Tarifpolitik

Wie viel Gleichheit muss sein?


Gewerkschaft und Arbeitgeber der ostdeutschen Chemie ringen um das richtige Maß der West-Anpassung

Berlin. Es wird leidenschaftlich gestritten in diesen Tagen zwischen den Sozialpartnern der ostdeutschen Chemie. Nicht mehr um die 4,1 Prozent Plus, die aufgrund des bundesweiten Lohnabschlusses spätestens für den August aufs Konto kommen. Sondern um diese Frage: Darf es im Jahr 22 nach dem Fall der Berliner Mauer noch tarifliche Unterschiede zwischen Ost und West geben?

Für die Chemie-Gewerkschaft IG BCE geht es um „Fairness und Gerechtigkeit“. Die Betriebe hingegen fürchten einen neuerlichen Kostenschub – nachdem die monatlichen Tarifentgelte dieses Jahr schon 58 Prozent höher liegen als 2.000. Sie sind seit vorletztem Jahr praktisch auf West-Niveau, anders als etwa am Bau oder in der Floristik, die 90 und 66 Prozent des West-Tarifs zahlen.

Letzte Unterschiede

Konkret geht es um die Jahressonderzahlung, um Details der Entgelt-Struktur – und vor allem um die Wochenarbeitszeit: Sie liegt mit 40 Stunden

auf international üblichem Niveau, aber 2,5 Stunden höher als im Westen. Im größten Industriezweig Metall und Elektro ist der Unterschied mit drei Stunden noch ausgeprägter. Die Forderung der Angleichung stößt nicht nur beim Arbeitgeberverband auf Kritik (Interview), sondern auch bei Leuten wie Matthias Gabriel – einst Wirtschaftsminister in einer von der Linkspartei tolerierten SPD-Regierung von Sachsen-Anhalt, heute Geschäftsführer des boomenden Chemieparks Bitterfeld-Wolfen (360 Firmen, 12.000 Arbeitsplätze).

Der Osten ist sowieso anders

„Unsere Betriebe können nicht uferlos Kostensteigerungen verkraften“, gibt Gabriel zu bedenken. Die 40-Stunden-Woche sei im Vergleich zum Westen „immer noch ein gewisser Standort-Vorteil“ – und er habe, was die verbliebenen Unterschiede im Tarifgefüge West und Ost angeht, „von den Belegschaften in Bitterfeld überhaupt keine schlechte Stimmung erlebt“.

Der Osten ist sowieso anders. Er hat relativ mehr Hartz-IV-Empfänger und weniger Bundesliga-Fußball – aber auch bessere Kitas, relativ mehr Autos und erschwinglichere Immobilien (Karte in der Bildergalerie). Hinter dem aktuellen Tarifstreit steht auch eine prinzipielle Frage: Müssen wir alles angleichen?

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