Ausland

Wohlstand in Deutsch-Rumänien


Eine Minderheit packt kräftig mit an - und genießt hohes Ansehen

Nur halb so viele Arbeitslose wie in Deutschland. Jahr für Jahr rund 10 Prozent Lohnsteigerung. AKTIV reiste nach Siebenbürgen – und sah ein kleines Wirtschaftswunder.

Sibiu. Im „Weinkeller“, einem urigen Lokal in Sibiu, erzählen sich die Stammgäste einen Witz: „An welchen Tagen sieht man in der Stadt keinen einzigen Siebenbürger Sachsen? An Sitzungstagen. Dann befindet sich die deutsche Minderheit vollzählig im Rathaus und macht Politik.“

Sibiu in Zentral-Rumänien, eine mittelalterliche Stadt mit frisch restaurierten Häusern und der Atmosphäre einer süddeutschen Kleinstadt: Obwohl von 170.000 Einwohnern nur 2.000 zu den Siebenbürger Sachsen gehören, stellt deren Deutsches Forum zwei Drittel der Ratsmitglieder von Hermannstadt, wie Sibiu ebenfalls offiziell heißt.

„Als die Bürger uns vor zehn Jahren zum ersten Mal die Mehrheit gaben, war das eine Protestwahl“, erzählt Oberbürgermeister Klaus Johannis. „Inzwischen bestätigen sie uns, weil wir gut arbeiten.“

Dunkler Anzug, strahlend weißes Hemd, distanzierter Blick: Wie ein Staatspräsident präsentiert sich der 1,90-Meter-Mann vor den Flaggen in seinem Büro. Doch als er das Wirtschaftswunder in seiner Stadt beschreibt, lässt Johannis sein jungenhaftes Lächeln aufblitzen. Die Arbeitslosigkeit liegt in Sibiu knapp halb so hoch wie in Deutschland: „Rund 4 bis 5 Prozent der Erwerbsfähigen sind zurzeit ohne Stelle.“

Hunderte Firmen, darunter Siemens und Continental, haben sich angesiedelt in der Stadt, die unter dem Ceau­cescu-Regime dem Verfall preisgegeben war. Seit 1980 hatte der Staat keine Wohnungen mehr gebaut. Die Industrie vergammelte. In Schulen froren die Kinder.

Über Babynahrung zum Erfolg

Kein Wunder, dass in den 90er-Jahren eine Auswanderungswelle viele Menschen westwärts spülte, darunter auch die meisten der damals 20.000 Siebenbürger Sachsen. Doch während sie mit Koffern auf den Dächern ihrer Dacias und Trabis unter anderem nach Deutschland aufbrachen, fuhr ein Mann in die entgegengesetzte Richtung. Im Führerhaus eines Lkw begleitete Andreas Huber, einen Hilfskonvoi mit Babynahrung in seine alte Heimatstadt.

Das Geld dafür hatte Huber, der in den 70er-Jahren nach Deutschland gegangen und bei Daimler-Benz gelandet war, bei seinem Arbeitgeber und den Bürgern von Sindelfingen gesammelt. Er kam, half – und blieb. „Freunde brachten mich auf die Idee, einen Tante-Emma-Laden zu eröffnen. Da gab es alles, von der Nähnadel bis zum Motorenöl.“ Weil ihm die Kunden das Motorenöl aus den Händen rissen, machte Huber daraus sein Hauptgeschäft. Inzwischen importiert er Öl und Reinigungsmaschinen, betreibt zwei Autohäuser und beschäftigt 220 Leute.

Ein Mittelständler in Deutsch-Rumänien. „In ein paar Jahren kann mein Sohn den Betrieb übernehmen“, sagt er. Die Chancen auf Wachstum stehen schließlich nicht schlecht in einer Region, in der die Löhne der Industrie-Beschäftigten Jahr für Jahr um rund 10 Prozent steigen.

Vorurteile sind fehl am Platz

Rund 400 Euro verdient ein angelernter Fertigungsarbeiter. Das ist mehr, als es klingt – zumal der Arbeitgeber für den kostenlosen Bus-Transfer zum Betrieb sorgt und der Staat mit geldwerten Gutscheinen für das Mittagessen.

„Die Arbeit macht Spaß und ich kann gut davon leben“, sagt Familienvater Alin Hantau. Er hat es beim schwäbischen Autozulieferer Marquardt, der in Sibiu rund 600 Mitarbeiter beschäftigt, zum Schichtführer gebracht. Einen Wagen kann er sich leisten, und im Supermarkt greift er auch schon mal zu Käse aus deutscher Herstellung. Zufrieden ist auch der Chef, General Manager Jürgen Schmidt: „Was den Leuten an Qualifikation fehlt, machen sie durch Motivation mehr als wett.“

Für Vorurteile, wie sie Nordrhein-Westfalens Landesvater Jürgen Rüttgers unlängst gegen die Arbeiter im rumänischen Nokia-Werk schürte, hat er kein Verständnis.

Dennoch: Qualifikation bleibt der große Schwachpunkt in einem Land, dessen berufliches Bildungssystem mit dem Kommunismus zusammengebrochen ist. Einige deutsche Firmen wollen jetzt auf eigene Faust einen Berufsschullehrer engagieren. Die Hoffnung: Gutes Personal könnte noch mehr Investoren in die Region locken.

Auf die wartet zum Beispiel Viktor Späck. In der Nähe von Sibiu hat seine Firma Zios ein privates Industriegebiet geschaffen. „Das Interesse ist groß“, sagt er. „Aber wegen der Finanzkrise zögern jetzt viele Firmen. Dem Nächsten, der kommt, verkaufe ich den Quad­ratmeter für 1 Euro.“

Neue Liebe zur Literatur

Es gibt ein rumänisches Sprichwort: „Mach es deutsch, wenn es gut werden soll.“ In Sibiu wird das anschaulich.  Und auch Gáspár Elöd-László kann es bestätigen. Er betreibt am Großen Platz, mit Blick auf das Rathaus, die „Schiller Buchhandlung“.

Seit die deutschsprachige Rumänin Hertha Müller den Literatur-Nobelpreis gewonnen hat, freut sich Elöd-László über mehr Kunden. „Nicht nur ihre deutschen Bücher, auch die rumänischen Übersetzungen muss ich ständig nachbestellen.“

„Wir senken die Steuern für Betriebe“

Als die Bürger von Sibiu Klaus Johannis (50) vor zehn Jahren zum Oberbürgermeister wählten, war der Physiklehrer ein politischer Neuling. Inzwischen gilt er als potenzieller Ministerpräsident Rumäniens.

AKTIV: Herr Johannis, was sagen Sie deutschen Arbeitnehmern, die befürchten, billigere Arbeitskräfte in Rumänien könnten ihnen die Jobs wegnehmen?

Johannis: Die Sorge kann ich verstehen. Aber man darf nicht vergessen, dass viele Unternehmen ihre Standorte in Deutschland – und damit auch Arbeitsplätze dort – nur erhalten konnten, weil sie sich ein kostengünstigeres zweites Standbein in Rumänien geschaffen haben.

AKTIV: Moment mal: Rumänen retten Jobs in Deutschland?

Johannis: Nicht wenige deutsche Unternehmen konnten nur durch eine teilweise Verlagerung ihre Existenz sichern. Die Alternative wäre nicht gewesen, alle Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten, sondern sämtliche Mitarbeiter zu entlassen.

AKTIV: Wie gewinnen Sie deutsche Firmen für Sibiu?

Johannis: Die Interessen der Unternehmen liegen auch uns am Herzen. So haben wir gerade im Rat beschlossen, die Abgaben für Betriebe im kommenden Jahr um 4 Prozent zu senken.

AKTIV: Was noch?

Johannis: Wir haben eine sehr gute Fernstraßenanbindung und einen Flughafen, den Sie von Köln und München aus direkt erreichen können. Neuankömmlinge profitieren auch von den Erfahrungen der Betriebe, die schon länger hier sind.

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