Interview

„Wir müssen unsere Stärke immer neu erkämpfen“


Arbeitgeber-Chef wirbt für eine zukunftsweisende Industriepolitik – gemeinsam mit der Gewerkschaft

Seit gut 20 Jahren ist die ost­deutsche Chemie-Industrie  in der Marktwirtschaft.

Andreas Hungeling, der Vorstandsvorsitzende des Arbeitgeberverbandes Nordostchemie, zieht Bilanz.

AKTIV: 55.000 Mitarbeiter, 20 Milliarden Euro Jahresumsatz, seit 1991 schätzungsweise 18 Milliarden Euro Investitionen – die Ost-Chemie steht heute gut da. Eine Erfolgsstory von Anfang an?

Hungeling: Die ersten Jahre waren überhaupt nicht gut. Die Chemie hat sich ja, vorsichtig ausgedrückt, gesundgeschrumpft. Das hat viele Firmen die Existenz und viele Mitarbeiter den Job gekostet.

AKTIV: Ende der 90er-Jahre, mit damals nur noch gut 40.000 Arbeitsplätzen, wurde es besser. Warum?

Hungeling: Großkonzerne wie BASF, Bayer, Linde und Wacker haben neben unternehmerischer auch politische Verantwortung gezeigt. Ziel war es, die Branche im Osten zu erhalten. Gleiches gilt für die Investition in die neue Erdöl-Raffinerie in Leuna.

AKTIV: So konnte auch der Mittelstand gedeihen?

Hungeling: Richtig. Und die kleinen und mittelständischen Betriebe waren und sind enorm innovativ. Mit der Krise der Wendezeit haben sie  den Willen zum Gestalten gelernt. So hat man auch die jüngste Krise besser überstanden als im Westen.

AKTIV: Aber die Zukunft bringt wieder ganz andere Herausforderungen. Wie begegnet die ostdeutsche Chemie-Industrie dem Mangel an Fachkräften?

 Hungeling: Wir müssen jungen Leuten noch besser die Vorzüge der Branche zeigen: interessante Jobs, faire Bezahlung – und schnelle Aufstiegschancen, weil viele Mitarbeiter in Rente gehen. Gleichzeitig müssen wir uns auf alternde Belegschaften vorbereiten.

AKTIV: Das heißt?

Hungeling: Gesundheitsmanagement, Wissenstransfer von Alt auf Jung, mehr Frauen in Ingenieurberufen, Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wir haben da die Chance, übrigens gemeinsam mit unserem Sozialpartner IG BCE, zukunftsweisende Industriepolitik für ganz Deutschland zu gestalten. Denn in fünf bis acht Jahren wird die Industrie im Westen dieselben Probleme bekommen.

AKTIV: Ist Ostdeutschland in Zukunft noch gut für Großinvestitionen?

Hungeling: Natürlich. Wir haben tolle Standorte und eine Bevölkerung, die für Innovationen aufgeschlossen ist. Allerdings sehen wir, dass in anderen Teilen der Welt in großem Umfang neue Produktionsstätten entstehen. Wir müssen unsere Stärke also immer wieder neu erkämpfen. Das Thema kann nicht immer nur lauten: Wie können unsere Betriebe noch attraktivere Gehälter zahlen? Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass wir für unsere Kunden weiterhin attraktiv bleiben.

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