Technologie für Stromleitungen und Fernwärme

Bohrtechnik-Spezialist unter Druck: Wie die Firma Perforator unter EU-Zöllen leidet

Die Firma Perforator fühlt sich von neuen EU-Zoll-Regeln gegängelt. Dabei könnte der Bohrtechnologie-Hersteller am niedersächsischen Standort Walkenried noch mehr produzieren – denn seine Produkte werden weltweit gebraucht.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Neue Zölle sollen europäische Stahlhersteller schützen – dem deutschen Mittelständler Perforator schaden sie.
  • Die Bohrtechnologie aus dem niedersächsischen Walkenried wird weltweit gebraucht, etwa für Stromtrassen, Bergbau und Brunnenbau.
  • Mit Automatisierung, KI und Tempo im Wettbewerb will die Firma am Standort Deutschland bestehen.

Eine gelbe Linie hinter dem Eingangstor, dazu ein rotes Schild am Zaun: „Gesamte Lagerfläche ist Zolllagerfläche.“ Johann-Christian von Behr braucht keine langen Erklärungen, um zu zeigen, was aus seinem Unternehmen geworden ist. Perforator, rund 80 Beschäftigte, 24 Millionen Umsatz, international tätiger Hersteller von Bohrtechnologie – und neuerdings Zollverwalter. 

Von Behr führt seit 2016 die Geschäfte des Mittelständlers mit Sitz in Walkenried am Südrand des Harz. Beim aktiv -Besuch zeigt er die neue Zolllagerfläche. Nicht, um über Probleme zu klagen. Sondern um zu erklären, wie man sie als Unternehmen meistert.

Die Bohrstange aus China ist zollfrei – der Stahl dafür nicht

In diesem Fall heißt die Herausforderung: Zollpolitik. Anfang Juli hat die Europäische Union schärfere Regeln für Stahlimporte in Kraft gesetzt. Das soll Produzenten in der EU vor billiger Konkurrenz aus Asien schützen. Was den Stahlherstellern nutzt, ist für Stahlverarbeiter wie Perforator ein Kostenfaktor. „Wir brauchen Stahlrohre mit einem Durchmesser von 273 Millimetern, um daraus Bohrstangen zu fertigen“, erklärt von Behr. 

Rohre mit diesen Maßen werden allerdings in der EU nicht mehr hergestellt. „Und der letzte Hersteller in der Ukraine ist durch den Krieg weggefallen.“ Übrig bleibt erst mal nur der Import aus China. Aber der wird jetzt mit 50 Prozent Zoll belastet. Von Behr findet das ungerecht: „Wenn Sie eine fertige Bohrstange aus China kaufen, liegt der Zollsatz bei 0 Prozent. Wir werden also dafür bestraft, dass wir hier Mitarbeiter beschäftigen und Arbeit leisten.“

Um weiterhin produzieren zu können, hat Perforator ein Zollfreilager abgesperrt: Das ist ein separater Bereich auf dem Betriebsgelände, in dem aktuell Dutzende Stahlrohre auf ihre Veredelung warten. Rechtlich gelten diese Rohre als noch nicht eingeführt. Deshalb fällt keine Einfuhrabgabe an – dafür aber teure Bürokratie: Jedes Rohr bekommt eine Seriennummer und muss vor der Weiterverarbeitung beim Zoll angemeldet werden. Erst nach dessen Kontrolle darf Perforator produzieren. Sofern die Bohrstangen dann exportiert werden, entfällt der Zoll. „Ein enormer Aufwand“, klagt von Behr. „Für mich ein Zeichen dafür, dass wir hier als metallverarbeitende Industrie wohl nicht mehr gewollt sind.“

Bohrtechnologie: Zentral für Ökostrom und Fernwärme

Die Perspektiven der Bohrtechnologie-Industrie in Deutschland sind gut: Bohrtechnik wird für den Bau von Fernwärmeleitungen, Stromtrassen und die Gewinnung von Wasser dringend gebraucht. Zugleich kämpfen viele Unternehmen mit knappem Fachpersonal, Bürokratie und Kostendruck. Große Bohrprojekte sind in Deutschland die Stromtrasse Südlink, ein Fernwärme-Projekt in Potsdam, bei dem in 2.000 Meter Tiefe gebohrt wird, und ein Geothermie-Projekt im bayerischen Geretsried – hier wird sogar 4.500 Meter tief in die Erde gebohrt.

Technik von Perforator steckt auch in der Stromtrasse Südlink

Dabei ist die Firma eigentlich in einer Zukunftsbranche unterwegs: Bohrstangen und Horizontal-Bohrmaschinen aus Walkenried kommen weltweit zum Einsatz – in Brunnenbohrungen, in der Geothermie, im Bergbau und bei Stromtrassen. „Kennen Sie Südlink?“, fragt Werkleiter Dr. Wilko Hinrichs-Stark beim Gang durch die Werkhallen. „Das ist eines der größten Stromleitungsprojekte Deutschlands. Die Erdkabel werden mithilfe unserer Bohrmaschinen verlegt.“

Fakten & Hintergründe

Auch im größten Eisenerzbergwerk der Welt (in Brasilien), im Platinbergbau (in Südafrika) und im Brunnenbau (in den USA) kommt Perforator-Technik zum Einsatz. „Der Bedarf an Bohrleistungen wird langfristig noch steigen“, glaubt Geschäftsführer von Behr. Grund sei nicht nur der wachsende Bedarf an Rohstoffen, die aus der Erde geholt werden müssen. Sondern auch der sinkende Grundwasserspiegel: „Nach Wasser müssen wir künftig tiefer bohren, dafür braucht es Bohrtechnologie.“

Damit die beim Kunden fehlerfrei funktioniert, dafür sorgt in Walkenried auch Oliver Levin. Der Industriemechaniker arbeitet in der Qualitätssicherung. „Ich übernehme zum Beispiel die Ultraschall- und Magnetpulver-Prüfung der Rohre“, erklärt Levin, während er mit einem Hammer RFID-Tags in Bohrstangen einschlägt: „Durch den Mikrochip kann der Kunde alle Infos zum Produkt digital nachvollziehen.“ 

Die Digitalisierung wird auch an vielen anderen Stellen des Metallbetriebs sichtbar. Hinter Hinrichs arbeiten zum Beispiel eine Roboterzelle und ein hochautomatisiertes CNC-Bearbeitungszentrum – scheinbar selbstständig. Trotzdem werden Menschen – bei aller Automatisierung – nicht überflüssig, betont von Behr. Sie werden sogar wichtiger: „Der Schweißer muss heute vielleicht nicht mehr selbst ran, sondern kann einen Schritt zurücktreten. Dafür ist er als Roboter-Manager gefragt.“

Standort Deutschland: Nähe und Tempo helfen im weltweiten Konkurrenzkampf

Investitionen in Automatisierung und in KI passen zur Strategie, die Perforator am Heimatstandort verfolgt. „Wir wollen unseren Kunden in Europa künftig maßgeschneiderte Lösungen ab Losgröße eins anbieten“, so der Chef. Damit will das Unternehmen den Vorteil der Nähe ausspielen: mit einer Reaktionsschnelligkeit, die Anbieter aus Asien nicht leisten können. „Im Container aus China bekommt ein Kunde in Deutschland so etwas frühestens in sechs Wochen.“

Gerade ist von Behr aus den USA zurück, wo Perforator einen Vertriebsstandort hat. „An Amerika mag ich, dass die Leute so unternehmerisch sind“, sagt er. „Die sagen: Wo sind die nächsten Chancen? Und nicht: Wo ist das nächste Problem?“ Auf diese Haltung setzt er auch in Walkenried: „Solange wir in Bewegung sind, mache ich keine Sorgen. Aber wenn wir stillstehen, ist es morgen vorbei.“

Das Unternehmen

  • Perforator ist ein weltweit aktiver Spezialist für Bohrtechnologien mit Sitz in Walkenried im Südharz. Dort produzieren rund 80 Mitarbeiter Presbohrtechnik, Bohrgestänge, Schneidrollen und Injektionstechnik.
  • Die Geschichte des Unternehmens beginnt schon 1885: Damals wurde die Schmidt, Kranz & Co. Nordhäuser Maschinenfabrik gegründet, die Produkte für den Kalibergbau im Harz lieferte.
  • Heute ist Perforator Teil der Schmidt Kranz Group, die auch in den Bereichen Hochdrucktechnnik und Automation aktiv ist.

Michael Aust

aktiv-Redakteur

Michael Aust berichtet bei aktiv als Reporter aus Betrieben und schreibt über Wirtschafts- und Verbraucherthemen. Nach seinem Germanistikstudium absolvierte er die Deutsche Journalistenschule, bevor er als Redakteur für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Mitarbeiter-Magazine diverser Unternehmen arbeitete. Privat spielt er Klavier in einer Band. 

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