Mainz. Sie sehen so aus, als würden sie jeden Moment in sich zusammenfallen: die maroden Geldscheine, die stapelweise auf den Schreibtischen der Gutachter liegen. Um sie zu zählen, müssen die Experten hier jeden einzelnen Schein vorsichtig in die Hand nehmen. Ein Besuch im nationalen Analysezentrum für beschädigtes Bargeld der Bundesbank in Mainz.

Hier landen pro Jahr rund eine Million Scheine – eingereicht von mehr oder weniger verzweifelten Bürgern. Der Grad ihrer Verzweiflung richtet sich nach dem Zustand der Banknoten und der Höhe der Summe. Auch Banken lassen sich schon mal Scheine ersetzen, wenn diese etwa bei der Sprengung eines Geldautomaten zerstört wurden.

Damit die Bundesbank das Geld erstatten kann, muss logischerweise mehr als die Hälfte einer Note vorhanden sein – egal in welchem Zustand. „Wenn es sich allerdings um eine vorsätzliche Beschädigung handelt, überweisen wir nichts zurück“, so Damian Machura, stellvertretender Leiter des Analysezentrums.

Bargeld ist das beliebteste Zahlungsmittel der Deutschen

Sowohl als Zahlungsmittel als auch als Wertanlage sind Geldscheine sehr wichtig: Bargeld ist nach wie vor das häufigste Zahlungsmittel der Deutschen – obwohl immer mehr Bürger auch mit Debit- und Kreditkarten oder schon kontaktlos ihre Summen begleichen.

Weltweit sind Banknoten im Wert von 1,2 Billionen Euro im Umlauf. „Und wir sind dafür da, den Bargeldkreislauf hierzulande sauber zu halten“, erklärt Machura.

Die Sicherheitsstandards hier sind sehr streng: Nie darf ein Mitarbeiter alleine im Büro sein. Zur Mittagspause verlassen alle gleichzeitig den Raum. Und jeder Fall wird nach dem Vier-Augen-Prinzip geklärt: Zwei Kollegen erstellen unabhängige Gutachten.

40.000.000 Euro werden hier pro Jahrerstattet

Jeden Morgen holen die Experten erst mal stapelweise Klarsichthüllen aus dem Tresor. Darin enthalten sind beschädigte Scheine und jeweils ein Formular mit einer Erklärung des Besitzers: Warum sehen die Scheine so aus, wie sie aussehen?

In 90 Prozent der Fälle lässt sich schnell feststellen, ob die Noten erstattet werden können. Weil die Scheine eben noch ganz oder größtenteils erhalten sind. Dann schreiben die Geldretter ihre Gutachten, der Besitzer bekommt sein Geld zurück – alles gut.

Aber manchmal ist die Lage wesentlich komplizierter.

Dann landen im Analysezentrum Plastiksäcke mit schwarzen Aschehaufen. Oder halb vergammelte grüne Klumpen, die für das Laienauge nur mit viel Fantasie als 100-Euro-Scheine durchgehen. Oder unzählige Schnipsel, die aussehen, als kämen sie gerade aus der Konfettipistole. Frank Herzog ist einer der Experten, die hier für diese ganz schwierigen Fälle zuständig sind.

Extrem beschädigte Scheine kommen unters Mikroskop

Vorsichtig hebt er mit der Pinzette ein kleines schwarzes Bröckchen hoch, kaum größer als ein Fingernagel. Er legt es unters Mikroskop und erkennt nach wenigen Sekunden, was dieses Teil einmal war: „Ein Stück eines 50-Euro-Scheins, erste Serie.“ Und der Spezialist sieht sogar sofort, mit was für einem Teil der Banknote er es genau zu tun hat. Herzog drapiert das Aschestück auf einer Abbildung eines 50-Euro-Scheins genau dahin, wo der Bogen der Fünf an den Ziergiebel des Renaissance-Fensters stößt. Penible Puzzlearbeit. „So lang die Asche schwarz ist, kann man noch was machen“, erklärt der Profi, „aber wenn sie schon weiß ist, ist alles zu spät.“

Herzog kennt jede deutsche Banknote, auch alle Serien der D-Mark ab 1948. Denn auch davon schicken immer mal wieder Bürger zerstörte Schätze ein. Von der ehemaligen Währung sind laut Bundesbank immerhin noch Noten im Wert von 3 Milliarden Euro im Umlauf.

„Je nach Jahreszeit haben wir hier mehr oder weniger zu tun“, so Herzog. Wenn die Heizphase beginnt, landen besonders viele Einsendungen bei den Bundesbankern. Etliche Leute verstecken Bares im Kamin, vergessen das und werden erst wieder darauf aufmerksam, wenn es schon zu spät ist.

Wenn der Winter dann vorbei ist, der Schnee schmilzt und die Pegelstände steigen, herrscht hier ebenfalls Hochbetrieb: Von Hochwasser durchweichte Scheine aus Tresoren oder Kellerverstecken werden dann batzenweise nach Mainz geschickt.

Die Mikrowelle als Versteck? Keine gute Idee …

Auch ein Klassiker: die Mikrowelle. „Sowohl in Privathaushalten als auch in der Gastronomie kommt es vor, dass Menschen ihr Geld in der Mikrowelle verstecken – für uns ist das unerklärlich“, sagt Herzog.

Und zwischendurch immer wieder kuriose Fälle: von Papageien in unzählige Teile zerfledderte Scheine. Im Kochtopf verbrannte Ersparnisse. Von Hunden gefressenes und wieder ausgeschiedenes Bargeld. Von Freunden als lieb gemeintes Hochzeitsgeschenk einlaminierte Scheine. Oder aus Banknoten gebastelte Mäuse, mit Kulleraugen und Pfeiffenreiniger als Schwanz – alles mit der Heißklebepistole sauber und sicher fixiert.Meistens sind die Geschichten nachvollziehbar, die sich hinter dem verkohlten, eingeweichten oder zerstückelten Vermögen verbergen. Aber manchmal lesen die Geldretter auch Erklärungen, die sie nicht überzeugen. „Wir prüfen jeden Fall auf Glaubwürdigkeit. Und wenn wir feststellen, dass etwas nicht stimmt, erstatten wir auch schon mal Anzeige“, so Machura.

Wer hier arbeitet, hat daher nicht nur ein fotografisches Gedächtnis und kennt sich bei allen Motiven, Serien und Sicherheitsmerkmalen von Banknoten bestens aus: Echte Geldretter benötigen auch detektivisches Gespür.

Stabiler als die D-Mark

Der Euro hat seit seiner Einführung nur relativ wenig Kaufkraft verloren.

Es war ein Versprechen der Politik: Als der Euro kam, hieß es, die Gemeinschaftswährung werde so stabil sein wie die D-Mark. Das Versprechen wurde gehalten. „Mit einer Inflationsrate von 1,7 Prozent im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre bewegen wir uns im Bereich, den das Eurosystem als Preisstabilität definiert“, so Bundesbankpräsident Jens Weidmann.

Der Rückblick auf die Zeit seit 1970 zeigt: Die Teuerungsrate schwankte zu D-Mark-Zeiten stärker – und war im Schnitt höher.

Verantwortlich für die Stabilität der Währung ist die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Ihr offizielles Ziel: die Inflationsrate unter, aber nahe 2 Prozent zu halten.

2016 hat die EZB ihren Leitzins das erste Mal auf das Rekordtief von 0 Prozent gesenkt (und ihn bis heute nicht wieder erhöht). Die extrem lockere Geldpolitik geht auf, die Preise steigen moderat. Zumindest in Deutschland kein Problem, die Löhne steigen bei uns seit Jahren stärker als die Preise.