Hildesheim/Hannover. Vom Werkstudenten zum Geschäftsführer: Für diese Traumkarriere von Alexander Schmidt gibt es drei gute Gründe. „Mir wurde vom ersten Tag an Vertrauen geschenkt“, erzählt der heute 38-Jährige über seinen Start bei Compra in Hildesheim vor 14 Jahren. Der IT-Dienstleister hat ihn damals sofort zu einem Kunden geschickt, der eine neue Software für die mobile Datenerfassung in seinem Lager brauchte.

Die Leistungsfähigkeit des damaligen Informatik-Studenten überzeugte Firmengründer Frank Wuttke, der den dritten Grund nennt – den engen Kontakt zur Uni Hildesheim: „Eine bessere Möglichkeit, Fachkräfte zu bekommen, gibt es für mich nicht.“ 20 der gut 60 Mitarbeiter von Compra haben als Studierende ein Praxissemester im Unternehmen absolviert.

Wirtschaftsminister Althusmann: „Studie wird die Politik beeinflussen“

Die Nähe zur Wirtschaft ist Programm am Institut für Informatik der Uni. „Vom engen Kontakt zu den hiesigen Unternehmen profitieren die Studierenden und die Firmen“, sagt Professor Klaus Schmid.

Wie wichtig digitale Kompetenzen für die Wirtschaft, den Standort und den Wohlstand der Menschen sind, zeigt die aktuelle Studie „Arbeitsmarkt der Zukunft“ von der Unternehmensberatung IW Consult im Auftrag der Arbeitgeberverbände Niedersachsenmetall und Unternehmer Hildesheim. Landesweit wurden 600 Unternehmen befragt, davon 130 im Landkreis Hildesheim.

Resultat: Insgesamt sind die Voraussetzungen gut, um den Wandel zu gestalten. Doch es gilt, viele Herausforderungen zu meistern. Neben der digitalen Transformation nennt die Studie da auch den Trend zu Nachhaltigkeits- und Umweltberufen, den demografischen Wandel, Bildungs- und Forschungsangebote und die Attraktivität des ländlichen Raums als Lebensmittelpunkt.

Beeindruckt von dem aufwendigen Regionalprofil zeigte sich Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann: „Von der Studie werden wichtige Impulse ausgehen“, sagte er bei der Präsentation der Ergebnisse, die kürzlich in der Hildesheimer Halle 39 stattfand – natürlich unter strengen Corona-Hygieneregeln.

Die Bedeutung der regionalen Wirtschaft, auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft, veranschaulichte an diesem Tag Professor Michael Hüther: „Probleme wie im Rost Belt der USA, einigen Regionen Frankreichs oder Großbritanniens haben wir in Deutschland deshalb nicht, eben weil hier regionale Wirtschaftspolitik gemacht wird“, so der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Schwierige Regionen gebe es freilich auch in Ost- und Westdeutschland. In Niedersachsen und speziell in Hildesheim sieht er Handlungsbedarf vor allem am Arbeitsmarkt. Mit Blick auf die Studie hob Hüther die Chancen der Umweltberufe hervor.

Wasserstoff und Agrarwirtschaft

Neue Berufe: Das heißt natürlich, dass es auch die entsprechenden Unternehmen am Standort gibt – wie das Öko-Start-up Kosmogrün in der Hildesheimer Gropiusstraße. „Wir wollen hier einen Ort schaffen, an dem Menschen zusammenarbeiten, um die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen umzusetzen“, sagt Gründerin Anna Knetsch. Sie sitzt an einem wuchtigen Holztisch. Die Wände sind tiefgrün gestrichen. In Europaletten sprießen Pflanzen.

Das junge Unternehmen steht auf drei Säulen: Da ist die Beratung von Unternehmen mit Blick auf Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und Netzwerken – genannt ECOnsulting. Zudem gibt es das Angebot, die Räume von Kosmogrün als Co-Working-Area zu nutzen – also einen Arbeitsort für eigene Geschäftsideen dort zu buchen.

Und es gibt Hazels Farm im nahe gelegenen Asel: Auf 3.000 Quadratmetern werden dort Wein und Gemüse angebaut, Honig hergestellt. Wer bei Kosmogrün einen Platz mietet, darf dort zugreifen und mitgärtnern. Eine Viertelstunde dauert es mit dem Fahrrad vom Büro zur Farm. „Weg vom Schreibtisch, hin zur Erde“, sagt Knetsch, die auch Imkerin ist. Unkraut jäten statt Pause mit Kaffee und Keksen.

Dem großen Qualifizierungsbedarf und dem Potenzial der Umweltberufe widmet sich die Regionalstudie ausführlich. Ländlich geprägte Räume wie Hildesheim bieten ein gutes Umfeld. Sie können bei Trends wie Wasserstoff, erneuerbaren Energien oder Agrarwirtschaft profitieren. Für die in Niedersachsen sehr ausgeprägte Automobil-Industrie ist vor allem die Entwicklung emissionsfreier Antriebe eine Herausforderung: Hier gilt es, schnell zu sein. Denn bis 2050 will die Europäische Union CO2-neutral werden.

Gelingen kann das nur mit qualifizierten Fachkräften. Mehr als 40 Prozent der befragten Unternehmen aber gaben in der Studie an, dass sich für sie die bereits bestehenden Probleme, geeignetes Personal zu finden, in den kommenden Jahren verschärfen werden.

Attraktivität als Wohnort steigern

Gegensteuern kann die Politik da unter anderem, indem sie die Attraktivität des Wohnorts steigert. Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung, digitale Infrastruktur, Nahversorgung und Nahverkehr lauten Stichworte, die entscheidend bei der Entscheidung für einen Wohnort sind – und damit auch für einen Arbeitsplatz. Hildesheim liegt da im landesweiten Vergleich derzeit im Mittelfeld. Als sehr leistungsfähig bewerten die Unternehmen die Schulen in der Bischofsstadt. Woran es hier mangelt, wie auch in anderen ländlichen Räumen, sind Weiterbildungsorganisationen und Forschungseinrichtungen.

Wer zum Beispiel an einer Universität im ländlichen Raum studiert, sich dort eingelebt und Kontakt zur regionalen Wirtschaft geknüpft hat, sucht später dort eher seinen Lebensmittelpunkt als jemand von auswärts. Deshalb sollte es dort mehr Studien- und Forschungsmöglichkeiten geben, wie etwa bei der Informatik der Uni Hildesheim.

Dort hat auch Frank Wuttke, der Gründer des IT-Unternehmens Compra, Lehraufträge angenommen, um angehende Informatiker auf die Berufswelt vorzubereiten. Beim jährlichen Speeddating stellt er, zusammen mit dem einstigen Werkstudenten Alexander Schmidt, das Unternehmen interessierten Studierenden vor.