Das Publikum dürfte seinen Augen und Ohren nicht getraut haben: 1959 schnitt jemand dem Entertainer Peter Frankenfeld das Mikrofonkabel durch. Mitten auf der Bühne, mitten in einer laufenden NDR-Sendung. Frankenfeld redete einfach weiter. Und war zur Überraschung aller Nichteingeweihten immer noch perfekt zu verstehen. Was damals wie Magie gewirkt haben muss, war tatsächlich ein technisches Wunder: Dem niedersächsischen Unternehmen Sennheiser war es als erster europäischer Firma gelungen, ein Mikrofon herzustellen, das den Ton durch die Luft übertragen konnte. Und nicht nur das: Sennheiser produzierte diese Innovation später so effizient, dass sich selbst weniger bekannte Künstlerinnen und Künstler die zunächst unerschwinglich teuren Drahtlos-Mikros leisten konnten.

Dieser Tage feiert das Unternehmen in der Wedemark bei Hannover sein 80-jähriges Bestehen: Im Juni 1945 vom Ingenieur Fritz Sennheiser in einem Fachwerkhaus am Rande eines kleinen Dorfes gegründet, zählt Sennheiser heute zu den weltweit führenden Unternehmen für Audiotechnologie. Derzeit arbeiten 2.196 Menschen für die Sennheiser-Gruppe, 1.204 davon am Stammsitz in Niedersachsen. Im Headquarter arbeiten Menschen mit 33 verschiedenen Nationalitäten – in der weltweiten Belegschaft sind es 57. „Kulturelle Diversität ist uns sehr wichtig“, sagt Daniel Sennheiser, einer der beiden Brüder, die das Unternehmen seit 2013 leiten.

„Der Sprung vom klassischen Mikro zu Spectera ist wie der vom Tastentelefon zum Smartphone.“

Andreas Sennheiser

2021 hatte sich Sennheiser vom Consumer-Geschäft getrennt und entwickelt und produziert seitdem nur noch Mikrofone und Kopfhörer für das professionelle Musikgeschäft – vom DJ-Set über das Tonstudio bis zur Bühnentontechnik. Außerdem liefert Sennheiser Audiolösungen für Unternehmen, beispielsweise für Konferenzsysteme. 492,3 Millionen Euro haben die Niedersachsen mit ihren Produkten im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Und dabei rund 49 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung neuer Audiotechnologien investiert.

Audiotechnik: Mega-Events bringen die Funkübertragung an ihre Grenzen

Zwar stellt Sennheiser auf Wunsch seiner Kunden neben modernen Geräten immer noch Mikrofone in der jahrzehntelang bewährten Technik her. Allerdings muss das Familienunternehmen seine Zukunft auch mit Innovationen sichern.

Die jüngste ist ähnlich bahnbrechend wie das erste Drahtlos-Mikrofon: Mit ihr wollen die Geschäftsführer Andreas und Daniel Sennheiser das System der drahtlosen Audiotechnik zum zweiten Mal komplett neu definieren. Der Name der neuen Technologie: Spectera. Ihren Nutzen versteht man, wenn man weiß, wie Funkmikrofone funktionieren.

Wie schon 1957 sendet und empfängt auch heute noch jedes Funkmikrofonsystem über eine eigene Frequenz. „Bei einer Großveranstaltung wie dem Eurovision Song Contest, bei der Dutzende Mikrofone im Einsatz sind, kommen deshalb leicht vier, fünf Schränke mit Empfängern für die einzelnen Frequenzen zusammen“, erklärt Andreas Sennheiser. Das sei für Tontechniker sehr schwer zu koordinieren. Auch bei Megashows wie dem amerikanische Superbowl oder Stadionkonzerten von Weltstars wie Taylor Swift komme die klassische Funkübertragung zunehmend an ihre Grenzen.

Spectera könnte dieses Problem nun lösen. Zehn Jahre lang hat Sennheiser an der neuen Technologie geforscht: Spectera ist das weltweit erste bidirektionale drahtlose Breitband-Ecosystem. Es verspricht einfache Handhabung und schnelle Workflows. „Technisch gesehen ist Spectera erst einmal ein Datensystem, das Daten jeder Art bidirektional verarbeiten kann“, erklärt Andreas Sennheiser. „Die Software entscheidet, was man damit macht.“ Im Live-Betrieb ist Spectera bereits im Einsatz: Songwriter Max Herre, Soulsängerin Joy Denalane und die „World of Hans Zimmer“-Show sind mit dem neuen System auf Tour.

Spectera soll weitere Innovationen bei Sennheiser anstoßen

Andreas Sennheiser vergleicht den Sprung vom klassischen Drahtlos-Mikro zu Spectera mit dem Wechsel von einem Tastentelefon zum Smartphone: „Wir haben uns davon befreit, dass eine Taste einer Funktion zugeordnet sein muss.“ Das System bietet den Kunden viele neue Möglichkeiten. Und der Firma die Basis für künftige Innovationen. „Die Reise, die wir in der Mikrofontechnik vor fast 70 Jahren begonnen haben, hat jetzt eine neue Richtung eingeschlagen.“