Interview mit Alfred Gaffal, Vorsitzender des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft

„Wir brauchen Gründerzentren für alle bayerischen Regierungsbezirke“

München. Damit sich unsere Betriebe auch künftig im globalen Wettbewerb behaupten können, braucht es die richtigen Rahmenbedingungen und mehr Kooperation über Branchen und Technologien hinweg, sagt Alfred Gaffal, Vorsitzender des Zukunftsrats und Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Hier beschreibt er den Ansatz des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft, das Miteinander von etablierten Firmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen zu beflügeln.

Herr Gaffal, wozu braucht Bayern jetzt einen „Zukunftsrat“?

Bayern gehört im internationalen Vergleich zu den führenden Technologieregionen – aber die Welt verändert sich in bisher ungekanntem Tempo. Durch die digitale Revolution ist Wissen heute weltumspannend vernetzt, die Halbwertszeit schrumpft. Zugleich stellen uns Globalisierung, demografischer Wandel sowie die drängenden Energie-, Ressourcen- und Klimafragen vor völlig neue Herausforderungen.

Nach dem großen „Aufschlag“ im Juli, dem Kongress „Was Bayern morgen braucht“: Was will der Zukunftsrat konkret leisten?

Er wird sich als ein Impulsgeber für Wirtschaft, Politik und Wissenschaft etablieren, wenn es darum geht, angesichts des rasanten Wandels unser Land zu stärken. Durch bessere Rahmenbedingungen: für Innovationen und zum Beispiel bei Bildung, Energieversorgung, Infrastruktur. Zu allererst will der Zukunftsrat aber Orientierung für die Wirtschaft, insbesondere für den Mittelstand, anbieten.

In welcher Hinsicht braucht sie die?

Ich selbst weiß aus meiner mehr als 40-jährigen Erfahrung als Mittelständler: Unsere Unternehmen finden täglich Antworten auf große wie auf kleine Herausforderungen. Aber sie brauchen auch klare Orientierung, was an Veränderungen auf sie zukommt, damit sie zum Erhalt ihrer Wettbewerbsfähigkeit und damit der Arbeitsplätze die richtigen Weichen stellen können.

Das gilt ja, angesichts des digitalen Wandels, auch für die Gesellschaft.

Sicher! Wir wollen auch dazu beitragen, bei den Menschen im Land noch mehr Aufgeschlossenheit für Innovation zu erreichen und mehr Begeisterung für neue Technologien. Auf diese müssen wir setzen, als rohstoffarmes Land mit hohen Arbeitskosten. Und die Innovationen und Technologien geben Antworten auf viele drängende Probleme. Das nimmt man in Deutschland zu wenig wahr, da läuft was falsch.

Und mit Blick auf die Wirtschaft? Was ist die Botschaft des Zukunftsrats an den typischen mittelständischen Unternehmer?

Es ist Teil des unternehmerischen Selbstverständnisses, sich permanent Veränderungen zu stellen. Doch die Innovationszyklen haben sich beschleunigt – das erfordert mehr denn je schnelle Entscheidungen. Mehr Kooperation hilft, diese Herausforderungen zu meistern.

Was meinen Sie damit?

Der Zukunftsrat empfiehlt den Unternehmen, bei der Produktentwicklung verstärkt technologie- und branchenübergreifende Ansätze zu realisieren und die Systemkompetenzen zu steigern. Innovationsführerschaft ist zunehmend auf Zusammenarbeit angewiesen. Doch häufig herrscht noch „Wagenburg-Mentalität“. Dabei ist gerade das Miteinander von starken etablierten Unternehmen, Start-up-Firmen und einer exzellenten Wissenschafts- und Forschungslandschaft die große Stärke Bayerns im Innovationswettbewerb der Industriestandorte.

Aber ist es nicht natürlich, wenn Unternehmen neues Wissen lieber für sich behalten wollen?

Die Ergebnisse solcher Kooperationen fließen ja in die beteiligten Unternehmen zurück – oder sie werden als Grundlage für Neugründungen genutzt, deren frische Ideen wiederum die Innovationskraft der etablierten Unternehmen stärken. Generell gilt es, den Blick zu weiten, das Geschäft zu diversifizieren. Bisher beschränken sich Kooperationen oft noch auf einzelne Branchen, Technologien oder Fachbereiche. Aber die Verzahnung nimmt zu. Wir müssen die Grenzen überwinden.

Das würde wohl auch die Wissenschaftslandschaft verändern.

Zweifellos. Der Zukunftsrat steht auch für das klare Bestreben, den Unternehmergeist in der Wissenschaft zu beflügeln. Zum Beispiel durch Freisemester für Forscher, die eine eigene Firma gründen. Das muss sozusagen Teil der akademischen Leistungsbilanz werden!

Und kann die Politik da helfen?

Ja. Wir brauchen Gründerzentren für alle bayerischen Regierungsbezirke – damit vor allem der Mittelstand stärker von den Ergebnissen universitärer Forschung profitieren kann. Zudem gilt es, bürokratische Hürden für Gründer abzubauen. Und der Zukunftsrat hat ein weiteres zentrales Thema auf den Tisch gebracht: zielgenauere staatliche Förderung. Die bayerische Staatsregierung hat das ja schon positiv aufgenommen und tut bereits viel.

Worauf soll sich die Technologieförderung ausrichten?

Auf die zehn für Bayern wichtigsten Technologiefelder, wie sie der Zukunftsrat in der wissenschaftlichen Leitstudie beschrieben hat. Deutlich mehr als bisher muss die technologieübergreifende Förderung in den Mittelpunkt rücken. Unabhängig davon gilt es, einen Anreiz für noch mehr Innovationstätigkeit gerade im Mittelstand zu setzen.

Herr Gaffal, wenn Sie den bisherigen Befund des Zukunftsrats zusammenfassen: Was ist der zentrale Treiber von Innovation?

Die Digitalisierung. Darauf muss alles ausgerichtet sein. Jedes Unternehmen braucht seine eigene Digitalisierungsstrategie. Auch die Wirtschaftsorganisationen müssen hierbei unterstützen. Wir als bayerische Metall- und Elektroarbeitgeber bieten hierzu zum Beispiel einen Digitalisierungs-Quick-Check an oder Weiterbildungsstudiengänge für Führungskräfte sowie Meister und Facharbeiter. Das Thema durchdringt alle Lebensbereiche. Wir müssen schon in der Schule ansetzen.

Was bedeutet das konkret?

Die Schüler von heute sind die Fachkräfte der digitalisierten Wirtschaft von morgen. Besonders wichtig ist dem Zukunftsrat deshalb die Digitalisierung des Bildungssystems. Dazu gehören nicht nur ein Internet-Zugang für jedes Klassenzimmer, Lehrbücher als E-Books, viel freies Arbeiten am Computer. Es geht auch um Medienkompetenz: Die Schüler müssen mit den digital bereitgestellten Informationen umgehen, sie gewichten und auswerten können.

Sind Sie eigentlich persönlich optimistisch, dass Bayern diesen Wandel stemmt?

Absolut. Dass unser Land so stark ist, verdanken wir unseren innovativen und äußerst erfolgreichen Unternehmen – sowie einer vorausschauenden Technologiepolitik in den letzten Jahrzehnten. Diese Erfolgsgeschichte gilt es jetzt fortzuschreiben.


Der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft

Foto: dpa
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  • Das 2014 gegründete Gremium ist mit renommierten Experten aus der Wissenschaft besetzt. Außerdem dabei: Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner.
  • Auf Basis einer beim Institut Prognos in Auftrag gegebenen Studie legte der Zukunftsrat kürzlich umfassende „Handlungsempfehlungen“ vor.
  • Ausführliche Dokumentation im Internet: vbw-zukunftsrat.de

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Digitalisierung und Globalisierung verändern Geschäftsmodelle und Gesellschaft rasant. Damit Bayern ein Wirtschafts- und Technologiestandort ersten Ranges bleibt, wurde der Zukunftsrat der Bayerischen Wirtschaft gegründet.

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