Wiesbaden/Köln.Wer sich heutzutage darüber ärgert, dass ein Handwerker erst in drei oder vier Monaten wieder freie Termine hat, sollte wissen: Das wird noch schlimmer. Denn der Fachkräftemangel wird noch größer. Innerhalb der nächsten 20 Jahre wird die Zahl der Menschen im Erwerbsalter hierzulande um rund sechs Millionen (!) schrumpfen.

Zugleich wird die Zahl der Bürger im Rentenalter, also ab 67, in ähnlicher Millionengröße zunehmen. Nun kann man sich solche Menschenmengen ja nicht wirklich gut vorstellen. Die Wucht des Wandels verdeutlicht aber ein Blick auf den sogenannten Altenquotienten: Aktuell kommen auf je 100 Menschen im Erwerbsalter erst 31 Senioren – bis 2038 werden es 47 Rentner sein.

Die amtliche „Bevölkerungsvorausberechnung“ gilt als recht zuverlässig

All das ist nachzulesen in der neuen „Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamts, Variante „moderate Entwicklung“; angenommen wird dabei eine dauerhafte Netto-Zuwanderung von durchschnittlich 221.000 Menschen pro Jahr. Derartige Prognosen aus Wiesbaden gelten als recht zuverlässig, weil demografische Prozesse jenseits von Kriegen und Katastrophen stabil verlaufen: Die Zahl der Kinder pro Frau oder auch die Lebenserwartung ändern sich nur allmählich.

Deutschland altert also – und viele Arbeitskräfte werden fehlen. Das ist die ziemlich unausweichliche demografische Entwicklung der nächsten Jahrzehnte.

„Das wird schmerzhaft“, warnt Alexander Burstedde, „aber das Thema ist noch nicht in allen Betrieben präsent – dabei ist es höchste Zeit für eine demografische Analyse der eigenen Belegschaft.“ Burstedde muss es wissen, er arbeitet im staatlich geförderten Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Und er kann erklären, dass und warum dieser „demografische Wandel“ Deutschland nicht überall gleich hart treffen wird.

Wie stark der demografische Wandel für Betriebe spürbar wird, hängt auch vom Standort ab

So dürfte die Lage in der Provinz im Schnitt dramatischer werden als in den Metropolen. „Seit etwa 2004 zieht es junge Leute vermehrt in die Städte“, erklärt Burstedde. Zuwanderung aufs Land sei nicht in Sicht. „Unternehmen dort müssen sich also noch stärker um gute Leute von außerhalb bemühen. Sie müssen ihre Mitarbeiter länger in der Firma halten, indem zum Beispiel den Älteren Teilzeitmodelle angeboten werden. Und sie müssen den Jugendlichen am Ort früh aufzeigen, welche Chancen sie im heimischen Betrieb haben.“

Außerdem wird der Wandel je nach Beruf ganz unterschiedlich heftig spürbar werden. „Zum Beispiel sind unter den Lkw-Fahrern schon heute vergleichsweise viele über 55 Jahre alt“, sagt der Experte, „da wird der Ersatzbedarf also besonders groß.“ Wobei man jeweils genau hinsehen muss, wie etwa die Berufe der Metallbearbeitung zeigen: Die Umform- und Drahttechniker sind überdurchschnittlich alt – bei den Zerspanungstechnikern dagegen ist die Situation deutlich entspannter.

Fachkräfte-Zuwanderung aus fernen Ländern könnte helfen, Lücken zu schließen

Weil gute Leute im Schnitt bald noch knapper werden, wird die Qualifizierung und Weiterbildung aller Arbeitskräfte noch wichtiger, wie Burstedde betont. Auch das gezielte Anwerben von qualifiziertem Personal im Ausland kann Lücken in Betrieben schließen. Da geht bald mehr als bisher: Das „Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ ist inzwischen beschlossen, es tritt im März 2020 in Kraft.

Und schließlich ist da noch die Digitalisierung: Im Zuge stärkerer Automatisierung können wohl einige Unternehmen ihr gewohntes Produktionsniveau auch mit weniger Mitarbeitern schaffen – das hilft dann ebenfalls, den schmerzhaften Fachkräftemangel zu lindern.