Kinderbetreuung

Zu wenig Ganztagsplätze in Grundschulen: Eltern und Betrieben droht ein böses Erwachen

Köln. Mathe und Schreiben statt Malen und Schaukeln – bald beginnt für Hunderttausende Schulanfänger der „Ernst des Lebens“. Die meisten i-Dötzchen dürften ihrem ersten Schultag im Spätsommer schon jetzt freudig entgegenfiebern. Viele berufstätige Eltern dagegen eher nicht!

Denn: Nach eher unkomplizierter Ganztagsbetreuung im Kindergarten wissen sie nicht, wo sie künftig den Nachwuchs am Nachmittag unterbringen sollen. Es gibt viel zu wenig Ganztagsplätze an Grundschulen. „Der Übergang stellt viele Familien vor ein existenzielles Problem“, sagt Wolfgang Pabel, Sprecher des Bundeselternrats.

Der Rat vertritt die Eltern von acht Millionen Kindern und Jugendlichen an deutschen Schulen. „Wenn beide Eltern arbeiten“, warnt Pabel, „muss vielleicht plötzlich einer wieder zu Hause bleiben.“

Gerade Mütter schauen nach dem Kindergarten in die Röhre

Zwar ist der Anteil der Kinder, die eine Ganztagsgrundschule besuchen, zuletzt in nur fünf Jahren von 21 auf gut 33 Prozent gestiegen. Doch das ist viel zu wenig.

„Fast 70 Prozent der Eltern wünschen sich einen Ganztagsplatz für ihr Kind“, sagt Donate Kluxen-Pyta von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in Berlin. Dabei verweist sie auf einschlägige Studien. Und Wido Geis, Experte für Familienpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), bestätigt: „Die Plätze reichen hinten und vorne nicht. Wir brauchen ein flächendeckendes Angebot. Und zwar möglichst schnell.“

Stattdessen bemängeln Bildungsforscher eine „erlahmende Ausbaudynamik“. Zwischen 2003 und 2009 pumpte der Bund insgesamt 4 Milliarden Euro in den Ausbau der Ganztagsschulen, im Rahmen des Sonderprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“. Das Programm lief aus, und anschließend konzentrierte man sich in Berlin lieber auf ein anderes Thema: mehr Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren.

Die Folgen des sogenannten Schulknicks sind für die betroffenen Eltern bitter. „Das fehlende Angebot an Ganztagsschulen für kleinere Kinder begrenzt die Beschäftigungsmöglichkeiten vieler Frauen“, heißt es im brandaktuellen „Wirtschaftsbericht Deutschland“, verfasst von der in Paris ansässigen Industriestaaten-Denkfabrik OECD. Die Experten stellen klar: Das „Verdienstgefälle zwischen den Geschlechtern“ gebe es hierzulande „vor allem, weil viele Frauen in Teilzeit arbeiten“.

Und auch für die Betriebe steckt da viel Zündstoff drin: Ihnen werden dringend benötigte weibliche Fachkräfte vorenthalten. Werner Eichhorst vom Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit bringt das in Rage: „Es ist sträflich, qualifizierte Eltern derart zu behindern.“

Denn: Gut ausgebildete Mütter in Vollzeit-Jobs zu bringen, sei „eine entscheidende Stellschraube, um dem demografischen Wandel begegnen zu können“, so Eichhorst.

Mieses Urteil über Betreuungs-Qualität

Doch selbst jene Eltern, die in diesen Tagen über die schriftliche Zusage für einen Ganztagsplatz ab Sommer jubeln, freuen sich womöglich zu früh. „Man muss sich den Bescheid ganz genau ansehen“, rät IW-Familienexperte Geis. Denn oftmals erstrecke sich das Betreuungsangebot nach Unterrichtsende auf lediglich drei Nachmittage. „Für eine Erwerbstätigkeit ist das meist zu wenig.“

Grundschüler, das ist wissenschaftlich belegt, könnten von Ganztagsschulen enorm profitieren: Sie bleiben weniger oft sitzen und schaffen häufiger den sozialen Aufstieg. Wenn die Politik diese Potenziale noch besser nutzbar machen will, muss sie allerdings nicht nur mehr Quantität schaffen. Sondern am besten auch noch mehr Qualität.

Auch dazu hat der Deutschland-Bericht der OECD Kritisches anzumerken: „In den Nachmittagsstunden wird überwiegend eine Betreuung angeboten – wodurch auf die positiven Bildungseffekte verzichtet wird, die eine Ganztagsbeschulung bieten kann.“

Lediglich 6 Prozent der Grundschüler kämen derzeit in den Genuss einer pädagogisch optimalen Verzahnung von Vor- und Nachmittag an ihrer Schule. „Der Ganztag wird oft mit Inhalten externer Anbieter gestaltet, ohne dass da jemand kritisch draufschaut“, kritisiert Bundeselternrat-Sprecher Pabel. „Da muss sich dringend was verbessern.“

Ab wann kann man sein Kind allein lassen?

  • Grundsätzlich gilt: Eltern müssen das Kind vor Schaden bewahren. Aber das Gesetz fordert sie auch auf, „die wachsende Fähigkeit des Kindes zu selbstständigem Handeln“ zu berücksichtigen.
  • „Entscheidend ist der Entwicklungsstand des Kindes“, sagt Maria Große Perdekamp von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (mit lesenswerter Website: bke.de).
  • Ein siebenjähriges Kind darf man laut Gesetz für zwei Stunden alleine lassen. Wichtig: „Man sollte pünktlich zurück sein.“
  • Abwesenheit über den kompletten Nachmittag ist „pädagogisch keine gute Idee, auch bei älteren Grundschulkindern nicht“. Tipp: Erreichbarkeit sicherstellen oder den Nachbarn informieren.
  • Am Tag ist besser als abends – „da sind Kinder emotionaler“.
  • Wichtig sind Regeln: Tür nicht öffnen, weg vom Herd! Einmal Testklingeln lohnt. Und: Nicht die Haustür abschließen!

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