Spardiktat mit Folgen

Zwangsrabatt und rigide Nutzen-Regeln machen der Pharma-Industrie zu schaffen


Berlin. Die Kanzlerin war nicht ansprechbar. Angela Merkel lehnte kürzlich die Bitte von fünf Vorstandschefs großer Pharma-Konzerne um ein Gespräch ab und verwies sie an ihre Abteilungsleiter. Bei ihrem Vorgänger Gerhard Schröder lief das anders: Er hatte 2001 persönlich mit den Managern geredet – danach wurde eine angedrohte Preissenkung um 4 Prozent in eine Einmalzahlung abgemildert.

Heute sind die Sorgen der Pharma-Industrie größer: Der Motor der früheren „Apotheke der Welt“ stottert. Erstmals kommen bestimmte Arznei-Neuheiten aus Deutschland nur im Ausland auf den Markt. Der Inlandsumsatz mit Medikamenten stagniert bei 30 Milliarden Euro, die Beschäftigung brach seit 2008 um fast 8.000 auf 110.000 Stellen ein, die jährliche Investitionssumme der großen Hersteller sank binnen drei Jahren um gut 140 Millionen auf 960 Millionen Euro.

Verantwortlich sei das „Spardiktat der Politik“, sagt der Branchenkenner Hans-Joachim Diedenhofen von der Schweizer Unternehmensberatung „Executive Insight“. Er formuliert es drastisch: „Kein Pharma-Konzern sieht Deutschland noch als interessant für Investitionen an.“ Was passiert da?

6 Milliarden Euro kostete allein der Rabatt

Zum einen ist da der Zwangsrabatt. Den beschloss die Bundesregierung 2010 wegen eines damals drohenden Milliarden-Defizits der Krankenkassen. Seitdem sind auf patentierte Arzneien 16 Prozent Preisnachlass fällig. Bisher kostete das die Branche über 6 Milliarden Euro. „Das ist zunehmend willkürlich“, kritisiert Markus Frick, Geschäftsführer beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). „Die Kassen haben aktuell 28 Milliarden Überschuss.“

Zum anderen gibt es seit 2011 für in den Handel kommende patentierte Arznei-Neuheiten keine Preisfreiheit mehr. Die Hersteller müssen erst für ihre Präparate einen Zusatznutzen gegenüber der Standardbehandlung belegen. Dann beginnt der Poker mit dem Spitzenverband der Krankenkassen über den Erstattungsbetrag, auf den kein Zwangsrabatt fällig ist.

„Bei dem Verfahren haben die Kassen absolut die Oberhand“, sagt Diedenhofen. Selbst bei einem „beträchtlichen“ Zusatznutzen, also der Note „Gut“, kann der Endpreis 20 Prozent niedriger sein als vom Hersteller kalkuliert. Bei schlechteren Bewertungen sogar bis zu 70 Prozent. Zwar addieren sich die so erzielten Einsparungen für die Kassen bisher nur auf 110 Millionen Euro pro Jahr, wie das in Frankfurt am Main ansässige Marktforschungsinstitut IMS Health berechnet hat. Aber in diesen Wochen kommen 14 ältere Arzneien in den Check – mit einem Umsatzvolumen von 5 Milliarden Euro in der Restlaufzeit der Patente. „Es ist zu befürchten, dass erfolgreiche Produkte preislich hingerichtet werden“, heißt es bei IMS.

„Zudem droht, weil regelmäßig nachverhandelt wird, eine Abwärtsspirale beim Preis“, so VFA-Geschäftsführer Frick. Kein Wunder, dass die Konzernchefs besorgt sind.

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