Wie lässt sich der Trend zur Abwanderung aus Deutschland stoppen? Professorin Yuliya Kosyakova vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg beschäftigt sich seit Neuestem auch mit dieser Frage. Sie leitet am IAB die Bereiche Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung und möchte herausfinden, aus welchen Gründen Zugewanderte Deutschland wieder verlassen.
Frau Kosyakova, 400.000 Zuwanderer pro Jahr braucht Deutschland, um unseren Sozialstaat am Laufen zu halten. Woher kommt diese Zahl?
Die Zahl ist das Ergebnis komplexer Berechnungen des IAB. Mithilfe der Daten der letzten Jahrzehnte kann ein Modell erstellt werden. Zu den Parametern zählen etwa die Sterblichkeits- und Fertilitätsrate, wirtschaftliche Kennzahlen, Arbeitslosenquote, Renteneintritt und: Zuwanderung. In unseren Berechnungen verändern wir die unterschiedlichen Parameter. Wir spielen verschiedene Szenarien durch, um zu erkennen, wie viel Zuwanderung mit positiven Effekten auf Wirtschaft und Sozialstaat einhergeht – wenn die zugewanderten Menschen einen aktiven Teil im Sozialstaat einnehmen.
Ist diese Prognose nicht etwas zu optimistisch? Nicht jeder, der kommt, bleibt …
Das stimmt, die 400.000 sind die Nettozuwanderung. Um das zu erreichen, müssen etwa dreimal so viele Menschen zu uns kommen – jedes Jahr.
Und die Lage verschärft sich, zuletzt verließen mehr Menschen aus den neuen EU-Staaten die Bundesrepublik als einwanderten.
Ich befürchte, dass sich dieser Trend fortsetzt. Die Lebensstandards zwischen alten und neuen EU-Ländern gleichen sich immer mehr an, in Polen etwa steigt das Lohnniveau rasch. Gleichzeitig haben diese Länder auch mit dem demografischen Wandel zu kämpfen. Deutschland ist für viele Erwerbsmigranten nicht mehr attraktiv genug. Die Hauptgründe für die Abwanderung sind struktureller Natur: Steuerlast, Bürokratie und die politische und wirtschaftliche Lage im Land.
Uns verlassen also vor allem diejenigen, die schnell woanders einen Job finden?
Ja, unser größter Konkurrent ist die Schweiz. Wir verlieren reihenweise gut ausgebildete, junge Fachkräfte aus Branchen wie der IT, meist mit hohem Einkommen. Unsere aktuelle Studie zeigt, dass hochgerechnet rund 300.000 Zugewanderte fest damit planen, Deutschland innerhalb von zwölf Monaten wieder zu verlassen. Gleichzeitig brauchen wir, wie gesagt, 400.000 Menschen, die kommen. Das beunruhigt mich sehr.

Nadine Keuthen stürzt sich bei aktiv gerne auf Themen aus der Welt der Wissenschaft und Forschung. Die Begeisterung dafür haben ihr Masterstudium Technik- und Innovationskommunikation und ihre Zeit beim Kinderradio geweckt. Zuvor wurde sie an der Hochschule Macromedia als Journalistin ausgebildet und arbeitete im Lokalfunk und in der Sportberichterstattung. Sobald die Sonne scheint, ist Nadine mit dem Camper unterwegs und schnürt die Wanderschuhe.
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