Training

Das Energietechnik-Unternehmen Reinhausen schult Servicetechniker mit digitalen Lernformaten

Servicetechniker von Reinhausen müssen die komplexen Produkte weltweit sicher warten können. Dafür bekommen sie extra Schulungen – auch mithilfe virtueller Realität, die Einsätze an sonst nicht zugänglichen Orten simuliert.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Reinhausen nutzt virtuelle Realität, E-Learnings und KI, um technische Schulungen realistischer, flexibler und international zugänglich zu machen.
  • Digitale Formate ergänzen das praktische Training, ersetzen den Umgang mit realen Produkten und Anlagen aber nicht.
  • Die Digitalisierung erweitert die Schulungskapazitäten und hilft, Wissen weltweit und künftig auch virtuell weiterzugeben.

Ein vergilbter Bierdeckel erinnert im Trainingscenter von Reinhausen in Regensburg an die Anfänge: 1976 bedankte sich hier ein Kunde per Handschrift für sein erstes Training. Heute, 50 Jahre später, ziehen sich Techniker eine VR-Brille über und laufen virtuell durch ein Umspannwerk.

Menschen & Betriebe

Das Beispiel zeigt: Digitale Technologien ziehen überall in unseren Alltag ein. Die Aufgaben bleiben aber dieselben: Im Trainingscenter von Reinhausen lernen Servicetechniker, die komplexen Produkte sicher zu warten. Auch Kunden werden hier trainiert und erfahren, wie „ihre Laststufenschalter“ aufgebaut sind. Wie dieses Lernen gelingt, verändert sich aber rasant.

Hier kommt Kerstin Faltermeier ins Spiel: Die 45-Jährige verantwortet die digitale Weiterentwicklung der Lernformate. Die gelernte Geisteswissenschaftlerin wechselte 2021 aus der Unternehmenskommunikation ins Trainingscenter, „fachfremd, ohne Technik-Hintergrund“, sagt sie schmunzelnd.

Störfälle simuliert man mit einem Klick

Ihr Vorteil: Sie ist gut vernetzt im Unternehmen, bringt verschiedene Gruppen zusammen, die es braucht, um digitale Lerninhalte zu erstellen. Und sie hat schon viel erreicht. Seit Jahresbeginn nutzen Trainingsgruppen erstmals Virtual Reality (VR) im Trainingscenter. „Im virtuellen Training können durch Bewegungen der Hände Aufgaben ausgeführt werden“, erklärt Faltermeier.

M+E ist mein Ding – Nachgefragt bei Kerstin Faltermeier

  • Dafür stehe ich morgens auf: In meinem Job sichte und probiere ich viel, schaue mich immer nach neuen Möglichkeiten um. Der Gestaltungsspielraum ist sehr groß.
  • Das motiviert mich: Meine Vorgesetzten bringen meiner Arbeit große Wertschätzung entgegen. Das zeigt mir, dass ich die Firma mit meinem Job voranbringe.
  • Das ist bei uns echt gut: Reinhausen ist nach wie vor wie eine große Familie, obwohl wir seit Jahren sehr stark wachsen. Diese legendäre Reinhausen-DNA ist immer noch da und wird auch weitergegeben.

Der Clou: Die VR-Brille bildet Szenarien ab, die in der Praxis kaum trainierbar wären – etwa in einem Umspannwerk. „Auf dem Firmengelände habe ich ja keine solche Anlage“, sagt Faltermeier. „Aber virtuell kann ich sie nachbilden.“

Fehler und Störfälle lassen sich auf diese Weise beliebig oft per Klick simulieren: Mal ist ein Lüfter zu heiß, mal liegt der Hotspot an der Durchführung oder eine Ölleitung ist fälschlicherweise geschlossen. Früher mussten Trainer solche Übungssituationen mühsam von Hand aufbauen.

Auch bei einfacheren Aufgaben zahlt sich die Technik aus: Die visuelle Inspektion eines Schalters – geschaut wird, ob etwas rostet, leckt oder eine Anzeige Auffälligkeiten zeigt – ließ sich bisher nur theoretisch vermitteln. Jetzt üben die Techniker das alles VR-gestützt.

Trotzdem bleibt der Schwerpunkt im Trainingscenter das klassische Hands-on-Training. Auf 1.000 Quadratmetern stehen in Regensburg mehr als 300 Exponate als Übungsobjekte bereit. Techniker nehmen sie auseinander und fügen sie wieder zusammen, verstehen so Aufbau und Funktionsweise. Faltermeier macht klar: „Die digitalen Inhalte unterstützen immer nur, sie werden nie das reale Training ersetzen.“

Mehr Lernende dank digitaler Schulung

Allerdings erweitert Reinhausen die Kapazitäten des Trainingscenters immer weiter – auch dank digitaler Formate. Das global agierende Unternehmen wächst stetig, die Nachfrage nach Schulungen übersteigt die Seminarplätze bei Weitem. „Wir setzen daher immer mehr E-Learnings zum vorbereitenden Selbststudium ein“, sagt Faltermeier. Das kann zeit- und ortsunabhängig erfolgen und bindet keine Trainer-Ressourcen. Im Training vor Ort liegt der Fokus dann auf der Praxis.

Training bei Reinhausen

  • Das Familienunternehmen aus Regensburg regelt mit innovativen Lösungen rund die Hälfte des weltweit verbrauchten Stroms.
  • Die Servicemannschaft wuchs in den letzten 50 Jahren weltweit von 22 auf rund 360 Mitarbeiter.
  • Neben dem Trainingscenter am Stammwerk Regensburg unterhält Reinhausen inzwischen fünf weitere zertifizierte Zentren in China, Brasilien, den USA, Malaysia und Südafrika.

Auch Sprachbarrieren lassen sich dank Digitalisierung überwinden: Die Schulungsvideos gibt es inzwischen in neun Sprachen, künstliche Intelligenz lässt die Trainer darin lippensynchron sprechen.

Faltermeier denkt voraus, „träumt“ vom Metaverse: „Da kommen alle mit ihren Avataren im virtuellen Klassenzimmer zusammen, jedes Produkt ist als digitaler Zwilling vorhanden.“ Noch ist das Zukunftsmusik. Aber sie ist überzeugt: „In zwei bis drei Jahren werden wir darüber reden.“

„Digitale Inhalte unterstützen nur, sie werden nie das reale Training ersetzen“ 

Kerstin Faltermeier, Developer Digital Training Concepts

Für Reinhausen ist die Digitalisierung Teil der Firmenstrategie: „Wir sind Weltmarktführer, verkaufen digitale Produkte. Da müssen auch die Mitarbeiter neue Tools nutzen.“

Doch so viel die Technik auch verändert – die Kultur des Trainingscenters soll bleiben. Bis heute liegen dort Gästebücher aus, in denen Techniker aus aller Welt ihre Erfahrungen festhalten. Und dieses Wissen ist unverzichtbar. Die Technik wird helfen, es auch künftig weiterzutragen.

Lernen mit KI – das gibt es auch in der Ausbildung

  • Auch in der Ausbildung ist künstliche Intelligenz längst angekommen. Das zeigt beispielsweise ein aktueller IW-Kurzbericht.
  • Rund 40 Prozent der befragten Ausbilder vermitteln KI bereits intensiv als Thema oder Methode. Gleichzeitig bereitet ein Viertel der Ausbilder ihre Azubis bislang kaum auf den Umgang mit KI vor.
  • Wo KI eingesetzt wird, setzen Ausbilder vor allem auf zwei Schwerpunkte: Azubis sollen KI-generierte Inhalte kritisch hinterfragen (57 Prozent) und die Technologie selbst zum Lernen nutzen (53 Prozent). Technisches Hintergrundwissen sowie rechtliche und ethische Fragen kommen seltener zur Sprache.
  • Deutlich wird auch: Je stärker KI im Betrieb bereits Arbeitsprozesse steuert, desto intensiver wird sie auch in der Ausbildung vermittelt. Arbeiten Azubis in einem KI-gesteuerten Tätigkeitsfeld, thematisieren 82 Prozent der Ausbilder das Thema intensiv.

Alix Sauer

Leiterin aktiv-Redaktion Bayern

Alix Sauer hat als Leiterin der aktiv-Redaktion München ihr Ohr an den Herausforderungen der bayerischen Wirtschaft, insbesondere der Metall- und Elektro-Industrie. Die Politologin und Kommunikationsmanagerin volontierte bei der Zeitungsgruppe Münsterland. Auf Agenturseite unterstützte sie Unternehmenskunden bei Publikationen für Energie-, Technologie- und Mitarbeiterthemen, bevor sie zu aktiv wechselte. Beim Kochen und Gärtnern schöpft sie privat Energie.

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