Interview

„Bayern steht beim Fachkräftemangel etwas günstiger da“

Laut einer neuen Prognos-Studie könnten im Jahr 2035 in Bayern rund 290.000 Fachkräfte fehlen. Alle Landesteile sind betroffen. Je nach Region gibt aber es zum Teil deutliche Unterschiede.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Der Fachkräftemangel wird in den kommenden zehn Jahren vor allem aufgrund des demografischen Wandels stark zunehmen.
  • Auch in der Industrie wird es eine Fachkräftelücke geben. Das wird auch die aktuelle wirtschaftliche Schwächephase nicht verhindern.
  • Es gilt gegenzusteuern, etwa mit Ausweitung der Arbeitszeit, mehr Zuwanderung oder beserer Bildung.

Wen der Fachkräftemangel besonders stark betrifft, erklärt Michael Böhmer vom Schweizer Forschungsinstitut Prognos im aktiv-Gespräch.

Herr Böhmer, Ihre Studie prognostiziert für 2035 eine erhebliche Fachkräftelücke für Bayern. Sie ist unvermeidlich?

Wenn wir nichts dagegen tun, werden wir 2035 definitiv eine Fachkräftelücke haben. In den nächsten Jahren geht es richtig los mit dem demografischen Wandel und der Alterung der Gesellschaft. Das heißt, es gehen sehr viele Ältere aus dem Arbeitsmarkt raus.

Steht Bayern wenigstens besser da als das übrige Deutschland?

Bayern hat grundsätzlich die gleichen Probleme, steht aber etwas günstiger da, insbesondere wegen einer höheren Zuwanderung aus anderen Teilen Deutschlands. Die Menschen, die kommen, sind zudem eher jünger, weil die natürlich mobiler sind.

Fakten & Hintergründe

Und wie sieht es innerhalb Bayerns aus?

Wir erleben ein ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle: In Nordbayern ist das Problem noch viel größer. Wir haben dort mehr Beschäftigte mit beruflicher Bildung und weniger Akademikern als etwa in Oberbayern. Diese Beschäftigten sind tendenziell älter. Es scheiden dort also in den kommenden Jahren mehr Menschen aus dem Arbeitsleben aus.

„Auch in der Industrie wird es eine Fachkräftelücke geben“

Michael Böhmer, Experte von Prognos

Betroffen ist trotzdem der ganze Freistaat?

Ja, in keinem Kreis gibt es laut Studie ein signifikantes Überangebot an Arbeitskräften. In 28 von 36 Berufen wird es einen Fachkräftemangel geben. Das bedeutet: Man muss sich in jedem Kreis in Sachen Fachkräftemangel umschauen und darf sich nicht ausruhen.

All das trotz aktueller Wirtschaftskrise?

Selbst wenn wir weiterhin schwach wachsen würden, in unserer Berechnung mit 0,4 Prozent Realwachstum, würde die Fachkräftelücke in Bayern 2035 mit gut 210.000 statt 290.000 Menschen bestehen bleiben. Wir können also nicht aus der Fachkräftelücke rausschrumpfen.

Die Industrie wird auch betroffen sein?

Ja, auch in der Industrie wird es eine Fachkräftelücke geben. Das wird die aktuelle Schwäche der Industrie nicht verhindern. Da gibt es keine Entwarnung. Das heißt aber zugleich: Es wird weiter gute Beschäftigungsmöglichkeiten geben.

Wie sicher sind Sie sich eigentlich, dass alles so kommt?

Diese Prognose hat nicht das Ziel einzutreffen wie eine Konjunkturprognose. Es geht darum, inwieweit man beim Fachkräftemangel gegensteuern muss – mit mehr Zuwanderung, längerer Lebensarbeitszeit, mehr Arbeitszeit pro Jahr und intensiverer Aus- und Weiterbildung. Wir haben umso mehr richtig gemacht, je weniger von diesem Szenario eintritt.

Michael Stark

aktiv-Redakteur

Michael Stark schreibt aus der Münchner aktiv-Redaktion vor allem über Betriebe und Themen der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie. Darüber hinaus beschäftigt sich der Volkswirt immer wieder mit wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen. Das journalistische Handwerk lernte der gebürtige Hesse als Volontär bei der Mediengruppe Münchner Merkur/tz. An Wochenenden trifft man den Wahl-Landshuter regelmäßig im Eisstadion.

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