Schienenverkehr

Zu schnell für die Krise


ICE & Co. gefragt – Hersteller bleiben zuversichtlich

Erlangen/München. Der Export deutscher Maschinenbauer ist eingebrochen. Auch die Fahrzeughersteller haben zu kämpfen. Und die Bahnindustrie? Sie arbeitet fleißig ihre Aufträge ab und sammelt gleichzeitig neue ein. Besonders das Geschäft mit Hochgeschwindigkeitszügen boomt.

„In einigen Teilen der Welt wächst der Markt überdurchschnittlich“, sagt Jörn F. Sens, der Chef des in Erlangen ansässigen Zuggeschäfts von Siemens. Er ist zuversichtlich – trotz Krise.

Auch Knorr-Bremse in München ist in schweren Zeiten wie diesen heilfroh über das eigene Engagement in der Schnellzug-Sparte. Der Zulieferer für Schienen- und Straßennutzfahrzeuge ist der international führende Bremsenlieferant für fast alle großen Hersteller. Vorstandsmitglied Dieter Wilhelm beobachtet: „Hochgeschwindigkeit ist weltweit auf dem Vormarsch.“

Im wichtigen Geschäft mit Nutzfahrzeug-Komponenten sieht es dagegen anders aus: Laut Knorr-Bremse sind die Lkw-Märkte weltweit seit Beginn der Krise um etwa 40 bis 60 Prozent eingebrochen. Da kommt die stabilisierende Auftragslage im Schienenbereich wie gerufen: „Hier sind nur wenige Segmente, etwa Güterwagen und Lokomotiven, von der Krise betroffen“, sagt Wilhelm.

Großauftrag aus China

Vor allem Asiens Markt macht dem Chef der Schienen-Sparte Mut: „Innerhalb weniger Jahre wird China neben Japan und Frankreich über die größte Hochgeschwindigkeitsflotte verfügen und damit zum wichtigsten Markt für superschnelle Züge werden.“ Rund 60 Prozent der bisher in Auftrag gegebenen Wagen sind mit Bremssystemen von Knorr-Bremse ausgestattet. Auch für andere Bahn-Zulieferer ist die Produktion für die Schiene ebenso ein vergleichsweise krisensicheres Geschäft(siehe Beiträge rechts unten).

Beim ICE-Hersteller Siemens sorgen die derzeitigen Aufträge für den Nachfolger Velaro ungefähr zwei Jahre für Arbeit. Unweit der Erlanger Zentrale, in Nürnberg, werden Antriebe und Trafos gefertigt und im Oberpfälzer Ort Luhe-Wildenau Elektronik-Komponenten.

Erst im März bekam der Konzern eine Bestellung aus China: Teile für 100 Züge. Auftragswert: 750 Millionen Euro. Und der Deutschen Bahn wird Siemens 15 neue ICE im Wert von 500 Millionen Euro liefern. Es läuft derzeit rund. Auch die Aussichten sind gut: Experten  glauben nicht, dass krisenbedingt bald weniger neue Aufträge für Hochgeschwindigkeitszüge ausgeschrieben werden (siehe Interview nächste Seite).

Das weltweite Bahnnetz wächst rasant

So beziffert das Hamburger Bahnberatungsunternehmen SCI derzeit das weltweite Bahnnetz mit erlaubter Betriebsgeschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern auf 10.000 Kilometer. Das ist doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Und die Prognose für das Jahr 2019 liegt bei sage und schreibe 35.000 Kilometern – wegen der Investitionen in Fernost, ­Westeuropa und langfristig sogar den USA. Selbst in den Vereinigten Staaten, wo Hochgeschwindigkeitsverkehr auf der Schiene bislang ein Fremdwort war, wird mittlerweile darüber nachgedacht, ein halbes Dutzend neuer Schnell-Trassen zu bauen.

Bei Siemens ist man sich sicher, dass auf vielen neuen Gleisen weltweit in Zukunft die dem ICE 3 ähnlichen Velaro-Züge fahren. Sie sind bereits in Russland, Spanien und China unterwegs. „Wir sind auf dem Markt gut aufgestellt“, sagt Siemens-Manager Sens. „Fünf der vergangenen sechs Ausschreibungen für moderne Hochgeschwindigkeitstriebzüge haben wir gewonnen.“

Grammer: Bietet Komfort

ICE-Sitze stammen aus der Oberpfalz

Amberg. Wer im ICE reist, hat schon auf Sitzen aus der Oberpfalz gesessen. Auch Passagiere der Hochgeschwindigkeitszüge in Spanien, Norwegen, China, Iran und der Türkei hatten bereits die Möglichkeit, in voller Fahrt Produkte aus dem Hause Grammer zu testen.

Das Unternehmen produziert mit weltweit 8.000 Mitarbeitern Sitze und Innenausstattung für Fahrzeuge jeglicher Art: von Autos und Zügen bis zu Baumaschinen und Bussen. 1,2 Millionen Bahnsitze hat Grammer bislang an seine Partner ausgeliefert. Dabei macht die Sparte Hochgeschwindigkeit derzeit mit etwa zwei Dritteln des Umsatzes den Löwenanteil aus. Für diesen Bereich arbeiten gut 80 Mitarbeiter am Heimatstandort in Amberg.

KSB: Sorgt für Abkühlung

Ohne Motorpumpe läuft kein ICE-Antrieb

Pegnitz. Ohne Hilfe aus Franken könnten viele ICE oder TGV nicht so einfach durch die Landschaft jagen.

KSB produziert im Pegnitzer Werk die Spaltrohr-Motorpumpe Etaseco. Sie hält den Kühl-Kreislauf für die Stromrichter der Züge in Gang. Deren Überhitzung hätte die Notabschaltung des Antriebs zur Folge.

Vor allem Laufruhe, hohe Zuverlässigkeit und geringer Wartungsbedarf zeichnen die KSB-Pumpen aus. Sie werden seit 1996 hergestellt. Je zwei sind in mehr als 200 modernen ICE und Velaros an Bord. 20.000 weitere Pumpen stecken in anderen SchienenFahrzeugen.

Auch in rund 100 französischen TGV arbeiten die Aggregate, etwa als im April 2007 zwischen Straßburg und Paris ein Geschwindigkeitsrekord mit 574,8 Stundenkilometern aufgestellt wurde. Laut KSB sind die Pumpen – egal ob im TGV, ICE 3 oder Velaro – noch nie ausgefallen.

Interview

„Bequemer als fliegen“

Schnelle Züge verkaufen sich weltweit prächtig – daran ändert auch die Rezession nichts. Warum, erklärt Maria Leenen vom Bahn-Beratungsunternehmen SCI in Hamburg.

AKTIV: Die Hersteller von Hochgeschwindigkeitszügen sind trotz Krise optimistisch. Zu Recht?

Leenen: Der Markt wächst rasant. 2010 wird der Umsatz mit Zügen jenseits der 250 Stundenkilometer bei 4 Milliarden Euro liegen, doppelt so viel wie 2005.

AKTIV: Warum läuft es so gut?

Leenen: Zug fahren ist bis zu einer Reisedauer von vier Stunden bequemer und günstiger als fliegen. Außerdem ist der Hochgeschwindigkeitsverkehr für viele Länder zu einer nationalen Prestige-Frage geworden: Sie wollen Fortschritt demonstrieren. Und daran wird nicht gespart.

AKTIV: Wo wird investiert?

Leenen: Vor allem China ist zu nennen. Langfristig wohl auch Indien. Russland und die USA planen ebenso einige Projekte, hinken aber hinterher.

AKTIV: Was ist mit Europa?

Leenen: Das Netz ist hier gut ausgebaut. Ab 2015 sind in Frankreich und Deutschland aber größere Ersatz-Investitionen in Züge geplant, in Japan bereits ab 2012.

AKTIV: Welche Hersteller werden weltweit zum Zug kommen?

Leenen: Schwer zu sagen. Der ICE3/Velaro von Siemens hat sich bewährt, der französische TGV-Nachfolger AGV ist komplett neu entwickelt. Und der japanische Shinkansen wird kontinuierlich verbessert. Technisch sind alle wettbewerbsfähig. Letztlich spielt bei solchen Großprojekten aber staatlicher Einfluss eine größere Rolle als das Produkt selbst.

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