Kleine Phänomene, große Wirkung

Zuwanderer-Kindern wird Naturwissenschaft vermittelt – und ganz nebenbei Deutsch

Hannover. Mit vier Kindern sitzt Imke Riecken-Rückert im Stuhlkreis, in der Mitte drei Blatt Papier. „Der Tropfen“, ist auf dem ersten zu sehen und zu lesen, „der Trinkhalm“ auf dem zweiten und „das Wattestäbchen“ auf dem dritten. Die Lehrerin fragt: „Wer weiß noch, was wir beim letzten Mal gemacht haben?“

Finger schnellen in die Höhe, und schon sprudelt es aus der kleinen Delana hervor. Auch ihre Sitznachbarin Jenifer hält es kaum auf ihrem Stuhl. Man versteht recht gut, dass es hier, in der Sprachlerngruppe an der Pestalozzi-Grundschule in Hannover, beim letzten Mal feucht-fröhlich zugegangen sein muss. Artikel, Konjugationen und Satzbau purzeln zum Teil noch durcheinander, aber es wird klar: Die Gruppe hat eine Pipette gebaut und Versuche gemacht. Enes beschreibt, mit einer noch holprigen Aufzählung von Stichworten, die Experimente. Und dann holt die Lehrerin auch das vierte Kind ins Boot. „Einverstanden, Mohamed?“ Er lächelt und nickt.

Es geht hier anders zu als in anderen Förderkursen für Zuwanderer-Kinder. Im Vordergrund stehen naturwissenschaftliche Phänomene. „Die Experimente ebnen den Weg, die Kinder ins Sprechen zu bringen“, weiß Riecken-Rückert. In zwei Gruppen unterrichtet sie insgesamt elf Erst- und Zweitklässler aus Afghanistan, Albanien, der Türkei und Polen. Möglich wurde das durch ein gemeinsames Engagement der Stiftung NiedersachsenMetall des gleichnamigen Arbeitgeberverbands und der „Nina.Dieckmann-Stiftung“.

Die geringe Gruppengröße unterstützt die entspannte und konzentrierte Atmosphäre. Hier wird nicht mit „falsch!“ unterbrochen, die Lehrerin hat einen viel besseren Weg: „Ich frage oft nach: Habe ich dich richtig verstanden? Und wiederhole dann das Gesagte.“

Und die Kinder trauen sich. Jetzt steht vor jedem von ihnen ein umgedrehter Becher, obendrauf eine 1-Cent-Münze. Ein Wasserglas und die selbst gebastelte Pipette aus Trinkhalm und Wattestäbchen stehen bereit. Die Aufgabe des heutigen Tages lautet, so viele Tropfen wie möglich auf die Münze fallen zu lassen. Und was passiert, wenn zehn Tropfen drauf sind?

Kleine Zungen werden in Mundwinkel geklemmt, Kinderstirnen in Falten gelegt. Mal laut, mal leise wird mitgezählt, auf Deutsch, während auf den Münzen nach und nach kleine Kuppeln aus Wasser entstehen. Es ist 12 Uhr, für die Kinder ist es heute schon die fünfte Schulstunde – trotzdem sind sie hoch konzentriert. „Es macht ihnen Spaß“, freut sich Riecken-Rückert. „Für mich zählt, dass sie ohne Hemmungen sprechen. Und ganz nebenbei entdecken sie das Prinzip der Oberflächenspannung.“


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