Ein Schul-Tablet für jedes Kind? Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt, sagt Katharina Scheiter, Psychologin und Professorin für Digitale Bildung an der Universität Potsdam, im Gespräch mit aktiv. Und sie sagt auch: Für guten digitalen Unterricht braucht es mehr als bloß WLAN und Hardware.
Frau Scheiter, private Smartphones sollen in vielen Schulen künftig verboten werden. Handy weg, Problem gelöst – ist es echt so einfach?
Nein, ein pauschales Verbot ist kein Allheilmittel. Es muss zwingend von anderen Maßnahmen begleitet werden. Man muss es pädagogisch aufgreifen. Warum lenkt mich das Gerät so ab? Was macht es mit meiner Gesundheit, wenn ich ständig am Handy hänge? Das sind die Fragen, über die wir mit den Schülerinnen und Schülern sprechen müssen.
Und das passiert nicht?
Es gibt immer Vorreiterschulen, die es vorbildlich machen und gemeinsam Handy-Regeln festlegen. Von den Schülerinnen und Schülern werden solche partizipativen Prozesse übrigens ziemlich gut angenommen. Es gibt aber auch Pädagogen, die sich hinter einem Handy-Verbot verschanzen und sagen, prima, jetzt muss ich das ja nicht mehr thematisieren. Das ist dann der falsche Weg. Und dann sind da auch noch die Eltern …
Was ist mit denen?
Es gibt durchaus immer mal wieder Eltern, die darauf bestehen, ihr Kind auch im Unterricht erreichen zu können. Die sind dann sozusagen Teil des Problems.
Wie steht es denn um die Medienkompetenz der Jugendlichen?
Da sehe ich in Deutschland noch viel Luft nach oben. International liegen wir im Mittelfeld. Allerdings nehmen die Kompetenzen unserer Schülerinnen und Schüler eher wieder ab. Wir haben Kinder, die lediglich einen Link öffnen können, das war’s. Ja, das sind alles „Digital Natives“, aber Wischen und Swipen allein ist eben noch lange keine Medienkompetenz.
Wenn private Handys aus der Klasse verbannt werden sollen, braucht es genügend Tablets für alle. Davon aber sind wir ebenfalls noch weit entfernt.
Insgesamt ist die Lage in Deutschland tatsächlich noch an vielen Stellen desolat. Nicht nur, was die Versorgung mit Hardware anbelangt. Auch schnelles Internet ist beileibe noch nicht überall verfügbar. Häufig ist es so, dass Schulen sich freuen, endlich ausreichend mit Tablets versorgt zu sein. Und dann stellt man plötzlich fest, dass das Netz in die Knie geht, wenn alle in einer Schulklasse mal gleichzeitig ein Video aufrufen wollen. Digitale Medien für unterrichtsbezogene Zwecke zu nutzen, ist dann natürlich schwierig. In anderen Ländern ist man da weiter.
Vorreiter wie Dänemark und Schweden rudern bei der Digitalisierung im Klassenzimmer ein Stück weit zurück, schaffen zum Beispiel wieder gedruckte Bücher an.
Das stimmt. Aber in dieser Debatte wird gern was vergessen: Selbst wenn wir das Thema Digitalisierung in der Schule ab sofort für ein paar Jahre richtig pushen würden, dann wären wir immer noch lange nicht an dem Punkt, auf den sich die Dänen und Schweden jetzt wieder zubewegen. Die sind ganz weit weg von uns! Aber ja: Bei der Digitalisierung in der Schule kann man durchaus auch Fehler machen.
Welche denn?
Ein Fehler ist es, wenn man alles, was man vorher gemacht hat, sozusagen eins zu eins in die digitale Welt übersetzt – ohne zu fragen, an welchen Stellen es sinnvoll ist und einen Mehrwert bietet. Wenn man jetzt am Tablet ein Arbeitsblatt füllt, das man vorher handschriftlich ausgefüllt hat, hat man natürlich rein gar nichts erreicht. Technik allein verbessert keine Bildung.
Was macht guten digitalen Unterricht denn aus?
Guter Unterricht, egal ob analog oder digital, regt immer zum Mitdenken an. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, muss ich Hilfestellung bekommen. Guter digitaler Unterricht nutzt zudem die technischen Möglichkeiten dort, wo sie pädagogisch sinnvoll sind. Zum Beispiel bei Visualisierungen.
Was heißt das konkret?
Klassisches Szenario im Fach Physik: Pro Unterrichtseinheit schafft man maximal einen Versuch, Aufbau, Abbau, alles kostet Zeit. Simuliert man den Versuch digital, kann man Parameter verändern. Was passiert bei höherer Temperatur oder mehr Druck? Das ist ein echter Mehrwert. Gleiches gilt zum Beispiel für Geschichtsunterricht mit virtuellen Zeitzeugen oder Schauplätzen.
Damit das klappt, müssen auch die Lehrkräfte die Technik beherrschen …
Absolut. Es braucht Unterrichtskonzepte, Didaktik und auch die konsequente Fortbildung der Lehrkräfte. Man sollte aber realistisch sein: Wer einmal im Jahr eine Fortbildung besucht, wird kein Digital-Crack. Lehrkräfte müssen also gewillt sein, sich auch im Selbststudium Dinge beizubringen. Dinge auszuprobieren, keine Angst vor Fehlern zu haben – darauf wird es ankommen.

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Uli Halasz an drei Universitäten Geschichte. Ziel: Reporter. Nach Stationen bei diversen Tageszeitungen, Hörfunk und TV ist er jetzt seit zweieinhalb Dekaden für aktiv im Einsatz – und hat dafür mittlerweile rund 30 Länder besucht. Von den USA über Dubai bis China. Mindestens genauso unermüdlich reist er seinem Lieblingsverein Schalke 04 hinterher.
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