Angriff der Produkt-Piraten

Wie sich Industrie-Unternehmen vor Ideenklau schützen


Schweinfurt/Nürnberg/München. Produktpiraten nehmen immer häufiger Technik und Maschinen ins Visier: Schaltkreise, Gehäuse und Verpackung oder ganze Anlagen werden dreist kopiert.

50 Milliarden Euro Schaden im Jahr

Plagiate, also illegal nachgemachte Produkte, kosten die deutsche Industrie 50 Milliarden Euro im Jahr, schätzt das Bundeswirtschaftsministerium. Allein im Maschinenbau stieg der Schaden in den letzten zwei Jahren um ein Viertel auf 8 Milliarden Euro, so der Branchenverband VDMA. Zwei Drittel der Betriebe sind demnach von Raubkopien betroffen. Auch in der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie.

Illegale Hersteller setzen perfide Techniken ein, um Nutzer hinters Licht zu führen, klagt etwa der Wälzlager-Hersteller SKF in Schweinfurt. Fälscher stecken minderwertige Lager in täuschend echte Verpackungen, arbeiten verschlissene Teile auf, um sie wie neue zu vertreiben. „Gefälschte Industrieprodukte wie Wälzlager sind leider weiter verbreitet als bekannt, selbst in Europa“, so die Firma. „Kopierte Lager können plötzlich ausfallen und Mensch und Maschine gefährden.“

SKF praktiziert daher null Toleranz gegenüber Piraten: „Wir unterstützen weltweit rechtliche Maßnahmen“, heißt es, „um gegen Firmen vorzugehen, die Kunden mit Fälschungen betrügen.“ Wie viele Unternehmen markiert man Produkte mit einer fälschungssicheren Kennung, um Original und Billigkopie zu unterscheiden. Das ist technisch möglich (siehe unten: Schon gewusst?).

Neben Markenrechten und Patenten setzt SKF auf Aufklärung: „Der sicherste Weg, Schaden vorzubeugen, ist, Produkte nur von zugelassenen Vertragshändlern zu kaufen.“ Dann passiert auch das nicht: Ein Stahlwerk musste den Betrieb stoppen, nachdem es 1.000 gefälschte Lager bezogen hatte – die dann nach kurzer Zeit schlappmachten.

Das Nürnberger Unternehmen Semikron rät, im Fall eines Verdachts die Lieferantenkette zu prüfen. Die Firma stellt Leistungselektronik her, die Strom steuert und regelt, etwa in Windkraftanlagen und in Elektro-Fahrzeugen. „Gefälschte und umetikettierte Produkte sind das größte Problem“, sagt Thomas Grasshoff, der Leiter des Produktmanagements.

Zwei Drittel der gefälschten Waren kommen aus Asien, belegen Zahlen des deutschen Zolls

Zwei Drittel der beschlagnahmten Waren stammen aus Asien, so der deutsche Zoll. „Produktpiraterie ist auf den asiatischen Märkten besonders ausgeprägt“, berichtet auch Jürgen Cammann, der Vorstandssprecher der Schaltbau Holding AG in München.

Schaltbau, ein Hersteller von Verkehrstechnik, hat Werke in Südkorea und eine Tochtergesellschaft in China. Dort passt das Unternehmen besonders gut auf, dass in der alltäglich praktizierten Zusammenarbeit mit lokalen Partnern kein Wissen verloren geht.

„Dass sich der Schaden durch Produktpiraterie in Grenzen hält, liegt daran, dass wir Nischenprodukte produzieren“, sagt Cammann. Schaltbau ist Marktführer für sogenannte Schnapp-Schalter von Zugtüren. Der Unternehmenschef: „Sicherheit geht vor. Wegen ein paar Euro weniger gehen die Kunden kein Risiko ein.“

Schon gewusst?

Im Symbolbild: Elektronischer „Fingerabdruck“. Montage: Aisec

Neue Abwehrtechnik

• Gerade in Schaltungen und Software steckt oft die ganze Forschungsarbeit eines Unternehmens. Und das zieht Fälscher magisch an. „Werden diese inneren Werte der Maschinen ausspioniert, verpufft jahrelange Mühe in Sekunden“, sagt Professorin Claudia Eckert, die Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Angewandte und Integrierte Sicherheit (AISEC) in München.

• Das Institut hilft Firmen, Lücken im Produktschutz zu schließen: Mit elektronischen „Fingerabdrücken“ in den Schaltkreisen, dem Verschlüsseln sensibler Informationen oder technischen Markierungen können Firmen ihr Wissen schützen.

• Die neueste Enwicklung der Fraunhofer-Forscher ist ein elektronisches Schutzsiegel für elektronische Schaltungen. Die Platine mit den Chips wird dazu mit einer Folie verschweißt. Versucht man diese abzuziehen, werden die sensiblen Daten gelöscht.

Interview

Stefan Heissner. Foto: Ernst & Young

„Blitzschnell wird kopiert“

Ideenklau trifft auch die Industrie. Fragen an Stefan Heiss­ner von der Unternehmensberatung Ernst & Young in Düsseldorf.

Was wird besonders oft angegriffen?

Bekannte Marken und Produkte, die man billig herstellen, aber teuer verkaufen kann. Die größte Gefahr ist, dass der Schwindel nicht sofort auffliegt. Gefälschte Medikamente ohne Wirkstoffe sind zum Beispiel ein Gesundheitsrisiko.

Wer sind die Fälscher?

Das reicht vom kleinen Auftragsfertiger in Asien, der sich mit der Produktion gefälschter Teile unerlaubt etwas dazuverdient, bis zu kriminellen Banden, die mittlerweile auf der ganzen Welt zuschlagen.

Wie kommt kopierte Ware auf den Markt?

Die Fälscher-Industrie nutzt vor allem das Internet als anonymen Vertriebskanal. Sie kopiert neue Ideen blitzschnell. Zudem wird versucht, gefälschte Zulieferteile in die Produktion zu schleusen.

Wie können sich Firmen schützen?

Sie müssen für Rechtssicherheit sorgen, also Patente und Markenrechte auch im Ausland anmelden, die Märkte beobachten und entschlossen handeln, sobald verdächtige Produkte auftauchen. Technische Markierungen wie Hologramme helfen, das Original von Fälschungen zu unterscheiden.

Mehr zum Thema:

Abicor Binzel aus Buseck bei Gießen ist weltweiter Marktführer für Schutzgas-Schweiß- und Schneidbrenner – sowie ein Opfer von Produktpiraterie. Und diese ist gefährlich: für die Gesundheit der Verbraucher wie für Jobs.

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