Duisburg/Berlin. Insider sprechen schon von einer „Investitionswende“. So viel Geld wie nie fließt gerade in deutsche Bauprojekte. Was Donald Trump wohl dazu sagen würde? Denn der Boom auf den Baustellen versetzt nicht nur die Firmen in Jubelstimmung, sondern hilft auch beim Abbau des deutschen Exportüberschusses.

Immer wieder hat der US-amerikanische Präsident das Ungleichgewicht zwischen deutschen Ein- und Ausfuhren kritisiert. Und auch die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds haben Deutschland aufgefordert, mehr im Inland zu investieren. Schließlich kurbeln Infrastruktur-Investitionen auch die privaten Ausgaben und somit den Import an.

Deutschland ist im Baggerfieber, und ein Ende ist nicht in Sicht. 107 Milliarden Euro setzte die Branche im vergangenen Jahr um. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie mit Sitz in Berlin hat im zweiten Quartal schon mal seine Jahresprognose angehoben, weil die Konjunktur noch besser läuft als anfangs erwartet. Für dieses Jahr rechnet er mit einem Umsatzplus von 6 Prozent und für 2018 mit 5,5 Prozent. Zuwachsraten, von denen andere Branchen nur träumen können.

„Der Auftragsbestand ist mit 40 Milliarden auf einem historischen Hoch“, sagt Peter Hübner, Präsident des Branchenverbands mit Sitz in Berlin.

Ganze 309 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr insgesamt investiert. „Das ist auch nötig. Jahrelang wurde gar nicht oder viel zu wenig investiert, zum Beispiel in Brücken, Straßen und die Kanalisation“, so Professor Alexander Malkwitz, Leiter des Instituts für Baubetrieb und Baumanagement an der Universität Duisburg-Essen. „Bund, Länder, Kommunen und Privatwirtschaft stecken wieder mehr Geld in Projekte.“



Ein weiterer Grund für den Boom ist die Situation auf dem Wohnungsmarkt. „Die Nachfrage ist sehr hoch, besonders in Ballungsräumen“, so Malkwitz. Im letzten Jahr wurden 278.000 Wohneinheiten fertiggestellt, 12 Prozent mehr als noch 2015. Und in diesem Jahr, so hat der Branchenverband angekündigt, entstehen 320.000 Wohneinheiten.

Und das reicht noch immer nicht. Bis 2020 sind 400.000 Wohnungen pro Jahr nötig – das haben Ökonomen errechnet. Außerdem profitiert der Wirtschaftsbau. „Die Zuwanderung in unsere Ballungszentren hat auch eine steigende Nachfrage nach Büroarbeitsplätzen ausgelöst“, so Branchenpräsident Hübner. Die Zeiten des Büroleerstands in Großstädten sind quasi vorbei.

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Die Unternehmen erhöhen ihre Produktion und stocken ihren Maschinenbestand auf. Eines macht der Branche aber zu schaffen: Es fehlt Personal. Und das, obwohl die Zahl der Auszubildenden und der Studenten steigt. 2016 etwa wurden 12.000 neue Ausbildungsverträge im Bauhauptgewerbe abgeschlossen (2 Prozent mehr als im Vorjahr), und rund 11.000 Studenten haben ihr Bauingenieur-Studium abgeschlossen, ein Plus von 1.050 gegenüber 2015. Zurzeit sind allein im Bauhauptgewerbe 796.000 Menschen beschäftigt.

Dennoch: Baufirmen suchen Handwerker, Planungsbüros suchen Ingenieure. Auf den Ämtern reicht das Personal nicht aus, um die Bauanträge abzuarbeiten, die sich auf den Schreibtischen stapeln. Genehmigungsverfahren ziehen sich in die Länge. Betriebe müssen mittlerweile schon Aufträge ablehnen. „Wenn die Betriebe überlastet sind und vielleicht unerfahrene Menschen Projekte leiten sollen, dann passieren Fehler, die zu Verlusten führen können“, so Malkwitz.

Ein neues Gesetz soll ab 2018 Bauherren besser schützen

Diese Entwicklung bestätigt auch Florian Becker vom Bauherren-Schutzbund in Berlin. „Durch die hohe Anzahl zeitgleich laufender Bauprojekte ist der Koordinierungsaufwand für Bauleiter mittlerweile enorm hoch. Sie müssen viele Baufirmen und Subunternehmer gleichzeitig steuern. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Mängeln kommt.“

Und Fehler und Versäumnisse kosten Geld. Hinzu kommen lange Wartezeiten für Häuslebauer. „Wenn ein Bauherr früher vier Wochen auf den Baubeginn gewartet hat, können es heute sechs Monate oder mehr sein“, so Becker.

Einen Lichtblick gibt es aber für die Verbraucher: 2018 tritt das neue Bauvertragsrecht in Kraft. Dann haben Bauherren etwa Anspruch auf einen konkreten Fertigstellungstermin. Für die Branche eine Herausforderung, wenn die Bauarbeiter fehlen.