Gütersloh. Na, das ist ja mal ein Wort: „Das Zeitalter sinkender Schülerzahlen ist vorbei, Deutschlands Schulen sehen einem Schüler-Boom entgegen“, sagt Dirk Zorn, Bildungsexperte der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh. Er prognostiziert in einer aktuellen Studie für 2025 knapp 8,3 Millionen Schüler an den allgemeinbildenden Schulen. Gründe sind wieder steigende Geburtenzahlen und die Zuwanderung.

Die Kultusminister der Bundesländer rechnen bislang mit einer Million weniger. „Von diesen Planspielen sollte man sich schleunigst verabschieden“, rät Zorn.

Fachkräftelücke bleibt bestehen

Freilich: Die Probleme mit den Renten- und Sozialversicherungen infolge des demografischen Wandels sind damit nicht gelöst – zumal in den kommenden Jahren die Baby-Boomer in Rente gehen. Auch die größer werdende Fachkräftelücke in den Betrieben werden diese Kids nicht schließen. Dafür kommen sie zu spät auf den Arbeitsmarkt.

Erfreulich ist der Trend trotzdem, wenn auch eine Herausforderung: Im Vergleich zu 2015 benötigt Deutschland laut Bertelsmann bis 2030 allein 2.000 neue Grundschulen und 43.000 Lehrer. Das würde Mehrkosten von 4,7 Milliarden Euro im Jahr bedeuten.

Insgesamt waren 2016 an deutschen Schulen rund 550.000 Vollzeitstellen mit Lehrern besetzt. Bis 2030 müssen es laut aktueller Bertelsmann-Studie etwa 600.000 sein. Vor allem in der Grundschule und für die Schüler der Sekundarstufe  I (Klassen fünf bis zehn) muss neues Personal eingestellt werden. Für die älteren Jahrgänge werden stattdessen sogar etwas weniger Lehrer als heute gebraucht. Die Anzahl der unterrichteten Klassen soll um 28.000 auf 386.000 steigen.

Das Einstellen der Lehrer ist Aufgabe der Länder. Um die Infrastruktur müssen sich die Kommunen kümmern. Auf beiden staatlichen Ebenen kommen also enorme finanzielle Belastungen hinzu. Dabei werden sie schon heute ihren Aufgaben nur bedingt gerecht.

Die staatliche KfW-Bank beziffert im Bildungsbereich allein den Investitionsrückstand auf 32,8 Milliarden Euro. Abgesehen von Sondereffekten des Konjunkturpakets nach der Wirtschaftskrise 2008 ging es mit den kommunalen Bauausgaben seit zwei Jahrzehnten kontinuierlich bergab.



Erst in den vergangenen drei Jahren hat sich der Trend wieder umgekehrt. Aber das ist nur ein Anfang. Zumal sich die Bauinvestitionen von Bundesland zu Bundesland extrem unterscheiden. Während bayerische Kommunen zwischen 2011 und 2014 mit im Schnitt 547 Euro je Schüler im Vergleich aller Flächenländer am meisten investierten, waren die Ausgaben in Nordrhein-Westfalen mit 72 Euro am geringsten.

„Angesichts der Vielzahl an Herausforderungen und des vielerorts mangelhaften Bauzustands der Schulgebäude bedrohen die ausbleibenden Investitionen die langfristige Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems“, warnten die Experten der KfW-Bank im vergangenen Jahr. Aber auch in der Lehrerschaft ist die Sorge groß.

„Wir benötigen dringend ein umfassendes Programm zur Sanierung der Schulen“, fordert etwa Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. „Viel zu häufig ist der bauliche Zustand eine Katastrophe.“ Bröckelnder Putz und unzumutbare sanitäre Einrichtungen seien keine Seltenheit an Schulen. Das zu beheben habe „absolute Priorität“.

Bund will mit Digitalpakt helfen

Dieses Sanierungsprogramm sei mindestens so wichtig wie die Einstellung von mehr Lehrkräften, so Meidinger. Dabei ist auch bei der personellen Ausstattung nicht alles in Butter. Zwar hat sich die Situation im Klassenzimmer in den vergangenen zehn Jahren eher entspannt: Im Schnitt gibt es heute mehr Lehrer und weniger Schüler – und damit auch kleinere Klassen und mehr Unterricht. „Wir kommen allerdings von einem sehr schlechten Niveau“, sagt Meidinger. Die Lage sei zudem je nach Bundesland, Region und Schulform sehr unterschiedlich.

Darüber hinaus lässt auch die Ausstattung der Schulen einiges zu wünschen übrig, so etwa die Verfügbarkeit von Computern. Um das zu verbessern, hat die Bundesregierung zuletzt einen Digitalpakt mit den Ländern in Aussicht gestellt.

Im Raum stehen 5 Milliarden Euro, die der Bund zwischen 2018 und 2022 in die digitale Infrastruktur investieren möchte. Bundesweit sollen rund 40.000 Schulen mit neuer Hard- und Software ausgestattet werden. Im Gegenzug sollen die Länder ihre Lehrer im Umgang mit Computern weiterbilden und pädagogische Konzepte für den Unterricht ausarbeiten.

Eine endgültige Einigung wurde zuletzt bis nach der Bundestagswahl vertagt. Lehrer-Vertreter Meidinger zeigt sich aber gelassen: „Der Digitalpakt wird kommen. Daran kommt keine Partei mehr vorbei.“