Die Metall- und Elektro-Industrie ist die Basis des Geschäftsmodells Deutschland. Ob Maschinenbau, Automobil-Industrie oder Elektronik: Mit Innovationskraft und Ingenieurleistungen sichert sie die weltweite Wettbewerbsfähigkeit unserer Exportnation. Doch ihre Stärken drohen zu erodieren – auch in Hessen.
Wie lässt sich gegensteuern? Antworten liefert eine aktuelle Studie, die der Arbeitgeberverband Hessenmetall auf einer Pressekonferenz in Wiesbaden präsentiert hat – gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband HessenChemie.
„Die Industrie als Treiber von Produktivität und Innovation für ein starkes Hessen“, lautet der Titel der Studie der Kölner Unternehmensberatung IW Consult. Ihre wissenschaftlichen Analysen, Experteninterviews in Industrie und Forschung sowie eine Befragung von 200 Unternehmen liefern einen klaren Befund.
Das sind die Herausforderungen
„Der Anteil der industriellen Bruttowertschöpfung in Hessen ist seit 2016 von 19,0 auf 14,8 Prozent gesunken, die Beschäftigung ging um 7 Prozent zurück“, so Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von Hessenmetall: „Das ist ein deutliches Warnsignal, eine weitere Erosion unseres Industriestandorts hätte weitreichende ökonomische, gesellschaftliche und politische Folgen.“
Bürokratie, bröckelnde Infrastruktur und hohe Standortkosten schwächen die Unternehmen. Zudem erschweren Zölle und weitere Handelshemmnisse den Export. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist Deutschlands bis dahin wichtigster Energielieferant weggefallen.

Gleichzeitig setzen gravierende Transformationsprozesse die Unternehmen unter Druck: Digitalisierung – entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit. Dekarbonisierung – zur Senkung der CO2-Emissionen. Demografischer Wandel – er verstärkt den Fachkräftemangel.

Das sind die Rahmenbedingungen
Die rund 740 Millionen Euro pro Jahr, die Hessen in den kommenden zwölf Jahren aus dem Sondervermögen Infrastruktur erhält, so die Autoren der Studie, müssten in Wirtschaftswachstum und Beschäftigung investiert werden.
Zusätzlich käme es auf diese drei Säulen an: Die Kompetenzen der Beschäftigten – allerdings fehlen schon jetzt 30.000 Fachkräfte. Hightech-Gründungen – hier liegt Hessen bundesweit an Platz zwei, nur Bayern ist besser. Zusammenarbeit der Wirtschaft mit Hochschulen – besonders rund um die Universitäten Frankfurt und Darmstadt sind viele Digital-Unternehmen ansässig.
Das sind die Stellschrauben
Anpacken muss die Landesregierung zum einen bei der Bürokratie. So müsse die Verwaltung wirtschaftsfreundlicher agieren, etwa durch schnellere Genehmigungsverfahren. Außerdem solle der Personalaufbau in den Behörden gestoppt und konsequent auf Digitalisierung gesetzt werden.
Viel Arbeit wartet auch bei der Infrastruktur. Dringend müssten neue Industrie- und Gewerbeflächen ausgewiesen werden. Staatliche Unterstützung bräuchte der Ausbau des Wasserstoffkernnetzes im Rahmen der Energiewende. Außerdem komme es auf den Ausbau des Glasfasernetzes an, vor allem im ländlichen Raum, um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu sichern.

Hessens Innovationskraft stärken: Das ist eine weitere Aufgabe. Mehr Mittel für marktwirtschaftlich ausgerichtete Forschungsprojekte an den Hochschulen wären erforderlich – zudem Ausgründungsprogramme, damit aus Forschung Start-ups, vermarktbare Produkte und Dienstleistungen entstehen. Dazu komme die Schaffung von Pilotflächen, Reinräumen oder Laboren, um die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft weiter zu stärken. Und es gelte, auch kleine und mittlere Unternehmen mit der Forschungslandschaft zu vernetzen.
Innovationsparks, in denen die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Start-ups und Hochschulen gefördert werden, sind ein zentraler Baustein. So nennt die Studie der IW Consult den Innovationspark New Mobility, der im Raum Kassel initiiert werden könne – etwa für E-Antriebe und autonomes Fahren, aber auch für Verteidigungszwecke.
Der Wert für die Gesellschaft
„Eine starke Industrie wirkt wie ein Multiplikator“, sagt Dirk Pollert, Hauptgeschäftsführer von Hessenmetall, „sie schafft Arbeitsplätze, finanziert öffentliche Aufgaben und zieht Innovationen und Dienstleistungen mit.“

So sorgt die Metall- und Elektro-Industrie vor allem in Mittel- und Nordhessen für attraktive Arbeitsplätze mit hohen Löhnen. Chemie- und Pharma-Unternehmen konzentrieren sich stärker im Süden Hessens. Unter einem Beschäftigungsrückgang würden auch die Finanzen in den Kommunen leiden. Zudem würden junge Menschen verstärkt in die Ballungsräume abwandern.
All das lässt sich abwenden. Die Studie zeigt: Hessen kann weiter vorne mitspielen, wenn es seine Potenziale hebt. Chancen gibt es genug.

Thomas Goldau schreibt bei aktiv vor allem über Wirtschafts- und Politikthemen. Nach dem Politikstudium an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und einem Zeitungsvolontariat beim „Offenburger Tageblatt“ hat er bei Tageszeitungen und einem Wirtschaftsmagazin über den Politikbetrieb in Bonn, Berlin und Brüssel berichtet. Privat zieht es den Familienvater regelmäßig mit dem Wohnmobil in die Ferne.
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