Beruf & Familie

Wohin mit dem Kind?


Die meisten Mütter von Kleinkindern möchten arbeiten – aber der Kita-Ausbau kommt zu langsam voran

Schuhe aus, Jäckchen aus, Stoppersocken an – und ein Abschiedsküsschen: „Tschüs, Süße, bis später.“ Stefanie Zimmermann winkt ihrer Tochter noch mal nach und macht sich von der Hamburger Kita City-Nord auf zur Arbeit. Der Weg ist sehr kurz – nur einmal über die sechsspurige Straße!

Schräg gegenüber dem Kindergarten steht die Zentrale von Zimmermanns Arbeitgeber Tchibo. Acht Stunden verbringt die Industriekauffrau dort im Großraumbüro. „Der Job macht mir Spaß“, sagt sie. Und ihr Chef Stephan Leukel ist hoch zufrieden: „Frau Zimmermann kann sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren, weil sie weiß, dass ihr Kind ganz in der Nähe wohlbehütet ist. Dadurch ist sie einfach entspannter.“

EU-Kommission mahnt Deutschland

Ein Kita-Platz fürs Kleinkind, dazu noch um die Ecke und mit langen Öffnungszeiten: Davon können die meisten anderen Mütter nur träumen. Nach wie vor übersteigt bei uns die Nachfrage das Angebot bei weitem. Und deswegen müssen viele Frauen zu Hause bleiben – obwohl sie gerne arbeiten würden.

„Unter den Nichterwerbstätigen haben viele Mütter insbesondere mit Kindern unter drei Jahren einen Erwerbswunsch – mehr als 80 Prozent“, weiß Professorin Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Die Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kindern unter drei liege bei 31 Prozent – gerade halb so hoch wie bei Müttern, deren jüngstes Kind drei bis fünf Jahre alt ist.

Vor allem auch wegen fehlender Betreuungsplätze sind Alleinerziehende besonders armutsgefährdet. Die Wirtschaft wiederum ist im Kampf gegen den Fachkräftemangel für jede Frau dankbar, die ihre Kinderpause verkürzt. Gerade hat die EU-Kommission Deutschland ermahnt, Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern – etwa durch bessere Kinderbetreuung.

Da der Staat das Thema zu lange vernachlässigt hat, wird vielerorts zur Selbsthilfe gegriffen: von Eltern, aber auch von der Wirtschaft.

Die Kita City-Nord zum Beispiel, in der Mariella jetzt tobt, ist vor fünf Jahren auf Initiative einiger Hamburger Unternehmen entstanden. Die Firmen zahlten den größten Teil der Baukosten – und dürfen dafür nun fast alle Plätze an den Nachwuchs ihrer Mitarbeiter vergeben.

Wartelisten sind lang

Immerhin 100 Kinder spielen und lernen inzwischen hier. Doch die Wartelisten, die die Firmen selbst führen, sind trotzdem lang: Auch sie zeugen von der Not junger Mütter. „Die Unternehmen tun viel, um Fachkräfte zu behalten oder neue zu gewinnen“, betont Donate Kluxen-Pyta, Bildungsexpertin bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). „Aber Betriebskindergärten sind eher Nischenlösungen – die stopfen ja nicht die Versorgungslücke.“

Das will jetzt, spät aber doch, der Staat übernehmen. Beim „Krippengipfel“ 2007 hat Deutschland sich ja einen massiven Ausbau der Kleinkind-Betreuung vorgenommen: 2013 wird jedes Kind mit dem ersten Geburtstag einen Rechtsanspruch auf einen Platz haben.

Ministerin fordert „mehr Dynamik“

Momentan ist bundesweit erst jedes vierte Kleinkind in einer Kita oder bei einer Tagesmutter untergebracht. Der Schnitt von 23 Prozent verbirgt aber große regionale Unterschiede. Mit den 750.000 Plätzen, die bis 2013 angepeilt sind, könnten laut Bundesfamilienministerium „rund 38 Prozent der unter Dreijährigen versorgt werden“.

Das klingt zwar gut – aber trotz des ambitionierten Programms bleiben drei große Probleme:

  • Der Ausbau der Betreuungsplätze läuft zwar – kommt aber zu langsam voran. Mitte Mai hat Familienministerin Kristina Schröder daher „deutlich mehr Dynamik“ angemahnt.
  • Die Zielgröße von „rund 38 Prozent“ mag mancherorts genügen. Aber: „Großstädte werden bestimmt auf einen Bedarf von 60 bis 70 Prozent kommen“, meint zum Beispiel BDA-Expertin Kluxen-Pyta.
  • Nur weil jetzt Kitas in die Landschaft gesetzt werden, steht noch nicht das nötige Personal bereit. „Der Ausbau wird bis 2013 zu einer sehr angespannten Lage bei der Personalgewinnung führen“, warnt eine aktuelle Studie für die Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe.

Tchibo-Mitarbeiterin Stefanie Zimmermann ist froh, dass sie sich darüber keine Sorgen mehr machen muss. Nach Feierabend holt sie Töchterchen Mariella wieder ab. Zusammen machen sie sich auf den Heimweg – beide etwas erschöpft, aber zufrieden. „Ich weiß nicht , was ich ohne diesen Kita-Platz gemacht hätte“, sagt die junge Mutter nachdenklich, „denn der Wiedereinstieg wäre dann deutlich schwieriger gewesen.“

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang