Ausland

Wo gehobelt wird …


China putzt sich heraus für Olympia 2008. Doch die Umweltfolgen des Wachstums sind unübersehbar

Das ist Peking“, hat jemand mit einer Portion Sarkasmus auf dieses Auto gemalt. Ein Symbol für die Schattenseite des Booms im Reich der Mitte: Die Hauptstadt erstickt in immer mehr Sandstürmen, infolge der Versteppung im Land, und unter dem Staub der vielen Baustellen. Als Exportnation dürften uns die Chinesen bald überholt haben, in Sachen Lebensqualität liegen sie noch meilenweit zurück.

Peking. Wenn am 8. August dieses Jahres die Olympischen Sommerspiele eröffnet werden, darf man durchatmen. Aber nur kurz.

Ein Baustopp rund um das Mega-Event soll verhindern, dass in Chinas Hauptstadt Peking zu viel aufgebaggerter Feinstaub in sensible Sportler-Lungen dringt. Die Regierung erwägt, die dreckigsten Industriebetriebe im Stadtgebiet vorübergehend zu schließen. Auch Fahrverbote für Privatwagen sind geplant, um die alltäglichen Megastaus einzudämmen.

Schließlich hat „Beijing“ (chinesisch für „nördliche Hauptstadt“) der Welt eine grüne Olympiade versprochen. Zwei Millionen Gäste werden erwartet. Sie sollen ein sauberes Peking sehen, als Aushängeschild für ein sauberes China.

Die Öko-Show spiegelt ein Problem, das sich durch das ganze Land zieht. Das Reich der Mitte hat noch kein Rezept gefunden, sein Wirtschaftswachstum in Einklang mit der Umwelt zu bringen.

„Wachstum ist wichtig“

Um 115 Prozent höher als im Jahr 2000 dürfte dieses Jahr die Wirtschaftsleistung Chinas liegen – real, nach Abzug der Inflation. Zum Vergleich: Deutschland freut sich über insgesamt 11 Prozent Wachstum.

Kein Wunder also, dass in Wahrheit der Alltag in Peking so aussieht: Riesenbohrer fräsen neue U-Bahn-Schächte in den Boden, oben drehen sich fast an jeder Ecke die Kräne – und Windböen benetzen ganze Viertel mit dem Staub der zahllosen Baustellen.

Die Menschen nehmen es ratlos zur Kenntnis. „Wir müssen Mensch und Natur wieder zusammenbringen“, meint die Studentin Yan Chengling, die aus einem nordchinesischen Fischerdorf nach Peking gezogen ist. „In meiner Heimat gibt es wenig Industrie, die Menschen sind eher arm – aber die Luft ist sauber.“

Die junge Frau fügt rasch hinzu: „Wachstum ist wichtig.“ Sie sei zuversichtlich, dass die Regierung das Umwelt-Problem in den Griff bekommt.

Eine Hoffnung, die der jüngste Parteitag der Kommunistischen Partei bewusst förderte – und die womöglich trügt (siehe unten „Arbeit um jeden Preis“).

Die Regierung hat eingeräumt, dass sie mit ihrem Ziel, Wachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln, kaum vorankommt. Spätestens 2010 wird China die USA als größten Emittent des Treibhausgases Kohlendioxid ablösen.

Riesen-Markt für Umwelt-Technik

Ein wesentlicher Grund für die Umweltprobleme: China deckt mehr als zwei Drittel seines Energiehungers mit Kohle. Alle zwei Jahre baut das Land neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung, die die gesamte deutsche Stromkapazität übersteigt.

Doch so ernüchternd diese Zwischenbilanz ausfällt: Langfristig gibt es durchaus Chancen auf Besserung. Immerhin hat China gewaltige Devisenreserven von fast 1000 Milliarden Euro angehäuft. Die erklärte Absicht der Regierung, stärker auf umweltschonende Produktion zu setzen, muss insofern kein Bauplan für Luftschlösser sein.

Diese optimistische Lesart vertritt zum Beispiel die in Peking tätige kanadische Unternehmensberatung Philippe Bergeron. „In 10 bis 20 Jahren“, so lautet ihre Prognose, „wird China zum Anwendungsort der innovativsten und effizientesten Umwelttechnologien dieser Erde heranreifen.“

Die Regierung hat begonnen, in diesem Sinne Druck zu machen. So hat sie die Steuervorteile für mehr als 200 Exportgüter gekürzt oder gestrichen, deren Herstellung die Umwelt belastet – oder die ganz generell nicht ins Entwicklungskonzept „Mehr Hightech“ passen. Zwar soll China Werkbank der Welt bleiben, aber mit besseren Gütern: Die führende Rolle beim Export sollen nicht mehr die Leder- oder Kleingeräteindustrie besetzen, deren Fabriken oftmals schmutzig produzieren.

Deutsche Verbraucher haben profitiert

In dieses Bild passt auch, dass vielerorts die Mindestlöhne angehoben wurden, zum Teil deutlich. Vor allem betroffen: Produzenten von billigem Spielzeug und Textilien.

Auch Shangguan Defa hat jetzt höhere Kosten. Er ist Vize-Geschäftsführer des Elektrowerkzeug-Herstellers Jinding, der in der Nähe von Schanghai unter anderem für deutsche Warenhäuser Akkuschrauber und Stichsägen baut. „Wir mussten die Preise anheben“, berichtet der Manager, und nicht jeder westliche Einkäufer akzeptiert das. „Seitdem setzen wir weniger ab.“

Vielleicht ist die Grenze des Turbo-Wachstums in Sicht. Dank China sind die Preise für Textilien, Computer oder MP3-Player weltweit seit Jahren im Sinkflug. „Die deutschen Verbraucher haben davon profitiert“, sagt Jürgen Kracht, Chef der Unternehmensberatung Fiducia in Hongkong. „Aber jetzt bahnt sich hier das Ende der Geiz-ist-Geil-Welle an.“

Arbeit um jeden Preis

Auf dem Parteitag der Kommunisten im vergangenen Oktober beklatschten die 2.217 Delegierten das „wissenschaftliche Entwicklungskonzept“ von KP-Chef und Präsident Hu Jintao: Eine Abkehr vom Wachstum um jeden Preis soll auch der Umwelt nützen.

Ein Lippenbekenntnis, sagen ausländische Beobachter und auch viele Experten vor Ort: „Ganz oben auf der Prioritätenliste steht die soziale Stabilität“, analysiert etwa Xu Zhongbo, Chef der Beraterfirma Beijing Metal Consulting in Peking.

Zwar würden in letzter Zeit  Schmutzfabriken demonstrativ geschlossen – doch nicht wenige gingen unter neuem Namen und beschützt von Funktionären wieder an den Start, berichtet Xu. Insbesondere in der Provinz kämpften Politiker vehement für ihre Fabriken: „Sie wollen die Jobs schützen.“

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Schlagwörter: Umwelt

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