Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Einen Preisvorteil von 50 Prozent und mehr verschafft sich China durch unfaire Tricks.
  • Die Währung Yuan wird massiv unterbewertet – und es gibt versteckte Subventionen.
  • In der deutschen Industrie gehen dadurch Arbeitsplätze verloren.

Jedes einzelne Päckchen von Shein oder Temu, das der Paketbote bei uns abliefert, macht Deutschlands Handelsdefizit mit China ein bisschen größer.

Dabei ist die Flut an kleinen Produkten fragwürdiger Qualität nur das Symptom eines viel größeren Problems: Inzwischen importiert Deutschland auch mehr Maschinen, Anlagen und Autos aus China als umgekehrt! Unschlagbar ist die chinesische Konkurrenz vor allem durch extreme Niedrigpreise.

„Diesen Vorsprung erreicht China aber auch durch unfaire Tricks“, sagt Jürgen Matthes, Experte für Außenhandel im Institut der deutschen Wirtschaft (IW). So sei die nicht frei handelbare Währung Yuan deutlich unterbewertet, um mindestens 20, eher 30 Prozent. 

Dazu kämen hohe und teils versteckte Subventionen in vielen unterschiedlichen Formen: „Da vergeben Provinzregierungen Grundstücke kostenlos an Unternehmen. Vereinzelt stellen sie ihnen ganze Fabriken gratis hin.“ Rechne man solche Faktoren und die Wechselkurs-Unterbewertung zusammen, käme China auf einen unfairen Preisvorsprung von schätzungsweise 50 Prozent oder mehr.

Die Folgen sind dramatisch. „Unsere Industrie erodiert“, mahnt Matthes. „Wenn in Deutschland Monat für Monat Tausende Arbeitsplätze verloren gehen, liegt das gerade auch mit an China.“ Wobei das Problem Europa insgesamt betrifft: Im Vorjahr lieferte China Waren für 560 Milliarden Euro in die EU – in die umgekehrte Richtung gingen nur Waren im Wert von 214 Milliarden. 

„Es ist höchste Zeit, dass die EU auf dieses massive Ungleichgewicht mit gezielten Ausgleichszöllen reagiert“, sagt Matthes. Diese Zölle müssten aber so berechnet werden, dass sie nur den unfairen Preisvorteil ausgleichen. Je nach Sektor, Produkt und Ausmaß der Wettbewerbsverzerrung wären sie also unterschiedlich hoch.

Viele deutsche Unternehmen mussten wegen China bereits Menschen entlassen

Mit protektionistischen Strafzöllen, wie sie etwa US-Präsident Donald Trump willkürlich verhängt, dürfe man solche Ausgleichszölle nicht verwechseln, betont der IW-Ökonom. Wobei Trumps hohe Zölle gegenüber China übrigens indirekt auch dazu geführt haben, die Flut chinesischer Waren nach Europa noch anschwellen zu lassen.

Doch wie heikel es ist, im Umgang mit China Stärke zu zeigen, wurde kürzlich beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Peking deutlich. Hatte er noch wenige Wochen zuvor auf der Münchner Sicherheitskonferenz gewarnt, China nutze wirtschaftliche Abhängigkeiten systematisch aus, so sprach er beim Antrittsbesuch vor laufenden Kameras doch von einer „strategischen Partnerschaft“.

Ein Grund könnte sein, dass Deutschland auf Chinas Wohlwollen bei der Lieferung von seltenen Erden hinarbeitet. „Es ist nur zu hoffen, dass Merz hinter den Kulissen deutlicher geworden ist“, so Matthes. In einer IW-Umfrage habe schon 2024 die Hälfte der hiesigen Industrie-Unternehmen mit chinesischer Konkurrenz gesagt, man habe wegen des harten Wettbewerbs Leute entlassen müssen. 

Die Industrie zu schützen, das treibt auch die EU-Kommission um. Handelskommissar Maros Sefcovic hat infrage gestellt, ob die EU China weiterhin nach den günstigen Regeln der Welthandelsorganisation behandeln solle. Eine Abkehr davon, verbunden mit deutlich höheren Zöllen, würde Chinas Exporte hart treffen– und „signifikante Gegenmaßnahmen“ Pekings hervorrufen, sagt Matthes. Doch Europa müsse sich mit Ausgleichszöllen wehren und dabei auch solche kurzfristigen Kosten einkalkulieren. „Sonst stirbt unsere Industrie vor sich hin und die mittelfristigen Kosten wären noch sehr viel höher.“

Niederlande importieren mehr aus Deutschland als China

Zwar hat China die USA 2025 überholt und ist wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner – nach der Summe von Importen aus und Exporten nach China. Blickt man aber nur auf die Ausfuhren, dann ergibt sich eine andere Rangfolge. So haben die USA 2025 Waren im Wert von rund 146 Milliarden Euro aus Deutschland gekauft und liegen damit auf Platz eins unserer Exportländer. Es folgen Frankreich und die Niederlande mit 117 beziehungsweise 112 Milliarden Euro. 

Auf den Plätzen vier und fünf stehen Polen (100 Milliarden) und Italien (87 Milliarden). China erreichte 2025 mit Einkäufen in Deutschland für 81 Milliarden Euro gerade mal Rangs sechs, knapp vor Österreich (80 Milliarden). Auf den Plätzen acht bis zehn stehen das Vereinigte Königreich, die Schweiz und Spanien, so das Statistische Bundesamt.

Thomas Goldau
Redaktionsleiter aktiv

Thomas Goldau schreibt bei aktiv vor allem über Wirtschafts- und Politikthemen. Nach dem Politikstudium an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und einem Zeitungsvolontariat beim „Offenburger Tageblatt“ hat er bei Tageszeitungen und einem Wirtschaftsmagazin über den Politikbetrieb in Bonn, Berlin und Brüssel berichtet. Privat zieht es den Familienvater regelmäßig mit dem Wohnmobil in die Ferne.

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