Am Airport gestrandet

Zeit ist Geld: Ihre Rechte bei verspäteten Flügen

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Köln. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – und leider nicht selten auch von nervigen Verspätungen, überbuchten Fliegern, stundenlangem Rumhängen am Flughafen. Für solche Unannehmlichkeiten gibt’s schon seit einigen Jahren Geld, geregelt in der EG-Verordnung 261/2004. So weit die Theorie.

In der Praxis versuchen die Gesellschaften immer wieder, die Ansprüche von verärgerten Kunden abzubügeln. In den letzten Jahren gab es deshalb zahlreiche Gerichtsurteile, die die Rechte der Passagiere präzisiert haben (Übersicht unter wiesbadener-tabelle.de)

Entschädigung bei verspäteter Landung

Erst kürzlich stellte der Europäische Gerichtshof nochmals klar, dass nicht nur bei annullierten Flügen und Nichtbeförderung gezahlt werden muss, sondern auch bei Verspätungen. Das gilt auch für Umsteigeverbindungen. Dabei geht es nach der tatsächlichen Ankunftszeit am endgültigen Zielort, nicht nach der Verspätung beim Abflug (C-581/10 und C-629/10).

Grundsätzlich gelten auch Kleinkinder ohne eigenen Sitzplatz als Passagiere und haben folglich Anspruch auf Entschädigung (so urteilte beispielsweise das Amtsgericht Düsseldorf).

Keine Frage der Technik

Die Airlines berufen sich gerne auf außergewöhnliche Umstände, weil sie dann nämlich nicht zahlen müssen. Allerdings ist es keine Entschuldigung, wenn die Technik versagt, denn: Funktionierende Flieger gehören zum Job der Airlines. Gerichte sahen nach Angaben der sogenannten Wiesbadener Tabelle beispielsweise keine höhere Gewalt bei einer defekten Benzinpumpe, verstopften Bordtoiletten, Problemen mit dem Kabinendruck, der Notbeleuchtung, den Landeklappen, dem Triebwerk oder der Treibstoffversorgung.

Wirklich außergewöhnliche Umstände

Probleme durch Vögel allerdings wurden von einigen Gerichten als typisches Risiko, von anderen dagegen als außergewöhnlicher Umstand beurteilt. Soeben hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass die Passagiere keinen Anspruch auf Entschädigung haben, wenn die Fluggesellschaft alle zumutbaren Maßnahmen zur Vermeidung entsprechender Probleme getroffen hat (X ZR 160/12 und X ZR 129/12).

Auch schlechtes Wetter ist nicht in jedem Fall ein außergewöhnlicher Umstand. Streiks dagegen normalerweise schon, egal ob es sich um Flugpersonal, Bodenpersonal oder Fluglotsen handelt (auch dazu gibt es schon diverse Urteile).

Medizinische Notfälle oder sogar Todesfälle an Bord haben Gerichte schon bei Vorflügen als außergewöhnlichen Umstand gewertet. Erkranktes Personal ist dagegen keine Entschuldigung, weil dies zum normalen Arbeitgeberrisiko gehört, auf das sich die Airline einstellen muss.

Unterstützungsleistungen inklusive

Unabhängig von den Entschädigungszahlungen hat jeder Fluggast Anspruch auf sogenannte Unterstützungsleistungen, also beispielsweise Speisen und Getränke oder Übernachtungen. Das gilt auch bei außergewöhnlichen Umständen. Tut die Airline nichts, muss sie entsprechende Auslagen der Fluggäste ersetzen, entschied der Europäische Gerichtshof kürzlich anlässlich einer Klage nach der Sperrung des europäischen Luftraums wegen des Vulkanausbruchs auf Island (C-12/11).


Die europäische Fluggastverordnung:

Die Regeln gelten für alle Flüge, die innerhalb von Europa starten, egal mit welcher Airline. Bei Flügen, die in Europa ankommen, greift die Verordnung nur, wenn die Fluggesellschaft ihren Sitz in der EU hat.

Entschädigungen gibt es bei Nichtbeförderung, Annullierung und Verspätungen ab drei Stunden. Bei Flügen bis 1.500 Kilometer gibt’s 250 Euro, zwischen 1.500 und 3.500 Kilometer 400 Euro, bei längeren Flügen 600 Euro. Kann die Airline einen Kunden kurzfristig auf einen Ersatzflug umbuchen, sodass er sein Ziel je nach Entfernung höchstens zwei, drei bzw. vier Stunden später erreicht, gibt’s immerhin die Hälfte. Verspätet sich der Abflug um mindestens fünf Stunden, kann man die Reise abbrechen und bekommt dann den Ticketpreis erstattet.

Verzögert sich der Abflug je nach Entfernung um zwei, drei oder vier Stunden, hat man außerdem Anspruch auf die sogenannten Unterstützungsleistungen, wie beispielsweise Verpflegung, Telefonate, wenn nötig Übernachtungen und Transfers.

Inzwischen gibt es verschiedene Anbieter, die die Rechte der Passagiere gegen Erfolgsprovision durchsetzen, beispielsweise:
euclaim.de
flightright.de
www.fairplane.de

Übrigens: Wer ab dem 1. November 2013 ins Flugzeug steigt, dürfte leichter an eine Entschädigung kommen als bisher. Auf gesetzlichen Druck hin treten die deutschen Airlines jetzt der 2009 gegründeten Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr bei, die bei Streitfällen vermitteln soll. Auch der Verband BARIG, der die Interessen von rund 100 ausländischen Fluggesellschaften in Deutschland vertritt, hat seinen Mitgliedern diese Schlichtung empfohlen.

Wer die in Berlin ansässige Schlichtungsstelle anruft, vergibt damit keine Chancen: „Den Beschwerdeführern steht in jedem Stadium des Schlichtungsverfahrens der Weg zu den ordentlichen Gerichten offen – auch nach einer möglicherweise gescheiterten Schlichtung“, heißt es auf der Homepage:
soep-online.de

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