Das Wichtigste auf einen Blick:

  • 53,6 Milliarden Stunden haben die Beschäftigten in Deutschland 2024 gearbeitet – immerhin 6,6 Milliarden Stunden mehr als noch vor 20 Jahren.
  • Trotzdem liegen wir im Vergleich der OECD-Industrieländer auf dem drittletzten Platz. Die hohe Teilzeitquote drückt die durchschnittliche Arbeitszeit, obwohl viele Beschäftigte gern mehr arbeiten würden.
  • Fehlende Betreuung, starre Modelle und Fehlanreize verhindern, dass vorhandenes Arbeitskräftepotenzial genutzt wird.

Schwache Konjunktur, schwindende Wettbewerbsfähigkeit, die Aussichten für Deutschlands Wirtschaft: eher mau! Wie kommen wir aus diesem Loch wieder raus? Indem wir mehr anpacken? „Wir müssen in Deutschland insgesamt mehr arbeiten“, fordert zumindest Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU). Wie fleißig – oder faul – ist Deutschland? aktiv hat unsere Arbeitszeit mal unter die Lupe genommen. Spoiler: Nein, faul sind wir ganz sicher nicht. Aber ein Problem haben wir schon …

Wie viel arbeiten wir wirklich?

Da kommt schon was zusammen! 53,6 Milliarden Arbeitsstunden haben die Beschäftigten in Deutschland 2024 geleistet, meldet das IAB-Forschungsinstitut der Arbeitsagentur. Zum Vergleich: 2004 betrug dieses sogenannte Arbeitsvolumen lediglich 47 Milliarden Stunden. Heißt: Wir arbeiten heute durchaus mehr als früher, weil die Zahl der Beschäftigten in den zurückliegenden Jahren stark gestiegen ist. Stichwort: Jobwunder.

Wird in anderen Industrieländern denn mehr gearbeitet?

Insgesamt gesehen? Klares Ja! Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kam Deutschland 2023 auf rund 1.036 geleistete Arbeitsstunden je Einwohner im Erwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren. Unter den OECD-Ländern ist das der drittschlechteste Wert. „Im Vergleich zu anderen Industrienationen haben wir tatsächlich eine im Durchschnitt geringere Jahresarbeitszeit“, bestätigt die IW-Ökonomin Andrea Hammermann.

1.036 Stunden? Niemals! Da liegt doch jede Vollzeitkraft drüber!

Stimmt. Zustande kommt die Zahl aber durch die hohe Zahl von Teilzeitbeschäftigten. Laut IAB arbeiteten zuletzt vier von zehn Beschäftigten hierzulande in Teilzeit.

Hohe Teilzeitquote? Ist das gut oder schlecht?

Sowohl als auch. Positiv: „Die Erwerbsbeteiligung beispielsweise von Frauen ist in Deutschland deutlich höher als in anderen Ländern“, sagt IW-Forscherin Andrea Hammermann. Jede zweite Frau arbeite in Teilzeit, nach der Geburt des ersten Kindes oft auch dauerhaft. Dabei würden viele Frauen mehr arbeiten wollen. Was wegen fehlender Betreuungsmöglichkeiten für Kinder oder Angehörige aber unmöglich sei. „Hier bleibt Potenzial ungenutzt, das wir zukünftig brauchen werden!“

53,6 Milliarden Arbeitsstunden haben die Beschäftigten 2024 laut IAB geleistet

Grund dafür ist der demografische Wandel. Zwar erreichte die Zahl der Erwerbstätigen im Jahr 2024 die Rekordmarke von 46 Millionen. Jetzt aber gehen die Babyboomer so langsam in Rente. Hammermann: „Die Zahl der Arbeitskräfte wird in den nächsten Jahren sinken.“ Somit auch die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden. Für Deutschlands Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und die Sozialsysteme sind das schlechte Aussichten.

Und was heißt das jetzt?

Wenn weniger Menschen arbeiten, kann das Produktionsniveau nur gehalten werden, wenn die verbleibenden insgesamt mehr Stunden leisten. „Die Diskussion um nachgeholte Feiertage oder die flächendeckende Viertagewoche wirkt da wie aus der Zeit gefallen“, kritisiert Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Deutschland leide nicht unter mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern unter fehlender Betreuungsinfrastruktur, steuerlichen Fehlanreizen, starren Arbeitszeitmodellen und einem Lohnersatzsystem, das Arbeit zu oft unattraktiv mache. Kampeter: „Nicht Reformen sind das Risiko. Das wahre Risiko liegt im Nichtstun.“

Ulrich Halasz
aktiv-Chefreporter

Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann studierte Uli Halasz an drei Universitäten Geschichte. Ziel: Reporter. Nach Stationen bei diversen Tageszeitungen, Hörfunk und TV ist er jetzt seit zweieinhalb Dekaden für aktiv im Einsatz – und hat dafür mittlerweile rund 30 Länder besucht. Von den USA über Dubai bis China. Mindestens genauso unermüdlich reist er seinem Lieblingsverein Schalke 04 hinterher. 

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