Köln. Taxis, die von selbst fahren und ihre Passagiere an der Haustür abholen? Roboter, die nicht nur den Müll unterirdisch abtransportieren, sondern auf gleichem Weg Pakete zustellen? So, anschnallen jetzt: Das ist keine Utopie mehr! Sondern wird gerade real. In Toronto, Kanada.

Dort tüftelt die Google-Mutter Alphabet ganz konkret an der Stadt der Zukunft. Der Tech-Gigant will auf einem riesigen Areal am Hafen ein ganz neues Viertel aus dem Boden stampfen: eine „Smart City“, eine intelligente Stadt. Durchdigitalisiert, komplett vernetzt.

Die Zukunft des urbanen Lebens – sie hat begonnen. Auch bei uns in Deutschland. Zwar nicht mit der Wucht wie in Toronto. „Einen Masterplan für die Stadt der Zukunft haben wir nicht“, sagt Professor Chirine Etezadzadeh, Leiterin des „SmartCity.Instituts“ in Ludwigsburg. Was aber nichts daran ändert, dass sich auch hierzulande auf kommunaler Ebene so einiges bewegt. Denn immer mehr deutsche Städte integrieren digitale Abläufe und Produkte ins öffentliche Leben.


Was es schon gibt, was noch kommen soll, und wie das alles unser Leben verändern wird, zeigen diese Beispiele:

Müll

Illustration: Photoroyalty / Freepik

In der Stadt der Zukunft sind alle Mülltonnen schlau! Über einen Ultraschallsensor erkennen sie, wann sie voll sind, und funken das dann an die Stadtverwaltung: „Mach mich leer!“ Im schwäbischen Reutlingen oder im rheinischen Bonn beispielsweise funktioniert das bereits. Dort wurden Abfalleimer im Innenstadtbereich oder Glascontainer mit der cleveren Technik ausgestattet. Das Ziel: Die Routen der Müllfahrzeuge zu optimieren. Die Fahrer erhalten dazu aktuelle Navigationsdaten in Echtzeit, müssen nicht mehr jede halb leere Tonne anfahren. Das spart Betriebskosten, die Müllgebühren müssten nicht ständig steigen

Verkehr

Illustration: Photoroyalty / Freepik

Parkplatzsuche ist nervig – und bald schon überflüssig. Weil der Fahrer in der schlauen Stadt per App gezielt zu einem freien Stellplatz geführt wird. Bei Parkhäusern funktioniert das schon länger. Jetzt aber experimentieren Kommunen in Pilotprojekten mit Sensoren im Straßenasphalt, die freie Stellflächen in Echtzeit anzeigen. Ergebnis: Der Fahrer spart sich den Stress. Und die Luft in den Innenstädten wird besser. Weil derzeit bis zu 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs aufs Konto der Parkplatzsuche geht.

Handel

Illustration: Photoroyalty / Freepik

Verwaiste Innenstädte will keiner sehen. Muss auch nicht so kommen, trotz Online-Shoppings. In einer Smart City kommuniziert der stationäre Einzelhandel direkt mit den Handys der Bürger. Und so funktioniert das bereits: Sogenannte Beacons, etwa walnussgroße Bluetooth-Sender, sind in den Läden installiert. Geht draußen ein Kunde vorbei, bekommt er Botschaften, Sonderangebote etwa, direkt aufs Handy. Zudem sind die Beacons mit anderen im Stadtgebiet verbauten Sensoren gekoppelt, die Luft- oder Wetterdaten funken. Weil die Daten verknüpft werden, kann der Händler sogar aufs Wetter reagieren. Und zum Beispiel Regenjacken offerieren, wenn’s draußen schüttet. Kombiniert mit ähnlichen Angeboten aus Gastronomie und Kultur lässt sich so die Attraktivität der Innenstädte deutlich erhöhen.

Medizin

Illustration: Photoroyalty / Freepik

Künstliche Intelligenz wird mittels sogenannter neuronaler Netze beispielsweise Röntgenbilder schon bald treffsicherer interpretieren können als jeder Arzt. Experten erwarten, dass sich das weltweit verfügbare medizinische Wissen ab dem Jahr 2020 alle 73 Tage verdoppelt! Durch Computer wird dieses Fachwissen breit verfügbar. Folge: bessere Therapien. Und: Der ultraschnelle Mobilfunkstandard 5G dürfte zudem der Telemedizin zum Durchbruch verhelfen. Daten-, Audio- und Videokommunikation bringen dann ortsunabhängig Patientendaten zum Arzt und ärztlichen Rat zum Patienten. Ein Pilotprojekt, bei dem ein Notarzt vom Krankenhaus aus Sanitätereinsätze per Video begleitet, läuft hierzulande bereits erfolgreich. Heißt: Die Qualität und Geschwindigkeit medizinischer Versorgung steigt.

Energie

Illustration: Photoroyalty / Freepik

Smart City – das heißt auch smarte Energie. Und die wird zukünftig vermehrt dezentral vor Ort produziert. Testprojekte laufen schon in zig deutschen Städten. Leuchtturm: das bayerische Örtchen Wildpoldsried im Allgäu. Dort koppelte man unlängst einen Teil des Niederspannungsnetzes vom öffentlichen Netz ab. Und schuf ein intelligentes „Microgrid“: ein in sich geschlossenes intelligentes Stromverteilnetz samt stationärem Batteriespeicher, gespeist ausschließlich mit erneuerbaren Energien aus der Region. Ein Netz, das dank Big Data funktioniert: Energieproduzenten und Verbraucher tauschen ständig Daten. Das Grid weiß, wann wie viel Strom gebraucht wird – und stabilisiert sich so selbstständig.

Ämter

Illustration: Photoroyalty / Freepik

Hier hat Deutschland Nachholbedarf. Laut der Beraterfirma McKinsey stecken die städtische Verwaltungen noch tief im analogen Zeitalter. Aber der Blick ins Ausland zeigt, was da schon heute alles möglich ist. In Estland beispielsweise können Bürger blitzschnell nahezu alle Behördenangelegenheiten online erledigen. Rechtsverbindliche Digitalunterschrift mit einbezogen. Und auch in der Alpenrepublik Österreich ist man weiter: Amtsgeschäfte werden hier über ein einziges Portal erledigt.

Die Stadt als lebendes Labor

Foto: Mierendorf
Foto: Mierendorf
  • Daten erheben, vernetzen, daraus intelligente Lösungen entwickeln: Das ist der Kern einer Smart City. Besonders umtriebig sind hier derzeit zwei deutsche „Stadtlabore“ – Reutlingen (Foto) und Chemnitz. Getestet und getüftelt wird im Rahmen des Projekts „Smart Urban Services“ der Bundesregierung.
  • Die beiden Stadtlabore haben unterschiedliche Schwerpunkte. In Reutlingen geht’s vor allem um Handel sowie Verkehrs- und Versorgungsmanagement. In Chemnitz sind es die Belebung des öffentlichen Raums sowie bessere Generationenvernetzung.

Smart shoppen in der City – eine Stadt macht heute schon vor, wie das geht:

„Smart City Reutlingen“-App