Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Das Geschäft deutscher Automobilzulieferer steht in der aktuellen Krise unter enormen Druck.
  • Eine Mehrheit der betroffenen Firmen sieht allerdings in anderen Branchen großes Potenzial, mit den eigenen Stärken zu punkten und so neue Aufträge an Land zu ziehen, die wegfallendes Geschäft zum Teil ersetzen können.
  • aktiv zeigt drei Firmen, die in der Raumfahrt, in der Verteidigungsbranche und in der Materiallogistik ihre Chancen nutzen wollen.

Die deutsche Automobil-Industrie steckt in der Krise. Die teure Transformation zur Elektromobilität, hohe Kosten, zunehmende Konkurrenz aus China sowie US-Zölle setzen der deutschen Vorzeigebranche zu. Insbesondere Zulieferfirmen stehen unter massivem Druck – und sehen sich daher nach neuen Branchen und alternativen Geschäftsfeldern um.

Der Verteidigungssektor ist besonders im Fokus

Drei Viertel der Zulieferer halten den Blick über den Tellerrand für erfolgversprechend, so eine Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger unter Automobilzulieferern aus dem deutschsprachigen Raum. Jeder Dritte, der bereits heute in anderen Bereichen aktiv ist, will seine Tätigkeit dort weiter ausbauen. Die Gründe dafür sind vor allem eine geringere Abhängigkeit vom Automobilsektor, neue Wachstumschancen sowie eine höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen und regulatorischen Risiken.

Präzision und Qualität gelten als Stärken der Autozulieferer

Ein hohes Potenzial identifizieren 64 Prozent der Unternehmen im Verteidigungssektor. Aber auch in der Medizintechnik (38 Prozent) sowie in der Luft- und Raumfahrt (36 Prozent) sehen die Firmen Chancen, um sich breiter aufzustellen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Umfrage des Instituts Allensbach im Auftrag der Unternehmensberatung FTI-Andersch. Demnach bauen bereits drei Viertel aller vom Strukturwandel betroffenen Autozulieferer Geschäfte außerhalb ihrer Branche auf – vor allem in Feldern mit hohen technischen Anforderungen.

„In diesen Bereichen können Zulieferer ihre bestehenden Stärken nutzen: Präzision, Qualitätssicherung und regulatorische Erfahrung“, sagt Ralf Winzer, Vorstand und Partner bei FTI-Andersch. „Es ist aber kein leichter Weg“, warnt er. „Zulassungsverfahren, andere Produktzyklen und ungewohnte Kundenerwartungen stellen viele Unternehmen vor operative und kulturelle Hürden.“

Diese drei bayerischen Unternehmen gehen neue Wege:

1. Brose baut bald Kleinsatelliten

Der Automobilzulieferer Brose plant den Einstieg in den Raumfahrt- und Satellitensektor. Dazu hat das Familienunternehmen Kooperationen mit führenden Forschungseinrichtungen und Unternehmen geschlossen: dem Fraunhofer-Institut EMI, dem Fraunhofer ISC und dem Berlin Space Consortium.

Ziel ist es, Kleinsatelliten und Schlüsselkomponenten für die Raumfahrttechnologie sowie hocheffiziente elektrische Antriebssysteme zu entwickeln und in industrieller Serienfertigung herzustellen. Die Partnerschaften ermöglichten dem Automobilzulieferer, seine umfassende Technologiekompetenz auf die Raumfahrt zu übertragen und am Standort Würzburg innovative Lösungen für die industrielle Serienfertigung von Satelliten und Antriebssystemen zu entwickeln, heißt es von Brose.

Das Unternehmen bringt seine jahrzehntelange Erfahrung in der Produktion von mechatronischen Komponenten und Systemen für Automobile in die Zusammenarbeit ein. Die Partner steuern vor allem umfassendes Know-how in Satellitentechnologien, Materialien und Antrieben bei. Die Serienfertigung von Kleinsatelliten von 50 bis 500 Kilogramm soll am Brose-Standort Würzburg aufgebaut werden.

2. Schaeffler hilft bei der Drohnen-Produktion

Viele neue Firmen engagieren sich aktuell in der Verteidigungs-Industrie. Zu ihnen gehört auch der fränkische Automobilzulieferer Schaeffler aus Herzogenaurach. Er kooperiert jetzt mit dem Münchner Drohnenhersteller Helsing. Gemeinsam wollen sie die Drohnenproduktion hochfahren.

„Die deutschen Autozulieferer können skalieren wie keine andere Industrie und beim Aufbau resilienter Lieferketten zügig unterstützen“, sagt der Helsing-Mitgründer und Co-Vorstandsvorsitzende, Gundbert Scherf. „Die Zusammenarbeit mit Schaeffler ermöglicht uns eine schnelle und zuverlässige Massenfertigung.“

Schaefflers Vorstandsvorsitzender Klaus Rosenfeld spricht von einem ersten wichtigen Schritt, um das Verteidigungsengagement auszubauen. „Wir setzen dabei auf unsere seit Jahren bewährte Kompetenz und Innovationskraft im Bereich der industriellen Fertigung.“

Schaeffler soll die Herstellung und Beschaffung wichtiger Elektronikkomponenten übernehmen. Auch beim Absichern der Lieferketten, etwa bei Halbleitern und Rohstoffen, ist das Unternehmen eingebunden. Die eigentliche Drohnenproduktion wird jedoch beim Münchner Unternehmen Helsing verbleiben. Schaeffler soll hier unterstützen.

3. Weiss setzt auf die Lagerlogistik

Die Krise in der Auto-Industrie spürt auch die Firma Weiss Kunsstoffverarbeitung aus dem schwäbischen Illertissen. Das Automobilgeschäft macht knapp zwei Drittel des Umsatzes aus. Rund 30 Prozent dieser Aufträge hängen am Verbrennermotor. Im vergangenen Jahr ging der Umsatz hier spürbar zurück.

Kunststoffteile von Weiss stecken zwar auch in Lkw-Bremssystemen, die auch nach dem Aus für Verbrenner gebraucht werden. Zudem wird der Bereich Elektromobilität ausgebaut. Aber das Unternehmen möchte noch unabhängiger werden.

„Wir haben ein großes Interesse an Kunden aus anderen Branchen und wollen unser Geschäft dort ausbauen“, sagt Jürgen Weiß, Geschäftsführer und Eigentümer. „Wir halten überall Augen und Ohren offen.“

Eine Option ist die Medizintechnik. Hier war man bereits aktiv. „Aber das ist eine eigene Welt“, sagt Weiß. Die umfangreichen Zertifizierungsvorschriften machen Neulingen den Einstieg schwer. Aktuell liefert Weiss Teile für ein neues großes Lagerlogistik-Projekt. Bei so einer Anlage ist die Firma erstmals dabei. Wenn alles passt, kommt man hier vielleicht bald häufiger zum Zug.

Michael Stark
aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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