Doppelinterview

„Wir müssen uns behaupten“


Nach der Tarifrunde: Die Sozialpartner der ostdeutschen Chemie im Dialog

Sie haben gegensätzliche Rollen, sie führen bisweilen harte Verhandlungen – aber sie achten sich und kommunizieren ganz formlos per SMS:

Petra Reinbold-Knape, Leiterin des Landesbezirks Nordost der Gewerkschaft IG BCE, und Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer des Ar­beitgeberverbandes Nordostchemie.

AKTIV: Herr Kriegelsteiner, wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass die nächste Chemie-Tarifrunde in elf Monaten wieder eine normale, dauerhaft wirksame Lohnerhöhung bringt?

Kriegelsteiner: Ich bin in dieser Hinsicht verhalten optimistisch. Ich hoffe, dass sich die Branche bis dahin so berappelt hat, dass dies möglich sein wird.

Reinbold-Knape: Das Tal ist durchschritten, der Erholungsprozess hat eingesetzt. Es gibt etliche Betriebe, die bereits wieder durchaus vorzeigbare Ergebnisse bringen. Klar, einigen Unternehmen geht es noch nicht so gut – aber auch von denen befinden sich die meisten auf dem aufsteigenden Ast.

AKTIV: Hat die Weltwirtschaftskrise das Miteinander von Arbeitgebern und Gewerkschaft in der ostdeutschen Chemie-Industrie  gestärkt?

Kriegelsteiner: Die Sozialpartnerschaft hat sich erst mal bewährt – denn die natürlichen Reflexe auf eine Krise blieben aus. Die Betriebe haben nicht gesagt: Der Umsatz bricht ein, also müssen wir an die Leute ran. Umgekehrt sind diejenigen, die in Kurzarbeit gehen mussten, nicht in Panik verfallen – obwohl das kurz nach der Wende oft die Vorstufe zum Job-Verlust war.

Reinbold-Knape: Die Kurzarbeit hat sich als Instrument der Beschäftigungssicherung in der Krise bewährt. Das gilt daneben auch für die tariflichen Öffnungsklauseln. In rund 30 Fällen haben wir in der Region Nordost die Klauseln angewendet und so zum Erhalt der Arbeitsplätze beigetragen.

AKTIV: Auch die Tarifrunde 2010 verlief pragmatisch. Wie geht es jetzt weiter?

Reinbold-Knape: Die Angleichung der Tariflöhne auf West-Niveau ist erreicht, in anderen Bereichen gibt es noch zum Teil erhebliches Gefälle auszugleichen. Ein Beispiel ist die Arbeitszeit, ein anderes die Jahresleistung – das früher sogenannte Weihnachtsgeld. Das liegt im Osten um 30 Prozent niedriger.

AKTIV: Was sagt der Arbeitgeber-Mann dazu? Wird es für die ostdeutschen Chemie-Arbeitnehmer langfristig weiter aufwärts gehen beim Wohlstand?

Kriegelsteiner: Diese Botschaft möchte ich schon rüberbringen. Allerdings muss ich das dann begründen. Wenn ein Produktionsstandort die gleichen Kosten hat wie überall sonst – warum soll ein Unternehmen dann dort arbeiten lassen? Ich sehe Ostdeutschland als letzte Haltestelle vor China. Deshalb würde ich hier gern weiterhin Besonderheiten bieten können. Wie die 40-Stunden-Woche. Sie ermöglicht konkurrenzfähigere Schichtpläne als die im Westen übliche 37,5-Stunden-Woche.

Reinbold-Knape: Es geht offenkundig nicht um konkurrenzfähigere Schichtplä­ne, sondern um zusätzliche Lohnkostenvorteile.

Kriegelsteiner: 40 Wochenstunden sind acht Stunden am Tag. Und drei Schichten mit acht Stunden sind 24 Stunden – rund um die Uhr!

Reinbold-Knape: Dann muss man eben intelligente Lösungen hinkriegen! Ich bin sicher, wir können hier auch bei einer 37,5-Stunden-Woche einen anständigen Chemie-Standort aufbauen, der nicht nur Produktion umfasst, sondern in zunehmendem Maße Forschung und Entwicklung. Davon gibt es noch zu wenig.

Kriegelsteiner: Ich habe gerade erst wieder in China gesehen, was Unternehmen aus der ganzen Welt dort investieren. Oder nehmen sie den Arabischen Golf. Dort entsteht gerade eine Grundstoff-Industrie so groß wie die in ganz Europa. Sie geht jetzt sukzessive ans Netz.

AKTIV: Nimmt die Gewerkschaftsfrau diese Sorge ernst?

Reinbold-Knape: Direktinvestitionen sind nichts Neues, das gibt es schon sehr lange. Allerdings hat dieser Prozess  mit  der  Globalisierung erheblich an Geschwindigkeit und Tiefe gewonnen. Aber: Die Konzerne am Rhein und anderswo in Deutschland sind auch mit 37,5 Wochenstunden konkurrenzfähig. 20 Jahre nach der staatlichen Einheit muss endlich auch die Tarifeinheit weiter vorange­bracht werden.

Kriegelsteiner: Wir müssen uns im globalen Umfeld behaupten. Ihre Antwort ist mir zu kurz gesprungen.

AKTIV: Das werden Sie in diesem Gespräch wohl nicht klären. Was muss jenseits von Arbeitszeit und Lohnkosten passieren, um den Standort zu stärken?

Kriegelsteiner: Wir versuchen gerade in letzter Zeit, unter dem Eindruck der Krise, die Politik davon zu überzeugen, dass es für ein Industrieland eine unheimlich gute Idee ist, Industrie zu fördern und sich darauf zu besinnen. Damit meine ich nicht die Finanz­industrie. Sondern richtige, Wert schaffende Industrie.

Reinbold-Knape: Da sitzen wir in einem Boot. Die Industrie begründet die Wertschöpfung in Deutschland. Die Regierung darf unseren Unternehmen jetzt keine Knüppel zwischen die Beine werfen – wir brauchen eine aktive Industriepolitik und eine vorausschauende Energiepolitik.

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