insbesondere der Wasserstoff interessant: als Energieträger und Rohstoff, etwa für Dünger. Die Spaltung des Moleküls benötigt viel Strom. Damit der so erzeugte Wasserstoff klimaneu    tral („grün“) ist, muss der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne und Wasserkraft stammen.

Wasserstoff-Hochlauf in Deutschland stockt

Deutschland hat große Pläne beim Wasserstoff: Bis 2030 soll die Elektrolyse-Kapazität hierzulande bei 10 Gigawatt (GW) liegen, so die Ziele der Nationalen Wasserstoffstrategie. Doch dieses Ziel wird wohl verfehlt. Laut einer Analyse des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI) an der Universität zu Köln liegt die Elektrolyse-Kapazität aktuell bei nur 0,18 GW. Laut EWI gibt es zwar für weitere 1,3 GW eine finale Investitionsentscheidung, einige Elektrolyseure sind dafür sogar bereits im Bau. Rechne man aber alle bis 2030 angekündigten Projekte zusammen, könne Deutschland höchstens eine Gesamtkapazität von 8,7 Gigawatt erreichen, so die Prognose der Experten.

Die standardisierte Elektrolyse-Einheit von Thyssenkrupp Nucera heißt „Scalum“ und hat eine Kapazität von 20 Megawatt. Ein Scalum besteht aus rund 300 Elektrolysezellen mit je einer Kathode und Anode, die für den Stromfluss sorgen. Getrennt werden sie durch eine teildurchlässige Membran. Ein Modul bleibt selten allein: Nucera spezialisiert sich auf die ganz großen Projekte für die Schwerindustrie. 

Für eines der größten grünen Wasserstoffprojekte weltweit stellen die Dortmunder die Elektrolyseure bereit: In Saudi-Arabien entsteht die weltgrößte Ammoniakproduktion auf Basis des klimaneutralen Gases. Ein Solar- und ein Windpark liefern den Strom für die Elektrolyse. Die Anlage soll eine Gesamtkapazität von 2,2 Gigawatt haben und 600 Tonnen Wasserstoff pro Tag herstellen. „Dafür schließen wir 110 Scalum-Einheiten nebeneinander zusammen“, erzählt Wirtschaftsingenieurin Breitbach, „auf einer Fläche von fast sechs Fußballfeldern“.

Derzeit laufen wichtige Großprojekte

Riesige Anlagen baut das Unternehmen auch für die Shell-Raffinerie im Hafen von Rotterdam und in Boden, Schweden, wo das erste „grüne“ Stahlwerk Europas entsteht. Wasserstoff soll künftig bei der Stahlproduktion den Koks ersetzen und enorme Mengen CO2-Ausstoß vermeiden. Insgesamt liefert das Dortmunder Unternehmen derzeit mehr als drei Gigawatt Elektrolyseleistung an seine Kunden. Das entspricht in etwa der Leistung von sieben Gaskraftwerken.

„Auf meiner Strichliste habe ich bereits 32 Länder. Mein Traum ist, jeden Kontinent zu besuchen“

 Anna Breitbach, Wirtschaftsingenieurin bei Thyssenkrupp Nucera

Die Module werden in Spanien und Vietnam vorgefertigt und vor Ort montiert. „Die Zellen haben eine hohe Langlebigkeit und können einzeln ausgetauscht werden, ohne die gesamte Elektrolyseeinheit austauschen zu müssen“, erläutert Breitbach. In Deutschland stockt der Ausbau der Elektrolyse wegen hoher Strompreise und fehlender Wasserstoff-Pipelines. Doch Nucera glaubt an die Zukunft der klimafreundlichen Technologie.

Die Belegschaft ist stark gewachsen

Die Belegschaft ist in den vergangenen Jahren um mehr als 60 Prozent gewachsen. „Wir haben hier viele neue Gesichter. Wer länger als sechs Monate bei uns arbeitet, zählt schon zu den alten Hasen“, sagt Breitbach lachend. „Die Mischung aus neuen Kräften und erfahreneren Experten passt sehr gut.“ 

Sie selbst wechselte Ende 2024 von einem großen Windkraft-Hersteller zum Elektrolyseur-Produzenten. Und ist froh, richtig gute technische Experten um sich zu haben. „Wir Produktmanager haben eine Schnittstellenfunktion. Unser Kunde ist der Vertrieb, aber wir wissen auch, was unsere Entwickler und unsere Konkurrenz machen. Wir helfen, dass alle Abteilungen in die gleiche Richtung laufen.“ Die Wirtschaftsingenieurin mag es, mit Kollegen aus verschiedenen Ländern zusammenzuarbeiten wie auch zu reisen. „Auf meiner Strichliste habe ich bereits 32 Länder. Mein Traum ist, jeden Kontinent zu besuchen.“

Nachgefragt bei Anna Breitbach

Frau Breitbach, wie kamen Sie zu Ihrem Beruf? 
Für mich war es als junges Mädchen wichtig, zum Kampf gegen den Klimawandel beizutragen. Ich bin auch immer schon technikbegeistert, fand Mathe bereits in der ersten Klasse toll.

Was reizt Sie am meisten? 
Das Produktmanagement ist der Klebstoff zwischen den Abteilungen. Wir kennen die Kunden und ihre Herausforderungen, wissen auch, was wir umsetzen können und wie viel es kosten darf.

Worauf kommt es an? 
Mir liegt es besonders, verschiedene Welten zusammenzubringen.

Das Unternehmen

  • Seit mehr als 60 Jahren haben Thyssenkrupp Nucera beziehungsweise die Vorgänger schon Erfahrung mit dem Bau von Chlor-Alkali-Elektrolyseuren für die Chemie-Industrie.
  • Hinzu kam die alkalische Wasserelektrolyse (AWE) für grünen Wasserstoff. Auf sie entfällt mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes von im Geschäftsjahr 2024/25 rund 850 Millionen Euro.
  • Sitz ist Dortmund, Thyssenkrupp Nucera rund 1.100 Mitarbeiter.
Matilda Jordanova-Duda
Autorin

Matilda Jordanova-Duda schreibt für aktiv Betriebsreportagen und Mitarbeiterporträts. Ihre Lieblingsthemen sind Innovationen und die Energiewende. Sie hat Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für mehrere Print- und Online-Medien, war auch schon beim Radio. Privat findet man sie beim Lesen, Stricken oder Heilkräuter-Sammeln.

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