Boom-Branche

Wunder der Medizintechnik

Deutschland auf dem Weg zum Gesundheitsland Nummer eins?

Blinde sehen und Lahme gehen – es grenzt schon fast an solche biblische Verheißungen, was die Industrie für die Gesundheit des Menschen leisten kann. Wer nicht selbst betroffen ist, nimmt es kaum wahr. Der AKTIV-Report zeigt: Deutschland ist ganz vorn mit dabei.

Woran denken Sie beim Wort „Tomografie“? An Ihre Bandscheibe oder die Wirbelsäule? Oder an das mulmige Gefühl, vermeintlich hilflos in der engen Röhre zu stecken? So ist es, nicht wahr?

Begriffe wie „Hightech“, „Exporterfolg“ und „Jobs“ fallen den wenigsten von uns dazu ein. Die verbinden wir mit Autos, Maschinen und Chemie. Aber doch nicht mit Medizin!

Warum eigentlich nicht? Wir sind nämlich längst wer in der Medizintechnik, sind hier so gut wie im Männer-Fußball: Platz drei weltweit! In diesem Fall hinter den Branchenchampions USA und Japan.

Der Weltmarkt ist riesig. Experten schätzen ihn auf 180 bis 250 Milliarden Euro, Wachstum garantiert, die Leute werden ja immer älter: Bis 2050 wird sich die Zahl der über 60-Jährigen auf zwei Milliarden verdreifachen.

„Riesenchance für unser Land“

Kein Wunder, dass Medizin-Größen wie der Bochumer Professor Dietrich Grönemeyer nicht müde werden, Ehrgeiziges zu fordern: Deutschland soll das Gesundheitsland Nummer eins werden! „Diese Riesen-Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“ Nicht erneut der Verlierer sein wie bei Computer und Fax!

Die Aussichten sind gut. „Wir haben die Forscher, die Firmen, die Fähigkeiten und die Produkte“, sagt Sven Behrens, Geschäftsführer des Branchenverbands Spectaris in Berlin. „Bei den Patenten sind wir die Nummer zwei hinter den USA. Wir müssen uns nicht verstecken.“

Die Zahlen zeigen es. Im Zeitraum 1995 bis 2005 wuchsen der Umsatz im Durchschnitt um 7 Prozent pro Jahr, der Export um 12 Prozent, die Zahl der Betriebe und Arbeitsplätze um jährlich 2 Prozent.

Deutsche Kliniken müssen nachrüsten

Eine Voraussetzung für weitere Export-Erfolge: Wir müssen unsere Medizintechnik selbst besser nutzen. Bis zu 30 Milliarden Euro beträgt hier der Nachholbedarf deutscher Krankenhäuser und Praxen.

Ein solches Modernisierungsprogramm brächte nicht nur viele Tausend neue Arbeitsplätze in Deutschland. „Wir hätten alle was davon“, hebt Behrens hervor. „Mit Hightech-Medizin werden wir schneller und schonender gesund.“

Und wir würden Geld sparen. Zum Beispiel bei Wirbelsäulen-Operationen: Machten die Ärzte sie – wo es geht – mit Minischnitt und Mikroskop, würde das die Kassen nach einer Spectaris-Studie um 335 Millionen Euro im Jahr entlasten.

 

Info: Die Branche in Zahlen

Die deutsche Medizintechnik-Industrie beschäftigt rund 170.000 Mitarbeiter in circa 11.000 Unternehmen. 10.000 davon haben weniger als 20 Mitarbeiter. In diesem Jahr wird die Branche voraussichtlich 17,2 Milliarden Euro umsetzen. Das sind beachtliche 7 Prozent mehr als 2006. Die Medizintechnik ist

  • ein Forschungsmotor: Etwa 15 Prozent ihrer Beschäftigten arbeiten in Forschung und Entwicklung,
  • eine Exportlokomotive: Fast zwei Drittel vom Umsatz machen die Hersteller im Ausland.

 

Telemedizin: Sensor-Hemd alarmiert Arzt

So haben Sie das EKG immer bei sich!

Ein leichtes Schwindelgefühl beim Treppensteigen, ein kurzes Ziehen in der Brust – nur harmlose Zeichen der Anstrengung? Oder Vorboten eines Herzinfarkts?

Gewissheit soll jetzt ein intelligentes Hemd schaffen. Seit zwei Jahren tüfteln Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft an einem Oberteil, das dem Träger anzeigt, ob sein Herz noch richtig pumpt. Eingearbeitete Elektroden messen ständig den Herzschlag (EKG). Wird es kritisch, schlägt das Hemd Alarm, benachrichtigt sogar den Arzt.

„In zwei bis drei Jahren ist das EKG-Shirt serienreif“, schätzt Entwickler Hans-Jürgen Holland. Spritzwasser und Schweiß kann der Elekronik schon jetzt nichts anhaben, nur die Waschmaschine übersteht sie noch nicht.

 

Schonende Operation: Eingriff per Schlauch

Das Skalpell ist in vielen Fällen out

Gute Nachricht aus dem OP: Immer mehr Operationen lassen sich heute mit minimalem Eingriff erledigen. Ein kleiner Schnitt, Endoskop mit Schere und Kamera einschieben, schneiden, absaugen, fertig. 90 Prozent der Gallenblasen, bis zu 50 Prozent der Blinddärme und 40 Prozent der Leistenbrüche behandeln Ärzte heute so. Tendenz steigend. Vorteil: Das ist schonender, der Kranke schneller wieder gesund.

Die Technik dafür ist vielfach „Made in Germany“. Zum Beispiel von der Firma Aesculap (7.500 Beschäftigte, fast 1 Milliarde Euro Umsatz). „Wir liefern, was der Arzt benötigt“, sagt Thomas Kieninger, Marketingleiter Kommunikation: „Von Endoskop über Schere, Pinzette, Lichtleiter und Minikamera bis hin zum Bildschirm.“ Schließlich will der Chirurg sehen, wo er operiert. „Aktuell hält hier HDTV Einzug, die hochauflösende Videotechnik.“

Auch Fraunhofer-Forscher haben Neues auf der Pfanne, etwa eine 1,2 Millimeter dünne Punktionsnadel aus Kohlenstoff-Fasern. Damit kann der Arzt Medikamente punktgenau an die Bandscheibe spritzen oder im Körper mit Laser schneiden.

 

Zahnersatz: Wenn die Krone aus dem Rechner kommt

So wird das Gebiss in einer Sitzung fertig

Wer geht schon gern zum Zahnarzt? Sie etwa? Vor allem, wenn mehrere Termine fällig sind, oder wenn Bohren und Schleifen anstehen! Mit einem neuen Hightech-System („Cerec“) der Firma Sirona in Bensheim geht all das jetzt viel schneller: Eine Sitzung und man verlässt mit fertigem Zahnersatz die Praxis.

Das geht so: Der Arzt macht Röntgen- und Kamera-Aufnahmen vom Gebiss und dem zu behandelnden Zahn. Ein Rechner wandelt diese Daten in ein dreidimensionales Modell um, dem der Arzt am Bildschirm den Feinschliff verleiht.

Dabei kann der Patient zusehen. Eine Schleifeinheit fertigt danach aus einem Keramikrohling vollautomatisch Füllung, Krone oder Zahnersatz. „Und die hält so gut, als sei sie aus Gold gemacht“, sagt Jürgen Serafin, Bereichsleiter bei Sirona. Mit Hightech, Behandlungsstühlen, Bohrern und Co. setzte Sirona im vergangenen Jahr weltweit mit 2150 Mitarbeitern rund 415 Millionen Euro um.

 

Tomografie: Röhre statt Herzkatheter

Moderne Untersuchungsverfahren bringen Vorteile für Patient und Arzt

Ab in die Röhre!“ Das ist für viele Patienten die Stunde der Wahrheit. Je nach Art der Beschwerden werden sie mit Röntgenstrahlen (Computer-tomografie) oder Magnetfeldern (Magnetresonanz-Tomografie) durchgecheckt. Die moderne Bildgebungs-Technik entwickelt sich rasch, liefert mittlerweile hervorragende Schnitt- und 3-D-Bilder vom Körper. Egal, ob von der Wirbelsäule, der Bandscheibe, von Knochen oder Gehirn, von Galle oder Niere.

Eine Herz-Untersuchung ist oft noch eine Sache des klassischen Katheters und deshalb unangenehm. Künftig dürfte das mehr und mehr ein neuer Computertomograf übernehmen, den jetzt Siemens auf den Markt gebracht hat. Marketingexperte André Hartung: „Er liefert sehr scharfe Bilder vom Herzen, selbst bei einem Puls von 90 oder 100. Das kann bisher kein Gerät.“

Der Konzern ist in der Tomografie weltweit führend. In der Medizintechnik sorgen aktuell 41.000 Mitarbeiter für 8,2 Milliarden Euro Jahresumsatz. 10 Prozent davon gehen in die Forschung (in der deutschen Industrie insgesamt sind es 4 Prozent).

Neues bietet Siemens auch bei Bandscheibe, Wirbelsäule und Gelenken: Eine Magnet-Messröhre ermöglicht einen dreidimensionalen Scan von Kopf bis Fuß in einem Stück und in Minuten.

 

Implantate und Prothesen: Chip im Ersatzknie

Künstliche Knochen werden immer raffinierter

Treffen kann es jeden. Und über 50 nimmt die Wahrscheinlichkeit stark zu: Dann kommen die Arthrose und mit ihr die Probleme mit den Gelenken. Die Lösung: Ersatz muss her! Bundesweit 200.000 neue Hüft- und 160.000 Kniegelenke dürften daher in diesem Jahr implantiert werden.

Viele davon kommen von Aesculap in Tuttlingen. Die Firma fertigt für den Weltmarkt jährlich über 100.000 künstliche Gelenke, Tendenz steigend, eine dafür vor sieben Jahren gebaute Fabrik (300 Beschäftigte) wird bereits erweitert. Damit die künstlichen Gelenke länger halten, fertigt man die Köpfe und Pfannen heute vermehrt aus Keramik oder Polyethylen. „55 Prozent der in Deutschland eingesetzten Hüftgelenke haben einen Keramikkopf und jedes zehnte sogar eine Pfanne aus Keramik“, so Holger Brütsch, Marketing Orthopädie Deutschland.

Weltweit führend ist hier die Plochinger Firma CeramTec. Sie hat ihren Umsatz mit Medizintechnik von 2000 bis 2006 verdreifacht, die Mitarbeiterzahl dort auf 270 verdoppelt.

Auch viele der 40.000 jährlich eingesetzten Arm- und Beinprothesen sind deutsch. Spezialist: Firma Otto Bock in Duderstadt bei Göttingen (3.600 Beschäftigte). Ganz neu: eine Beinprothese mit chipgesteuertem Kniegelenk.

 

Augen-Laser: Brille ade!

Laser-Operationen immer sicherer

Rund 52 Millionen Deutsche tragen Brille oder Kontaktlinsen. Immer mehr sind ziemlich genervt davon. Und unterziehen sich einer Laser-Operation: Mit dem gängigsten Verfahren namens „Lasik“ behandelten Mediziner allein 2006 bundesweit 93.000 Fehlsichtige! Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor waren es erst 7000 Eingriffe.

Die Hersteller der Geräte sorgen dafür, dass sie immer sicherer und genauer arbeiten. Beispiel: Den nötigen Schnitt eines Hornhautdeckels vor der eigentlichen Laser-Behandlung erledigen Ärzte zunehmend mit einem Laser statt mechanisch per Klinge. Der arbeitet sicherer und präziser. Führend bei den Geräten ist unter anderem Carl Zeiss Meditec in Jena.

Komplikationen werden übrigens immer unwahrscheinlicher. Eine Studie aus den Vereinigten Staaten zeigt: Das Risiko einer ständigen Sehverschlechterung ist für Kontaktlinsenträger höher als für Patienten nach einer Laser-Operation.

 

Diagnostik: Gentest gegen Sepsis

Schnelle Hilfe bei Blutvergiftung

Nach einem Unfall, einer schweren Operation oder bei einer Lungenentzündung kann es passieren: Von einem Krankheitsherd dringen Erreger in die Blutbahn, führen zu Fieber, Herzrasen, jagendem Atem, Nierenversagen und infizieren schlimmstenfalls weitere Organe. Der Patient hat eine Sepsis, Blutvergiftung. Bis zu 40 Prozent der Erkrankten sterben daran.

Schnelle Hilfe tut not. Ein Antibiotikum muss her, möglichst das passende. Doch Bakterienkultur-Tests dauern zwei bis fünf Tage. „Mit dem neuen ,SeptiFast’-Test kennt der Arzt den Erreger nach sechs Stunden“, so Uwe Oberländer, Marketingexperte bei Roche Diagnostics in Mannheim.

Gentechnik und ein Hightech-Gerät machen es möglich. Der Nachweis erfolgt über das Erbgut. Produziert wird die Chemie dafür in Penzberg.

Roche ist einer der Weltmarktführer bei Diagnostika und Labor-Hightech (5,2 Milliarden Euro Umsatz 2006) für Kranke, Ärzte und Kliniken.

 

Dialyse: Blutwäsche in der Maschine

Bei 1,5 Millionen Patienten weltweit

Nierenversagen – noch vor gut 50 Jahren war diese Diagnose ein Todesurteil. Denn unsere Nieren arbeiten Tag und Nacht, um den Körper vor Vergiftungen zu schützen. Dazu beseitigen sie Abbauprodukte des Körpers über den Urin. Heute können auch spezielle Maschinen die Blutwäsche übernehmen: Sie pumpen das Blut durch eine „künstliche Niere“ , die daraus Giftstoffe und überschüssiges Wasser abfiltert.

Weltweit führend sind hier Unternehmen wie Fresenius Medical Care und Gambro. Beispiel Fresenius Medical Care: Über 171.000 Patienten lassen sich in den 2.200 Dialysekliniken der Bad Homburger rund um den Globus behandeln. Auch mit Produkten für die Dialyse ist das Unternehmen erfolgreich: Bei den Dialysegeräten hat es über 50 Prozent Marktanteil.

Und das Geschäft wächst. Vorstandschef Ben Lipps: „Der Dialysemarkt zeichnet sich durch steigende Patientenzahlen aus.“ Weltweit brauchen 1,5 Millionen regelmäßig eine Dialyse.

Auch die Firma Gambro in Hechingen ist auf diesem Feld global aktiv: bei der Dialyse in Zentren, daheim und in der Blutreinigung auf Intensivstationen.

 

Infusionen: Spitzentechnik für den „Tropf“

Neue Generation von noch kleineren lebenspendenden Pumpen

Spricht jemand vom Krankenhaus, denken wir fast automatisch an Patienten, die am Tropf hängen. Oft ist es nur eine Kochsalz- oder Nährlösung, die da durch die Schläuche tropft. Mit Hilfe hochentwickelter Infusions- und Spritzenpumpen gelangt die Lösung in die Vene. Solche Infusionssysteme, aber auch Dialyse-Geräte, stellt zum Beispiel B.Braun Melsungen in Hessen her.

Stolz ist das Familienunternehmen auf die neueste Generation: Die Infusionspumpen gelten als die kleinsten, leichtesten und sichersten der Welt.

Auch bei Infusionslösungen ist B.Braun stark auf dem Markt präsent. Im Jahr 2006 setzten die 32.000 Mitarbeiter insgesamt weltweit 3,3 Milliarden Euro um, 44 Prozent davon in Amerika und Asien. Dennoch bleibt das Unternehmen seinem Stammsitz treu: In den nächsten drei Jahren sind Investitionen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro geplant, die Hälfte davon in Deutschland.


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