Tarifpolitik

"Wir müssen die Kugel ins Rollen bringen"


Mit Elan: So wie der Kegler in seinem Büro will Horst-Werner Maier-Hunke die Wirtschaft in Schwung bringen. Foto: Roth

Interview mit NRW-Arbeitgeberpräsident Horst-Werner Maier-Hunke über die Herausforderungen in 2010

Das große Ziel lautet: Möglichst viel Beschäftigung sichern. AKTIV sprach mit Horst-Werner Maier-Hunke, Präsident des Spitzenverbandes „Unternehmer NRW“ über das Jahr 2010.

AKTIV: Herr Maier-Hunke, im Krisenjahr 2009 haben Sie gesagt, dass der Härtetest in der Wirtschaft noch bevorsteht. Wie hart wird 2010 für die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen?

Maier-Hunke: Bei den Auftragseingängen erwarte ich insgesamt weniger Prob­leme. Da sind wir auf einem Sockel. Aber die Betriebe werden die Finanzkrise zu spüren bekommen. Weil Banken nicht alle Kredite gewähren, die erforderlich sind. Weil Kunden, die selbst wenig Geld haben, die abgenommenen Produkte längerfristig als bisher finanzieren wollen. Und weil Kunden in Konkurs gehen.

AKTIV: Befürchten Sie den Verlust vieler Arbeitsplätze?

Maier-Hunke: Es werden noch einige Industrie-Arbeitsplätze verloren gehen. Bisher konnte die Kurzarbeit zwar vieles verhindern. Bei 24 Monaten Dauer aber kann man nicht warten bis zum letzten Tag. Ein Unternehmen, dessen Lage sich nicht wesentlich bessert, wird nach Lösungen suchen müssen, um über die Runden zu kommen.

AKTIV: Eine Verlängerung der Kurzarbeit können Sie sich nicht vorstellen?

Maier-Hunke: Man kann sie schon verlängern. Das funktioniert aber nur, wenn die Remanenzkosten – also die Kosten, die weiterhin anfallen – gesenkt werden.

AKTIV: Das heißt ...?

Maier-Hunke: Die Zahlungen von Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld zum Beispiel sind für Betriebe, die noch länger unter der Krise zu leiden haben, ein kritischer Punkt. Denn wir dürfen nicht vergessen: Hinter uns liegt der schlimmste Absturz der vergangenen Jahrzehnte. Der Aufschwung wird drei oder vier Jahre dauern. Da müssen sich schon alle anstrengen, um die Kugel wieder ins Rollen zu bringen.

AKTIV: Die IG Metall präsentiert im Vorfeld der Tarifrunde 2010 einen Vorschlag zur Arbeitszeitverkürzung: Wenn ein Betrieb Probleme hat, senkt er die Zahl der Wochenstunden. Beim Lohnausgleich springt der Staat mit ein.

Maier-Hunke: Das ist zwar eine Möglichkeit, aber mit Einschränkungen. Arbeitgeber und Gewerkschaften können nicht einen Tarifvertrag abschließen, für den ein Dritter mit aufkommen soll. Das ist so, als würde ich Sie in die Kneipe einladen und dann jemanden anrufen, der dazukommen und die Zeche zahlen soll.

AKTIV: Wie hoch wird denn die Zeche in den Tarifverhandlungen 2010?

Maier-Hunke: Es wird sicher keine Lohnrunde geben, die sich an hohen Abschlüssen orientiert. Die Arbeitgeber wollen vor allem ihre Belegschaften in sichere Zeiten

hinüberretten. Und den Gewerkschaften ist gewiss ebenfalls daran gelegen, dass die Arbeitslosigkeit nicht so stark steigt.

AKTIV: Im öffentlichen Dienst zeichnet sich ein knallharter Tarifstreit zwischen Verdi und den Innenministern ab. Befürchten Sie eine Signalwirkung?

Maier-Hunke: Lassen Sie mich das mal so sagen: Ich halte die IG Metall für eine sehr vernünftige Gewerkschaft und könnte mir denken, dass sie das Verhalten von Verdi nicht allzu sehr freut.

AKTIV: Seit Jahresbeginn sind die Landesverbände von Arbeitgebern und Bundesverband der Industrie unter einem Dach. Was bringt der neue Verband „Unternehmer NRW“?

Maier-Hunke: Er bringt mehr Durch­schlagskraft, weil wir mit einer Stimme sprechen. Zwei Stimmen sind schon ein kleiner Chor. Man trifft nicht immer den gleichen Ton.

AKTIV: Machen Sie der Politik mehr Druck?

Maier-Hunke: Vor allem bei Genehmigungen im Interesse der Wirtschaft werden wir uns stark einsetzen. Es dürfen nicht zehn Jahre vom Antrag bis zur Fertigstellung eines Kraftwerks vergehen. Auch bei der Erweiterung und Auslastung von Flughäfen muss das Land noch  flexibler  werden.

AKTIV: Wie schneidet Nordrhein-Westfalen denn ab im Vergleich mit anderen Bundesländern?

Maier-Hunke: Das Land ist auf einem guten Weg. Das gilt für Erfindungen und Patente. Das gilt für die Univer­sitäten, die sich durch das neu geschaffene Hochschulfreiheitsgesetz mehr der Wirtschaft und ihren Interessen öffnen. Die Krise hat Nordrhein-Westfalen zwar mit am härtesten getroffen, aber nicht so stark wie Bayern oder Baden-Württemberg.

AKTIV: Warum?

Maier-Hunke: Die Wirtschaft hier ist nicht so stark auf die Auto-Industrie zugeschnitten. Es gibt eine starke chemische Industrie, die Energieversorger und Metall- und Elektro-Bereiche, in denen es besser läuft.

AKTIV: Sie haben Ihr Berufsleben als Entwicklungshelfer in Nepal begonnen. Werden Sie heute mitunter an diese Zeit erinnert?

Maier-Hunke: Fast täglich, schließlich habe ich noch immer gute Kontakte nach Nepal. Und ich darf sagen, dass die Entwicklungshilfe meine schwierigste Aufgabe war. Alles, was heute kommt, ist ein ganzes Stück leichter.

Stimme für 80.000 Betriebe

Unter dem Dach des Spitzenverbandes „Unternehmer NRW“ werden die Interessen von 120 regionalen und branchenorientierten Mitgliedsverbänden vertreten – und von 80.000 Betrieben mit rund drei Millionen Beschäftigten. Entstanden ist die neue Stimme der Wirtschaft durch den Zusammenschluss der NRW-Arbeitgeberverbände mit dem Landesverband des BDI (Bundesverband der Deutschen Industrie).

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