Hildesheim. Rasant verändert die Digitalisierung Wirtschaft und Gesellschaft. Längst erkennen nicht nur Start-ups, sondern auch etablierte Unternehmen die Chancen dieses Megatrends. Im verarbeitenden Gewerbe machen bereits 27 Prozent der deutschen Firmen über 60 Prozent ihres Umsatzes digital.

Was diese Entwicklung für die Region Hildesheim bedeutet, hat die Kölner Unternehmensberatung IW Consult untersucht. Die Resultate der Studie für den Arbeitgeberverband Niedersachsenmetall sind ermutigend. Sie zeigen aber auch die generellen Herausforderungen für Wirtschaft und Politik.

Die Region ist der viertgrößte Standort für Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) in Niedersachsen. 5 Prozent aller landesweit Beschäftigten der Branche arbeiten hier.

Auffällig ist die überdurchschnittliche Dynamik der örtlichen IKT-Branche. Seit 2010 legte die Beschäftigung um 15 Prozent zu, im Vergleich zu 6 Prozent außerhalb von IKT.

Für den Erfolg einer vernetzten Wirtschaft freilich muss eine zusätzliche Voraussetzung erfüllt sein: die weitgehende Digitalisierung aller Unternehmen. Da sind die Ergebnisse gemischt. Überdurchschnittlich digital sind die IKT-Branche sowie die Metall- und Elektro-Industrie. Unternehmen aus anderen Wirtschaftsbereichen schneiden schwächer ab. Entsprechend weist die Studie der Region Hildesheim Rang 26 der 46 Regionen Niedersachsens zu.

Wie Vorreiter aus Industrie und Dienstleistung die Digitalisierung nutzen, veranschaulichen die Firmenbeispiele auf dieser Doppelseite. Zudem engagieren sich Unternehmen, um junge Fachkräfte und Start-ups an den Standort zu binden – etwa aus dem Bereich Automotive Multimedia.

Damit das gelingen kann, stellt die Analyse fest, muss die Politik Unterstützung leisten. „Mit dieser Studie bringt Niedersachsenmetall die Handlungsfelder der Politik auf den Punkt“, sagt Hildesheims Oberbürgermeister Ingo Meyer.

Etwa den Breitbandausbau. Während es in der Stadt fast flächendeckend schnelle Anschlüsse gibt, klagen Unternehmen im Umland über eine unzureichende Versorgung.

Wie im gesamten Bundesland bremst fehlendes Vertrauen in die Sicherheit digital übertragener Daten den Fortschritt. Das gilt auch für offene Rechtsfragen beim geistigen Eigentum.

Ein Hemmnis ist zudem fehlendes Fachwissen von Mitarbeitern und der Mangel an neuen Fachkräften. Daraus folgt der Wunsch, dass die Politik die Vorteile der Digitalisierung mehr verdeutlicht – und dass Niedersachsen den Schulunterricht in MINT-Fächern stärkt, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Ein Standortvorteil sind die beiden ansässigen Hochschulen.

Dann kann das Potenzial der Region gehoben werden. Schließlich erwarten 70 Prozent der Unternehmen positive oder sehr positive Auswirkungen der Digitalisierung.

Kannegiesser: Waschmaschinen können denken

Michael Tielke kennt die Probleme seiner Kunden: „Wäschereien stehen unter einem enormen Kostendruck“, sagt der Werkleiter von Kannegiesser. Deshalb hat am Produktionsstandort Sarstedt des Waschtechnik-Anbieters die Digitalisierung längst Einzug gehalten.

„Der Mensch gibt nur noch ein, um welche Art Wäsche es sich handelt“, sagt Tielke. „Die Maschine weiß, wie viel Waschmittel, wie viel Wasser und welche Temperatur erforderlich ist.“ Schmutzwasser wird wiederaufbereitet.

„Uns geht es darum, den Prozess noch genauer steuern zu können“, so Tielke. Möglich machen das Sensoren und Zähler an der Waschmaschine, die eine riesige Datenbank füttern. Aus diesen weltweiten Messwerten leiten die Software-Entwickler von Kannegiesser sparsame Programme ab. „Die Digitalisierung trägt dazu bei, dass wir die Auslastung der Maschinen besser planen und die Verbrauchskosten extrem senken“, so der Werkleiter. Das Know-how ist weltweit gefragt, auch auf dem schnell wachsenden asiatischen Markt.

Bitzer: Smarte Waagen für die Industrie

Marvin Wolf zeigt auf sein Tablet und erklärt eine industrielle Revolution: „Hier kann der Gabelstaplerfahrer in Zukunft drücken und eine Wägung auslösen. So spart er sich den Weg zur Waage.“ Für die Hildesheimer Firma Bitzer Wiegetechnik programmiert der Informatik-Student (21) eine Software zur mobilen Bedienung industrieller Waagen.

Geschäftsführerin Ulrike Bitzer erklärt: „Die Unternehmen unserer Kunden werden zunehmend internationaler und größer. Da geht es viel um Prozessoptimierung und Automatisierung.“ Deshalb sei die intelligente und schnelle Lenkung der Datenströme so wichtig.

Sorgen um die Datensicherheit kann das Unternehmen entkräften. „Alles liegt auf einem eigenen Server“, sagt Werkstudent Wolf. Das Programm, an dessen Marktreife er mitarbeitet, kann per Smartphone bedient werden. Das hilft etwa Lkw-Fahrern, Zeit zu sparen.

Junge Talente wie Wolf tragen schon lange zum Erfolg von Bitzer bei. Das Unternehmen und die Universität Hildesheim kooperieren seit dem Jahr 2006.

Daheim statt Heim: Pflegerin mit Online-Anschluss

Die Zeiten von Klemmbrett und Kugelschreiber sind für Dagmar Nowitzki vorbei. Seit sie für den Hildesheimer Pflegedienst „Daheim statt Heim“ arbeitet, ist die Pflegekraft mit einem MDA (Mobile Digital Assistant) ausgestattet.

„Ich habe alles auf einen Blick parat, Dienstplan, Tour, Pflegeplan“, sagt die Pflegekraft. Wenn sie beim nächsten Patienten eintrifft, zückt sie das smartphonegroße Gerät und tippt auf den Bildschirm. Das erspart eine Menge Bürokratie. „Viele unserer Kunden sind den ganzen Tag allein“, sagt sie, „wenn wir kommen, erwarten die Leute Zeit.“

Sebastian Adamski, Geschäftsführer des Pflegedienstes, setzt seit der Firmengründung vor fünfeinhalb Jahren ganz auf digitalen Support. 20 MDAs hat er für seine 65 Mitarbeiter angeschafft, für 500 Euro pro Gerät und 299 Euro für die Software. „Wir wollen als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden, da gehört so ein Gerät dazu“, sagt er. Die Investition hilft ihm auch, die Lohnabrechnung schneller zu erledigen. Nach Schichtende kommen die Mitarbeiter zu ihm ins Büro – Daten auslesen, fertig.

Kommentar von Werner Fricke

Werner Fricke, Bereichsleiter Kommunikation NiedersachsenMetall. Foto: Verband
Werner Fricke, Bereichsleiter Kommunikation NiedersachsenMetall. Foto: Verband

Zum richtigen Zeitpunkt

Einkaufen im Netz, E-Mails schreiben, online Geld überweisen: Die Digitalisierung ist längst Teil unseres Alltags. Apps helfen uns beim Navigieren, geben Fitness-Tipps, unterstützen uns bei der Kommunikation, der Planung von Reisen und Terminen.

Vieles wirkt selbstverständlich. Doch nie zuvor hat eine technische Entwicklung unser Leben so stark auf links gedreht wie die Digitalisierung.

NiedersachsenMetall nimmt sich diesem Prozess in besonderer Weise an. Wir informieren auf Kongressen und beraten in den Betrieben.

Die Beispiele auf dieser Doppelseite zeigen für die Region Hildesheim: Es tut sich einiges. Und es gibt enorme Chancen – wenn die Digitalisierung richtig angepackt wird. Doch die Entwicklung geht nicht von jetzt auf gleich. Daher ist es wichtig, jetzt mitzugehen und den richtigen Zeitpunkt nicht zu verpassen.