Das Wichtigste auf einen Blick

  • Dr. Wolff hat eine eigene KI-Plattform entwickelt, in der das Arbeiten mit Unternehmensdaten sicher ist.
  • Mitarbeiter erledigen jetzt viele Alltagsarbeiten mit künstlicher Intelligenz – das funktioniert in der Verwaltung und in der Fertigung.
  • Um Mitarbeiter für die Plattform zu schulen, wurden Lerneinheiten entwickelt, die auch während der Arbeitszeit genutzt werden dürfen.

Schwarz-rote Flaschen mit Alpecin laufen in der Abfüllanlage der Firma Dr. Wolff vom Band: Das Koffein-Shampoo gegen Haarausfall ist weltweit ein Verkaufsschlager. Das mittelständische Kosmetik- und Pharmaunternehmen aus Bielefeld sieht sich als eine Art „Asterix unter den Römern“ – behauptet es sich doch erfolgreich gegen mächtige Konzerne aus Europa, den USA, Südkorea oder China. Und neuerdings unterstützt ihn dabei ein schlagkräftiges digitales Instrument: Künstliche Intelligenz.

„Product Lens“: Kundenrezensionen als Innovationsmotor

Zusammen mit dem Start-up Unfuture baute Dr. Wolff ein Tool, das die Kundenrezensionen auf Online-Plattformen weltweit durchforstet. Früher ein kaum zu bewältigendes Unterfangen. Heute aber sichtet das Tool namens „Product Lens“ blitzschnell Unmengen digital geäußerter Kundenmeinungen, spürt so Verbesserungsbedarf auf – und sogar ganz neue Bedürfnisse.

Die Künstliche Intelligenz fand zum Beispiel heraus: „Männer, die mit Alpecin Grey-Attack-Shampoo ihre Haare behandeln, hätten gern noch etwas Passendes für Schläfen und Bart.“ So schildert es Zhuo Li, KI-Verantwortlicher bei Dr. Wolff. Also entwickelte das Unternehmen ein entsprechendes Produkt.

In Bielefeld nutzten Mitarbeitende schon früh ChatGPT & Co. – die Probleme: Unternehmensdaten darf man den neugierigen KI-Tools nicht mal eben anvertrauen, Nutzer brauchen Unterstützung bei der neuen Arbeit mit KI. Daher führte das Unternehmen auf Basis großer Sprachmodelle seine eigenes KI-Plattform ein: das WolffGPT-Studio – und konfigurierte seine Anbindung an ausgewählte Systeme, Unternehmensdaten und Skills. So wurde ein sicheres Arbeiten mit KI im Unternehmen möglich.

„Ich arbeite jeden Tag mit unserer KI“, sagt denn auch Inna Hilgenberg beim aktiv-Besuch. Sie ist stellvertretende Abteilungsleiterin Konfektionierung. Mit dem Chatbot schreibt sie Arbeitsanweisungen, gestaltet Präsentationen und bearbeitet Excel-Tabellen. „Ich sehe nur Vorteile durch die KI“, sagt sie, „und um Datenschutz muss ich mir keine Sorgen mehr machen.“

WolffGPT und KI-Weiterbildung: Mitarbeitende fit für künstliche Intelligenz machen

Hilgenberg ist hier eine sogenannte KI-Pionierin: Sie wollte sich weiterbilden, absolvierte eine Schulung an der firmeneigenen KI-Akademie, nun unterstützt sie Kollegen in Sachen KI. Bei Dr. Wolff gibt es schon 110 Pioniere, die einen Teil ihrer Arbeitszeit der Identifikation, Erprobung und Skalierung von KI-Anwendungsfällen widmen. „Wir konnten in jedem Team Menschen identifizieren, die gute Ideen und Lust darauf haben, Kenntnisse weiterzugeben“, sagt Karoline Bauch, Expertin für KI-Kommunikation. Sie arbeitet schon mit selbst kreierten KI-Agenten, um zum Beispiel Social-Media-Posts den letzten Schliff zu geben.

Digitale Transformation bei Dr. Wolff: KI vom Büro bis zur Produktion

„Wir wollen allen Mitarbeitenden Grundwissen vermitteln, um KI anwenden zu können“

Zhuo Li, KI-Stratege und Leiter der KI-Akademie

Die Pioniere, genauso wie dann alle Mitarbeitenden, lernten über Videos und mit kleinen Aufgaben, wie die KI funktioniert, wie man gut promptet und was mit den Daten passiert. Diese Weiterbildung steht hier jedem offen! Und das Interesse ist rege: Seit Herbst haben schon fast 90 Prozent der Mitarbeitenden aus Produktion und Verwaltung die Module absolviert. „Das passiert bewusst während der Arbeitszeit“, sagt Bauch, „die Lerneinheiten sind kurz gehalten.“

Bisher entlastet die KI im Unternehmen vor allem bei Kreativ- und Verwaltungsaufgaben. Anwendungsfälle in der Produktion sind aktuell in der Entwicklung. Kenner basteln mittlerweile eigene KI-Agenten auf der Plattform des WolffGPT. Sie sind auf spezifische Tätigkeiten zugeschnitten. Für fast alle Funktionen sind schon Agenten im Einsatz.

„Wir wollen allen Mitarbeitenden Grundwissen vermitteln, um Künstliche Intelligenz anwenden zu können“, betont Zhuo Li, der auch die KI-Akademie leitet. „Und wir ermuntern jeden, auszuprobieren, was KI als Werkzeug bringen kann.“

Künstliche Intelligenz: Digitale Zwillinge als Grundlage Künstliche Intelligenz gilt als Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Ein wichtiges Instrument auf dem Weg dorthin sind digitale Zwillinge. Dabei handelt es sich um virtuelle Abbilder von Maschinen oder Anlagen zur Simulation und Steuerung von Prozessen. Um sie zu entwickeln, sind Daten nötig. Gerade an der Verfügbarkeit solcher Daten hapert es derzeit noch. Laut einer neuen Bitkom-Befragung von 555 Unternehmen fehlen 57 Prozent der Betriebe dafür notwendige Echtzeitdaten, 48 Prozent sehen Defizite in der IT-Infrastruktur. Nur 23 Prozent zählen sich bei dem Thema zu den Vorreitern.

Das Unternehmen

  • Dr. Wolff wurde 1905 vom Apotheker August Wolff gegründet. Heute wird das Unternehmen von zwei seiner Urenkel geführt.
  • Zur Gruppe gehören das Kosmetikunternehmen Dr. Kurt Wolff (Alpecin, Plantur) sowie das Pharma-UnternehmenDr. August Wolff mit Medizin- und Kosmetikprodukten (Linola, Vagisan).
  • Beide produzieren ausschließlich in Bielefeld und exportieren in mehr als 70 Länder.
  • Die rund 930 Mitarbeitenden erwirtschafteten im Jahr 2025 einen Nettoumsatz von über 384 Millionen Euro.
Matilda Jordanova-Duda
Autorin

Matilda Jordanova-Duda schreibt für aktiv Betriebsreportagen und Mitarbeiterporträts. Ihre Lieblingsthemen sind Innovationen und die Energiewende. Sie hat Journalismus studiert und arbeitet als freie Autorin für mehrere Print- und Online-Medien, war auch schon beim Radio. Privat findet man sie beim Lesen, Stricken oder Heilkräuter-Sammeln.

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