Ausbildung in der Textil-Industrie: Vier Azubis berichten vom Start ins Berufsleben
Wie fühlt sich der Ausbildungsstart in der Textil-Industrie an? Vier Auszubildende aus Textil- und Modebranche erzählen offen von ihrem Einstieg und ihren ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt – und wo es für sie hingehen soll.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Derzeit absolvieren 1.300 junge Menschen eine Ausbildung in der Textil- und Mode-Industrie.
- Seit Anfang August und auch noch im September starten die Auszubildenden des neuen Ausbildungsjahrs in Betrieben.
- Viele Auszubildende schätzen bei ihrer Ausbildung die praktische Arbeit. Zusätzlich motiviert es sie, selbstverantwortlich zu arbeiten.
Für viele junge Menschen beginnt gerade ein neuer Lebensabschnitt, der vieles verändert – oft fürs Leben: die Ausbildung in einem Betrieb der Textilindustrie. Hinter ihnen liegen Monate voller Bewerbungen, Hoffen und Warten, vor ihnen liegt der Einstieg in eine noch unbekannte Welt mit vielen neuen Aufgaben. Auch in den Betrieben der Textil- und Bekleidungsindustrie heißt es jetzt für zahlreiche Azubis: Ankommen, lernen, mitdenken – und den eigenen Platz finden. Der Einstieg ins Berufsleben ist immer spannend, manchmal auch herausfordernd.

Was kann dabei helfen, sich als Neuling im Betrieb zurechtzufinden? Und was motiviert junge Menschen, dranzubleiben, wenn es doch mal nicht so gut läuft? aktiv hat vier Auszubildende aus der Branche gefragt, wie sich ihr Einstieg ins Berufsleben anfühlt und welche Erfahrungen sie schon gemacht haben.
„Die Leidenschaft fürs Nähen ist geblieben“

Seit diesem August mache ich die Ausbildung bei Brax, ich werde Textil- und Modenäher. Für Mode und Design habe ich mich schon von klein auf interessiert. Als Grundschulkind habe ich immer selbst entscheiden wollen, was ich anziehe – da hat es schon mal Streit mit meiner Mutter gegeben.
Der Startschuss für einen kreativen Beruf in der Modebranche war ein Praktikum bei einem kleinen Modelabel in meiner Heimatstadt Münster. Da habe ich von der Stoffauswahl bis zum Anfertigen eines Kleidungsstücks alles beobachten können. Das hat mich wirklich fasziniert. Nach dem Abitur habe ich mich dann bei Brax beworben. Dort hätte ich schon letztes Jahr anfangen können. Aber direkt nach der Schule in eine fremde Stadt zu ziehen, niemanden zu kennen – dafür fehlte mir der Mut. Brax hat das akzeptiert und die Tür offen gelassen, das fand ich prima. In den letzten Monaten habe ich meine Berufswahl nochmals hinterfragt, ein Praktikum in einer Änderungsschneiderei gemacht und privat stundenlang genäht. Die Leidenschaft ist geblieben. Ich bin mir jetzt sicher: Das ist der richtige Beruf für mich.
Die ersten Wochen habe ich jetzt hinter mir, habe meine Kolleginnen und Kollegen kennengelernt und ich bin in Herford angekommen. Die Pläne nach der Ausbildung? Vielleicht ein duales Studium, mal sehen.
„Nach einer Woche war mir klar, das ist der richtige Beruf“

Seit August 2025 mache ich bei Wülfing eine Ausbildung zur Industriekauffrau, aktuell arbeite ich in der Disposition. Dort plane ich Aufträge, stimme etwa den Warenbedarf und die Verpackung ab. Ich koordiniere, damit alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Genau diese Mischung aus Organisation, Abstimmung und Nähe zur Produktion macht den Beruf für mich so spannend. Man muss den Überblick behalten, selbstständig arbeiten und klar kommunizieren.
Auf Wülfing bin ich bei meiner Online-Suche nach einem Ausbildungsplatz aufmerksam geworden. Zunächst habe ich mich nicht direkt beworben, sondern eine Anfrage für ein freiwilliges Praktikum gestellt, um reinzuschnuppern. Nach einer Woche war mir klar, dies ist der richtige Beruf für mich. Zum Ende des Praktikums hatte ich ein Gespräch mit dem Geschäftsführer über den Bewerbungsprozesses. Er verlief unkompliziert, sodass ich kurze Zeit später den Ausbildungsvertrag unterschreiben konnte.
Besonders gut gefällt mir heute, dass die Arbeit so abwechslungsreich ist. Ich sitze nicht nur im Büro, bin auch nah an der Produktion und sehe, wie alles zusammenhängt. Durch die Ausbildung bin ich selbstständiger geworden und habe viel dazugelernt, fachlich wie persönlich. Für nächstes Jahr habe ich schon ein Übernahmeangebot für die Disposition – genau dort, wo ich jetzt bin und wo mir die Arbeit richtig Spaß macht.
„Am ersten Tag habe ich direkt mit angepackt“

Ich bin über mehrere Praktika zu Velener Textil gekommen – erst nur drei Tage, später noch mal vier Wochen.
Dadurch wusste ich schon mehr über den Betrieb und die Abläufe, als ich hier letztes Jahr meine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer begonnen habe.
Ganz ehrlich: Schon im Praktikum haben mich die Maschinen gepackt. Ich liebe es, an ihnen zu arbeiten, vor allem, wenn es mal nicht so rundläuft und wir sie wieder fit machen müssen. Da geht es dann zum Beispiel um gerissene Kett- oder Schussfäden.
Gerade bin ich in der Knoterei, da ist generell viel los. Dort werden die Kettfäden mit einer Knotmaschine mit der neuen Webkette verknotet. Man muss besonders auf ein sauberes Aufbauen der Kettfäden achten, damit die Fäden sauber verknotet werden. Schon an meinem ersten Ausbildungstag habe ich direkt mit angepackt. Ich habe meinem Ausbilder geholfen, eine Maschine umzubauen. Das war spannend. Genau so etwas wollte ich machen.
Am Anfang war das mit der Lautstärke zwar heftig, aber wir arbeiten immer mit sehr gutem Gehörschutz. Daran habe ich mich schnell gewöhnt. Wenn ich nächstes Jahr meine Ausbildung beendet habe, will ich erst mal ein Jahr in der Knoterei arbeiten und dann schauen, ob ich den Meister mache.
„Hier merke ich, dass meine Arbeit wirklich zählt“

Seit August 2025 mache ich eine zweijährige Ausbildung in der Textilindustrie zum Maschinen- und Anlagenführer Textilveredelung. Mittlerweile habe ich schon drei Veredelungsstufen kennengelernt: die Arbeitsvorbereitung, die Wäsche, die Färbung. Als Nächstes arbeite ich in Vorbehandlung an der Senge. Mir gefällt, dass man sich auf mich verlässt. Natürlich muss ich dann auch mal für Fehler geradestehen, obwohl ich noch in der Ausbildung bin. Aber gerade so etwas zeigt mir, dass ich gebraucht werde und meine Arbeit wirklich wichtig ist.
Mein Weg zu SETEX Textilveredlung war eher ungewöhnlich. Eine Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten hat leider nicht geklappt, deshalb war ich dann bei einer Zeitarbeitsfirma. Viele Standorte, wechselnde Aufgaben und das ständige Gefühl: Morgen kannst du schon wieder woanders sein. 2024 kam ich über die Zeitarbeit zu SETEX Textilveredlung und wurde dort als Maschinenführer angelernt. Die Arbeit gefiel mir gut. Also habe ich gefragt, ob ich eine Ausbildung machen kann – und bekam tatsächlich eine Zusage.
Jetzt kann ich endlich richtig an den Maschinen arbeiten, statt nur um sie herum, wie es als Hilfskraft bei der Zeitarbeit war. Das motiviert mich zusätzlich. Im Oktober gehe ich in die Zwischenprüfung. Ich kann mir vorstellen, die Ausbildung auf drei Jahre zu verlängern. Dann wäre ich am Ende ausgebildeter Produktveredler.
Textilakademie NRW: Theorie und Praxis gehen Hand in Hand
Derzeit absolvieren bundesweit etwa 1.300 junge Menschen ihre Ausbildung in der Textil- und Mode-Industrie. Die Textilakademie NRWin Mönchengladbach ist eine zentrale Berufsschule für gewerblich-technische Ausbildungsberufe der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie. Azubis aus neun Berufen absolvieren dort ihren Berufsschulunterricht in sieben zweiwöchigen Blöcken pro Berufsschuljahr. In Kooperation mit der Hochschule Niederrhein bietet die Textilakademie auch ein duales Blockstudium, ein Teilzeit-Bachelorstudium sowie Meister- und Technikerlehrgänge an.
Die deutsche Textil- und Mode-Industrie
In der deutschen Textil- und Modebranche sind derzeit 105.000 Menschen in 1.300 Unternehmen beschäftigt, die einen Jahresumsatz von zuletzt 30 Milliarden Euro erwirtschafteten. Die Betriebe der Branche unterliegen schon seit Längerem einer tiefgreifenden Veränderung. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen Jahren auf Hightech-Textilien spezialisiert, die in Zukunft besonders für die Energiewende und die Fertigung von nachhaltigen Produkten wichtig sind.
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