Das Wichtigste auf einen Blick:

  • In Deutschland schießen Rechenzentren in nie da gewesenem Tempo aus dem Boden – getrieben von milliardenschweren Investitionen.
  • Immer mehr Unternehmen wollen ihre Daten regional speichern, um unabhängiger von geopolitischen Risiken zu werden.
  • Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen Strom – weshalb effiziente Kühlung und die Nutzung von Abwärme immer wichtiger werden.

Die Tür geht auf – und die Hitze einer Sauna schlägt einem entgegen. Hinzu kommt ein fürchterliches Kreischen, so laut wie ein Passagierjet beim Start. 60 Grad Celsius und 115 Dezibel: In so einem Raum voller Hochleistungs-Rechenchips, deren Lüftung den enormen Lärm verursacht, hält niemand es lange aus.

„Es ist wirklich unerträglich“, sagt Andreas Falkner, der sich gerade Ohrstöpsel in seine Gehörgänge gestopft hat. Er ist verantwortlich für die KI-Fabrik der Deutschen Telekom, die vor einem halben Jahr am Münchner Tucherpark in Betrieb gegangen ist. Tageslicht gibt es hier übrigens auch nicht. Die unterirdische Anlage ist laut Betreiber das größte auf Industrieanwendungen ausgerichtete Rechenzentrum Deutschlands. Eine Serverfarm der Superlative also – aber längst nicht die einzige im Land.

Denn der Markt für Rechenzentren boomt: Mehr als 2.000 große und kleine Anlagen sind laut Wirtschaftsministerium hierzulande schon in Betrieb. Geplant oder im Bau sind einer Auswertung der Beratungen Borderstep und Grass Consulting zufolge 70 Großprojekte. Als einen „Ausbau in nie da gewesenem Tempo und Ausmaß“ beschreibt die Allianz in einem Bericht den aktuellen „Datacenter-Boom“.

21,3 Terawattstunden Strom haben deutsche Rechenzentren 2025 verbraucht

Quelle: Bitkom

Zwar befindet sich die meiste Rechen-Power immer noch in der Nähe von Frankfurt – also nahe am größten deutschen Internetknoten DE-Cix. Doch andere Metropolen wie München und Berlin und auch das platte Land holen auf. So investiert Microsoft 3,2 Milliarden Euro in drei sogenannte Hyperscaler – extrem große Rechenzentren mit riesigen Kapazitäten – in den rheinischen Städtchen Bedburg, Bergheim und Elsdorf. Und die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, zieht ein Datacenter mitten im Spreewald hoch. Kosten: 11 Milliarden Euro!

Fakten und Hintergründe

Rechenzentren: Der Datenhunger und die Weltlage treiben den Bau-Boom

Für diesen Bau-Boom gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens: Der Datenhunger der Industrie wächst – und Rechenzentren sind das Rückgrat der Datenökonomie. Ohne sie gibt es keine Cloud-Dienste, keine Videokonferenzen und keine neuen KI-Anwendungen.

Dass so viele Datacenter in Deutschland entstehen, hängt zweitens aber auch an der unsicheren Weltlage: Viele Unternehmen wollen ihre Daten inzwischen lieber regional speichern, um unabhängiger von geopolitischen Krisen zu werden. Etwa von Zoll-Drohungen aus den USA, wohin immer noch die meisten Daten fließen.

11 Milliarden Euro investiert die Schwarz-Gruppe in ein Datacenter im Spreewald

Quelle: Schwarz Digits

Die neue KI-Fabrik in München wird diesem Wunsch nach mehr Resilienz gerecht: Hier gelten die strengen europäischen Datenschutz-Anforderungen. Betriebe, die von den hiesigen Hochleistungs-Chips ihre 3D-Simulationen oder digitalen Zwillinge berechnen lassen, können sehr sicher sein, dass ihr Know-how das Land nicht verlässt.

Dass Sicherheit hier großgeschrieben wird, sieht man der KI-Fabrik am Münchner Tucherpark an: Zehn Meter unter dem Eisbach gelegen, verströmt sie die Atmosphäre eines Bunkers. Hier befinden sich 14 sogenannte Pods: abgeschlossene Container-Module, in denen auf jeweils rund 80 Quadratmetern unzählige KI-Chips am Werk sind.

An jeder Tür müssen sich Mitarbeiter ausweisen. Zu den Räumen, in denen auf schrankähnlichen Gestellen Server vor sich hin surren, hat nur jeweils eine Handvoll Menschen Zugang. „Schließlich liegen hier alle Kundendaten drauf“, erklärt Projektleiter Falkner.

Kühlung und Rechen-Power: Rechenzentren verbrauchen viel Energie

Um die Hochleistungschips zu kühlen, wird unter anderem dem Eisbach Wasser entnommen und anschließend einige Grad wärmer zurückgegeben. Das spart rund 20 Prozent der Stromkosten. „Und Büros und ein Hotel in der Umgebung werden mit der Abwärme beheizt“, sagt Falkner.

Denn das ist die Kehrseite des Daten-Booms: Rechenzentren fressen extrem viel Energie, rund um die Uhr. Laut Bitkom lag der Stromverbrauch aller deutschen Datacenter im Jahr 2025 bei 21,3 Milliarden Kilowattstunden – mehr als doppelt so viel wie im Jahr 2010.

Dank neuer Technologien dürften die nächsten Rechenzentren-Generationen zwar deutlich effizienter arbeiten. Klar ist aber: Den KI-Boom gibt es nicht umsonst.

So arbeitet ein Rechenzentrum

Ein Rechenzentrum ist im Grunde eine Fabrik für Daten: Hier stehen Tausende Rechner, die Informationen speichern, verarbeiten und über Netzwerke verfügbar machen. Herzstück sind Server – leistungsstarke Computer, die meist in sogenannten Racks untergebracht sind. Das sind hohe Metallschränke, in denen viele Geräte platzsparend übereinander eingebaut werden. Netzwerktechnik sorgt dafür, dass Daten schnell hinein- und hinausfließen. Kühlanlagen verhindern, dass die Geräte überhitzen. Notstromsysteme springen ein, falls der Strom ausfällt. Und weil auf den Servern oft sensible Informationen liegen, gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen – vom Zugang per Ausweis bis zur lückenlosen Überwachung.

Interview: „Wir müssen zwei Schritte weiter denken“

Rechenzentren ziehen viel Strom – aber sie können auch Energie produzieren. Wie Datacenter nachhaltig werden können, das erforscht Christof Wittwer am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg.

Herr Wittwer, nachhaltige Rechenzentren: Geht das überhaupt?

Ja. Aber dafür müssen unterschiedliche Faktoren zusammenspielen. Vor allem müssen wir die Rechenleistung noch flexibler steuern: Zum Beispiel könnten Rechenprozesse an Standorte verlegt werden, wo es gerade viel Wind- oder Sonnenstrom gibt. Und wir müssten aufhören, die Energie, die in den Zentren entsteht, einfach zu vernichten. Stichwort: Abwärmenutzung.

Sie meinen die Hitze, die durch die Arbeit der Hochleistungschips entsteht.

Genau. Diese Energie ließe sich perfekt nutzen. Allerdings fehlt rund um die meisten Rechenzentren dafür der Bedarf. Außerdem gibt es meist kein bestehendes Fernwärmenetz. Wird also ein Rechenzentrum auf die grüne Wiese gestellt, braucht es eigentlich ein Ballungszentrum in der Nähe, einen Stromanschluss, eine Umspannstation – und oft kilometerweite Fernwärmeleitungen bis zu den Abnehmern. Leider fehlt es oft an solchen Schnittstellen zu bestehenden Energieinfrastrukturen.

Es kommt da also auf die Lage an.

Und auf die Bereitschaft, Rechenzentren als Stütze im Energienetz zu sehen. Viele haben im Hinterkopf, dass sich die Technik ja weiterentwickelt und Rechenzentren künftig weniger Wärme produzieren. Und dann? Alles abreißen und die Fernwärmeleitung stilllegen? Nein – wir müssen schon jetzt zwei Schritte weiterdenken.

Was meinen Sie konkret?

Jedes Rechenzentrum verfügt über eine Notstromversorgung. Warum sollte man diese eigentlich nur im Notfall nutzen? Angetrieben etwa durch Wasserstoff, könnten so Rechenzentren- Kraftwerke entstehen, die proaktiv Strom ins Netz einspeisen. Dann wäre das Rechenzentrum nicht nur Stromverbraucher, sondern teilweise auch Produzent – und damit noch attraktiver für Betreiber.

Michael Aust
aktiv-Redakteur

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band. 

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Michael Stark
aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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Nadine Keuthen
aktiv-Redakteurin

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe. 

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