Vereint ist man stärker. Das gilt nicht nur im Sport oder in der Familie, sondern auch dort, wo es um Jobs, Einkommen und Wohlstand geht: in der Wirtschaft. Bestes Beispiel dafür ist der gemeinsame Binnenmarkt der Europäischen Union.

Mit mehr als 500 Millionen Menschen bildet er den neben den USA und China mächtigsten Wirtschaftsblock der Welt. Dies sorgt nach außen dafür, dass die einzelnen EU-Länder wie Deutschland im Verbund mit ihren Mitgliedstaaten in Wirtschaftsfragen mehr Gehör finden in der Welt. Und nach innen ermöglicht es Unternehmen einen privilegierten und offenen Zugang zu einer halben Milliarde meist kaufkräftiger Verbraucher.

Kooperation: Bei Weiss Kunststoffverarbeitung sichert die Zusammenarbeit mit dem Werk in Ungarn auch Jobs am Firmensitz in Illertissen.

Dieser große gemeinsame Markt – er bedeutet auch entsprechend großen Wettbewerb. Der macht Unternehmen innovativer. Aber er kann für sie anstrengend, mitunter gar bedrohlich sein. Das betrifft natürlich auch Firmen aus Bayern. Zurück in die Zeit vor der EU möchte trotzdem kaum jemand. Das gilt besonders für die exportorientierte bayerische Metall- und Elektroindustrie: Mehr als die Hälfte ihrer Ausfuhren ging im Jahr 2018 ins EU-Ausland, acht der zehn wichtigsten Abnehmerländer liegen in der EU.

Es überwiegen schlicht die Vorteile und Chancen – auf mehr Absatz, günstigere Einkaufspreise, effizientere Wertschöpfungsketten. Am Ende macht die enge Zusammenarbeit und Arbeitsteilung über europäische Ländergrenzen hinweg alle Beteiligten international wettbewerbsfähiger – und schafft so eine wichtige Basis für unseren Wohlstand.

Zu den bayerischen Firmen, die eng innerhalb der EU vernetzt sind, gehört zum Beispiel die traditionsreiche Gießerei Luitpoldhütte im oberpfälzischen Amberg. Europa ist für sie von enormer Bedeutung. Das gilt für die Absatzmärkte, aber auch für interne Abläufe. Denn seit 2016 ist der 400-Mann-Betrieb Teil der international tätigen Ogepar-Gruppe, die unter anderem an vielen Standorten in Belgien und Frankreich produziert. Ogepar übernahm vor drei Jahren die damals insolvente Luitpoldhütte, investierte in der Oberpfalz und gab auf diese Weise vielen von Arbeitslosigkeit bedrohten Mitarbeitern eine neue Perspektive.

Der größere Absatzmarkt ermöglicht die Spezialisierung

Knapp die Hälfte ihres Umsatzes erzielt die Luitpoldhütte aktuell im EU-Ausland. „Ohne den Absatz in Europa könnten wir unseren Betrieb niemals auslasten“, betont Martin Donhauser, Vertriebsleiter der Gießerei. Das liegt vor allem daran, dass sich das Unternehmen aus Kostengründen spezialisiert hat – auf Gussteile zwischen 200 und 900 Kilogramm. Zu den wichtigsten Kunden gehören übrigens Hersteller von Land- und Baumaschinen.

Doch nicht nur der Absatz, sondern auch die eigenen Arbeitsprozesse sind heute europäisch ausgerichtet. So werden Aufgaben gerne mal an französische Schwester-Gießereien ausgelagert, wenn dort Kapazitäten frei sind. Andersrum läuft es genauso. Und bei Lieferungen an einen italienischen Kunden hat sich mittlerweile eingespielt, dass ein ortsnaher Dienstleister zwischengeschaltet wird, um Gussteile zu „putzen“ (so nennen Gießer das nachträgliche Bearbeiten von Teilen).

Gemeinsame Standards führen zu mehr Wettbewerb

„Europa ermöglicht es uns, effizienter, flexibler und damit kostengünstiger zu produzieren“, so Donhauser. „Das hilft uns besonders im Wettbewerb mit der Konkurrenz aus Asien.“ Vor allem aber sorge die EU für Stabilität in den wirtschaftlichen Beziehungen.

Auch beim Ventilatorenhersteller ebm-papst Landshut, Tochterunternehmen der in Baden-Württemberg ansässigen ebm-papst Gruppe, ist man froh über die stabilen Rahmenbedingungen, die einem die EU bietet. „Unruhige Zeiten, rasante Veränderungen und damit eine schlechte Planbarkeit von Investitionen: Das mögen Unternehmen überhaupt nicht“, so Vertriebsleiter Jens Gabel.

Keine Zölle, wenig Bürokratie

Das Unternehmen (rund 1.200 Mitarbeiter in Landshut) unterhält enge Geschäftsbeziehungen nach Europa; rund die Hälfte des gesamten Umsatzes wird auch hier im EU-Ausland erzielt. „Alles ohne Zölle und mit wenig Bürokratie“, betont Gabel – und er bekennt: „Manchmal merkt man heute schon gar nicht mehr, wie schön man es in einem großen gemeinsamen Markt hat.“

Der Binnenmarkt bringt auch Vorteile beim Einkauf. „Auf dem EU-Markt gelten einheitliche Standards, die alle Angebote vergleichbar machen“, erklärt Gabel. „Egal ob es um Leiterplatten, Gussteile, Kunststoffteile oder einfach nur Schrauben geht – und egal ob man sie aus den Niederlanden oder aus Rumänien bezieht.“ Das schaffe mehr Transparenz und führe so zu mehr Wettbewerb und günstigeren Preisen. Rund zwei Drittel seiner Vorprodukte bezieht ebm papst mittlerweile schon aus EU-Ländern.

Und damit ist die niederbayerische Firma nicht allein: Bayerns Wirtschaft importierte 2018 Waren im Wert von rund 116 Milliarden Euro aus anderen EU-Staaten. Das sind fast zwei Drittel der gesamten Einfuhren.

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Insbesondere kleinere EU-Staaten wie Tschechien, die Slowakei oder auch Österreich profitieren enorm von dieser starken Nachfrage aus Bayern und aus Deutschland insgesamt. Zum Teil hängen in diesen Nachbarländern bis zu 8 Prozent der Wirtschaftsleistung und jeweils Hunderttausende Arbeitsplätze an den Aufträgen aus der Bundesrepublik, so eine Studie des Schweizer Forschungsinstituts Prognos.

Solche Zahlen zeigen: Nicht nur Deutschland, sondern auch andere EU-Staaten haben etwas von den engen wirtschaftlichen Verflechtungen untereinander. Deutsche und bayerische Firmen können über den günstigen Bezug von Vorleistungen ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Und unser Exporterfolg auf den Weltmärkten kommt dann über die europäischen Wertschöpfungsketten schließlich auch bei den EU-Partnerländern an.

Das Grundprinzip des Erfolgs: Arbeitsteilung. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Die Firma ebm-papst etwa produziert zwar nach wie vor hauptsächlich in der niederbayerischen Heimat Landshut. Aber die Bedeutung der ausländischen Werke, die unter anderem in Slowenien, Tschechien, Rumänien und Ungarn liegen, nimmt zu.

Jedes Land bringt seine Vorteile ein. Das macht einzelne Unternehmen, aber auch die EU als Ganze wettbewerbsfähiger

Während am Standort Landshut der Schwerpunkt vorrangig auf dem Segment Heiztechnik liegt, konzentrieren sich die slowenischen Kollegen auf den Bereich Haushaltstechnik. Die Produktion wird jedoch nicht etwa strikt nach Branchen aufgeteilt. Vielmehr spielt jeder Standort seine Vorteile aus. In Deutschland werden vor allem Teile in großen Stückzahlen auf hoch automatisierten Anlagen produziert, die von qualifizierten Fachkräften eingestellt, gesteuert und überwacht werden.

Arbeitsintensive Produkte hingegen stellt ebm-papst vor allem in Slowenien her, so etwa auch in Einzelfertigung große Gebläse für den Heizungsbereich. „Man muss einfach auf die Lohnkosten schauen“, sagt Gabel. „In Osteuropa ist es deutlich günstiger, da darf man sich nichts vormachen.“

EU sorgt für reibungslose Zusammenarbeit über Ländergrenzen

Aus diesem Grund betreibt auch die Firma Weiss Kunststoffverarbeitung aus dem schwäbischen Illertissen seit 2007 ein Zweigwerk im ungarischen Györ. Mit knapp 100 Mitarbeitern ist der Standort mittlerweile rund halb so groß wie das deutsche Stammwerk und von großer Bedeutung für den Spritzguss-Hersteller, der vorrangig der Automobil-Industrie zuliefert.

Der Austausch zwischen Ungarn und Schwaben ist rege: „Jede Woche fahren zwei Lkws zwischen Ungarn und Deutschland hin und her“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter Jürgen Weiß. 75 Prozent der ungarischen Produktion wird von Deutschland aus an die Kunden ausgeliefert.

Und eng verbunden ist man auch personell. Mitarbeiter aus Illertissen seien häufiger mal in Ungarn, um die Kollegen dort zu unterstützen, berichtet Weiß. „Wir profitieren quasi täglich vom freien Waren- und Personenverkehr innerhalb der EU“, sagt er. „Ohne sie könnte unsere Zusammenarbeit über die Ländergrenzen hinweg niemals so reibungslos funktionieren.“