Sozialpartner

„Wir werden sehen, was wir tun können“


Gemeinsames Ziel: Paul Kriegelsteiner und Petra Reinbold-Knape wollen mehr Industrie-Ansiedlung in Ostdeutschland. Fotos: Urban (3), dpa

Arbeitgeber und Gewerkschaft – geht da was gemeinsam? In der ostdeutschen Chemie schon.

Wo steht die ostdeutsche Chemie-Industrie? Wie kann sie weiter wachsen und Arbeitsplätze schaffen? AKTIV sprach mit Petra Reinbold-Knape, der Bezirksleiterin Ost der Gewerkschaft IGBCE, und Paul Kriegelsteiner, dem Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Nordostchemie.

Der Arbeitgeber-Mann

Paul Kriegelsteiner (45) führt seit Juli 2006 als Hauptgeschäftsführer den Arbeitgeberverband Nordostchemie. Der promovierte Jurist ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Die Gewerkschafts-Frau

Petra Reinbold-Knape (49) steht seit Oktober 2007 als erste Frau an der Spitze eines Landesbezirks der Gewerkschaft IG BCE. Die gelernte Bürogehilfin ist verheiratet und hat einen Sohn.

AKTIV: Frau Reinbold-Knape, der Deutsche Gewerkschaftsbund moniert in der Kampagne „Gute Arbeit“ die Arbeitsbedingungen in vielen Betrieben. Wie gut sind die Chemie-Jobs im Osten?

Reinbold-Knape: Über alle Branchen gesehen hinkt der Osten hinterher – beim Geld und auch bei der Job-Qualität. Natürlich gab es auch in der Chemie bei der Arbeitnehmer-Befragung, auf der die Kampagne basiert, eine Bandbreite von Antworten. Gleichwohl gilt, dass die Chemie hier in den vergangenen 18 Jahren viel investiert hat. Die Anlagen sind neuer als im Westen, die Arbeitsbedingungen entsprechend gut, eigentlich schon sehr gut.

AKTIV: 2007 wurden in der Ost-Chemie 5 Prozent mehr Stellen geschaffen, für Oktober 2009 ist nun die volle Angleichung auf West-Tarif vereinbart. Sind diese Erfolge in Gefahr, wenn sich die Zeichen für einen Abschwung mehren?

Kriegelsteiner: Das Umsatzwachstum hat sich verlangsamt, von 17 Prozent letztes Jahr auf wohl 7 Prozent dieses Jahr. Der Aufwärtstrend ist intakt – aber auch wir können uns nicht abkoppeln, wenn es schlechter läuft. Bei Auto-Zulieferern gibt es ja schon vereinzelt Kurzarbeit.

AKTIV: Und das Henkel-Werk in Genthin wird womöglich komplett geschlossen.

Kriegelsteiner: Das ist sehr bedauerlich. Es ist ein warnendes Beispiel dafür, was mit unseren Betrieben passiert, wenn ihre Vorteile gegenüber West-Standorten verloren gehen. Wenn man sich in einer Konzernzentrale sagt, wir zahlen dort jetzt für die Arbeitskraft dasselbe, haben aber längere Transportwege, da können wir doch auch ...

Reinbold-Knape: ...Einspruch! Nach unserer Einschätzung ist die aktuelle Lohnkosten-Entwicklung in Genthin nicht entscheidend. Das Werk zu schließen, wäre ein Schlag für die Region. Hoffentlich haben wir und die Landesregierung Erfolg bei unseren Bemühungen, wenigstens einen Teil der Arbeitsplätze zu retten.

AKTIV: Vom Einzelfall abgesehen – war es insgesamt richtig, die Angleichung auf West-Tarif bis 2009 zu strecken, dadurch Milliarden-Investitionen anzulocken und letztlich Arbeit zu schaffen?

Reinbold-Knape: Ich stehe zu dem historischen TarifVertrag aus dem Jahr 2002. Im Jahr 2009 gibt es West-Lohn, so wurde es damals abgemacht – und die Schritte dorthin vereinbaren wir Jahr für Jahr neu.

AKTIV: So ein Deal funktioniert nur mit Verlässlichkeit. Wie stark ist die Kultur des Vertrauens zwischen Ihnen?

Reinbold-Knape: Es gibt bei allem Streit in der Sache gegenseitigen Respekt – und den Willen, Verträge einzuhalten. Das erfordert von uns beiden auch Überzeugungsarbeit bei den eigenen Leuten. Vielerorts sind ja Manager am Ruder, die am Zustandekommen der Abmachung von 2002 nicht beteiligt waren.

Kriegelsteiner: Da sprechen Sie etwas an, was mir grundsätzlich scheint: Wie kriegt die Chemie ihr besonderes Modell der Sozialpartnerschaft in die nächste Generation? Viele Leute, die dafür einst im Westen den Grundstein legten, sind bald in Rente.

AKTIV: Sie beide haben noch 20 Jahre vor sich.

Kriegelsteiner: Und wir sind beide Sozialpartnerschafts-Erklärer im Osten. Das Modell ist ja nicht so, wie man sich zu DDR-Schulzeiten den Umgang von Kapitalisten und Arbeiterführern vorgestellt hat. Man muss das immer wieder erläutern. Auch so manchem Manager im Ausland.

AKTIV: Sozialpartnerschaft ist kein Selbstzweck, sondern der Versuch, Zukunft zu gestalten. Was wollen Sie konkret tun, damit die wieder erstarkte ostdeutsche Chemie weiter wächst?

Reinbold-Knape: Erstens müssen wir weiter vernünftige Lohn-Kompromisse finden – damit die Arbeitnehmer ihren fairen Anteil am Erfolg haben. Dabei will ich anerkennen: Die insgesamt fast 12 Prozent Tarif-Erhöhung 2008 und 2009, inklusive der letzten Schritte der West-Angleichung, sind schon ein großer Batzen. Aber die Ertragslage der Unternehmen lässt einen solchen Schritt auch zu. Im Übrigen ist das für uns auch ein Werbe-Argument an der Basis.

Kriegelsteiner: Und wir Arbeitgeber leiden leise.

Reinbold-Knape:Zweitens müssen wir uns für bessere Rahmenbedingungen einsetzen. Wir brauchen eine bessere Ansiedlungspolitik der Bundesländer. Eine Voraussetzung für mehr Ansiedlung wäre eine schlüssige Energiepolitik. Mit Windmühlen können Sie keine Chemie-Werke betreiben.

Kriegelsteiner: Ein weiteres Thema ist die gesellschaftliche Bereitschaft, Innovationen zu nutzen und nicht nur über ihre Risiken zu reden. Außerdem brauchen wir unseren Sozialpartner, um durch Ausbildungskampagnen den dringend benötigten Nachwuchs für unsere Betriebe zu sichern.

AKTIV: Gegen die EU-Pläne zur Regulierung von Chemikalien gab es vor Jahren gemeinsame Demos von Arbeitgebern und Gewerkschaften in Brüssel. Können Sie sich vorstellen, vor den Reichstag in Berlin zu ziehen?

Reinbold-Knape: Die Industrie- und Energiepolitik werden wir gemeinsam diskutieren. Wir werden sehen, was wir tun können.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang